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«Die Jagd auf die Krawallbrüder ist eröffnet»
Aus News Plus vom 25.01.2021.
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Corona-Krawalle Zerstörungswut auf den Strassen der Niederlande

«Corona-Hooligans» leben ihre Gewaltfantasien aus, darunter mischen sich Jugendliche. Korrespondentin Elsbeth Gugger über den Covid-Burnout in den Niederlanden.

Die Bilder der Corona-Krawalle in den Niederlanden gehen um die Welt. Brennende Autos, Plünderungen, Molotow-Cocktails und Steine fliegen durch die Luft. Die Polizei antwortet mit Tränengas, Wasserwerfern und Festnahmen. Schliesslich brennt ein Corona-Testzentrum – der symbolische Höhepunkt einer Nacht der Randale.

Am Tag danach geisselt Premier Mark Rutte die «kriminelle Gewalt». Uch SRF-Korrespondentin Elsbeth Gugger ist schockiert über die Gewalteskalation. Gugger lebt seit 30 Jahren in den Niederlanden.

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Aus dem Archiv: Gewaltsame Proteste gegen Corona-Massnahmen in den Niederlanden
Aus News-Clip vom 25.01.2021.
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«Es gibt hier immer mal wieder Krawalle. In dem Ausmass, so flächendeckend und zerstörerisch, habe ich das aber noch nie erlebt.»

Viele Jugendliche mussten ganz offenbar ihren Frust loswerden. Sie haben genug vom Drinnensitzen.
Autor: Elsbeth GuggerSRF-Korrespondentin in Amsterdam

Ihren Anfang nahmen die Unruhen am Sonntagnachmittag. Verschiedene Gruppen protestierten in niederländischen Städten gegen die verschärften Corona-Massnahmen. Als die Polizei die zuvor verbotenen Demonstrationen auflösen wollte, eskalierte die Gewalt.

Auch in anderen europäischen Ländern gibt es regelmässige – mehr oder minder friedliche – Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen. Oft marschieren Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, Seite an Seite mit zweifelhaften Gestalten.

Corona-Demo in Amsterdam
Legende: Ein «bunter Mix»: Wie hier in Amsterdam demonstrierten zunächst unterschiedliche Gruppierungen gegen die Corona-Massnahmen. Dann schlugen die Proteste in Gewalt um. Keystone

Auch in den Niederlanden habe es sich zunächst um ein «Sammelsurium» von Demonstranten gehandelt, berichtet Gugger. «In Enschede im Süden des Landes und in Amsterdam reichte die Skala von Corona-Leugnern bis hin zu Impfgegnern.»

Die Krawallbrüder übernehmen

Mit Einbruch der Dunkelheit wandelte sich die Szenerie. «Zurück blieben viele Junge, die auf Krawall aus waren», so Gugger. «Die Palette reichte von Besoffenen, Zugekoksten bis zu bewaffneten Schlägertypen, oder wie einer der Bürgermeister sie nannte: ‹Corona-Hooligans›.»

Doch warum eskalierte die Gewalt ausgerechnet an diesem Wochenende? In den Niederlanden gab es seit Beginn der Pandemie wiederholt strenge Shutdowns. Guggers einfache wie einleuchtende Antwort: «Viele Jugendliche mussten ganz offenbar ihren Frust loswerden. Sie haben genug vom Drinnensitzen.»

Eskalation mit Ankündigung

Die abendliche Ausgangssperre brachte das Fass zum Überlaufen – in den sozialen Medien organisierte sich seit Tagen der Widerstand. «Schliesslich spielte noch etwas anderes mit», sagt Gugger. «Die Menschen in den Niederlanden mögen es nicht, wenn ihnen der Staat Auflagen macht.»

Und diese Auflagen haben es in sich. «Skifahren würde hier, wenn das in dem flachen Land überhaupt möglich wäre, absolut nicht drin liegen.»

Die Niederlande machen dicht

Ausser Velofahren und Spazieren sind Freizeitbeschäftigungen im Freien tabu. Draussen wie drinnen darf man sich nur mit einer Person treffen, die nicht dem eigenen Haushalt angehört. Das Gastgewerbe ist bereits seit Mitte Oktober dicht, Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen oder auch Coiffeursalons sind seit über einem Monat geschlossen. Zudem herrscht seit Samstagabend eine landesweite Ausgangssperre ab 21 Uhr.

Michael Rauchenstein, SRF-Korrespondent in Brüssel, schreibt dazu: «Während es in Frankreich oder in Belgien seit Monaten eine solche Ausgangssperre gibt, waren sich die Politikerinnen und Politiker der Tragweite dieser Ausgangssperre in den Niederlanden bewusst. Nach der sogenannten ‹Sperrzeit› während des Zweiten Weltkrieges gab es bis zum vergangenen Wochenende keine solche Ausgangssperre mehr.»

Auch in den Niederlanden bleibt die Zahl der Neunansteckungen hoch. Die wissenschaftliche Taskforce der Regierung warnt vor «britischen Zuständen» bis Ende März, sollte sich die Corona-Mutation ungebremst ausbreiten. Die Ausgangssperre sei unumgänglich.

Die Parole im Land lautet «Durchhalten». Auch wenn Medien und Politik durchaus Verständnis für den Unmut der «Generation Corona» haben. «Die Ungewissheit, wie lange das alles noch dauert, ist frustrierend. Das macht viele einfach fertig», sagt Gugger. Und spricht damit vielen Menschen aus dem Herzen – nicht nur in den Niederlanden.

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SRF 4 News, 25.01.2021, 12 Uhr;

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128 Kommentare

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  • Kommentar von Stefanie Pollinger  (steffpoll73)
    Ich interessiere mich mehr für was ursprünglich mal demonstriert wurde. Eine Ausgangssperre nach 21 Uhr? Es ist Winter und kalt, nichts ist geöffnet, da könnte man sich denken, wer will da schon vor die Türe? Es geht hierbei aber nicht um Zumutbarkeit sondern um Verhältnismässigkeit. Denn ohne Verhältnismässigkeit lassen sich keine Grundrechte einschränken. Wo finde ich die grossangelegte Studie, die beweist das solche Massnahmen wirksam sind? Interessiert sich dafür noch jemensch?
  • Kommentar von Werner Gerber  (1Berliner)
    Auch wenn ich Gewaltexzesse verurteile, bitte ich um Differenzierung:
    -der von einem abgewählten Präsident aufgestachelte Mob,
    - der Aufstand gegen Diktatoren in RU und Belarus
    - die Demos von Umweltaktivisten
    und die bestimmt sinnlose Zerstörungswut der Gelbwesten und jetzt in NL, alles unterschiedliche Phänomene und Ursachen
    Es nützt nichts wenn wir auch das Hirn ausschalten.
    1. Antwort von Thomas Bünzli  (Tumasch)
      Gebe Ihnen recht - sehr unterschiedliche Ausgangslagen und teils auch absolut friedliche und berechtigte Demos. Hier in diesem Artikel geht es aber um die Randale in Holland, und da habe ich, wie schon erwähnt, Null Toleranz oder Verständnis!
    2. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Aber Sie haben diese Randale mit dem Sturm aufs Capitol verglichen.
      Geht nicht: hier sinnloser Exzess der Ohnmacht dort Umsturzphantasien der abgewählten Macht.
    3. Antwort von Thomas Bünzli  (Tumasch)
      @ Gerber: Nein, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich habe gemeint, dass man nicht erpressbar werden darf gegenüber einem Mob und da das Beispiel Capitol gebracht - die Randale in Holland hat für mich nichts mit dem rechtsradikalen Mob am 6.1.21 zu tun!
  • Kommentar von Thomas Bünzli  (Tumasch)
    Gemäss mehreren holländischen Medien haben Randalierer in drei Städten versucht, in Spitäler einzudringen - vielleicht hat ja irgend ein Kommentarschreiber, der diese Ausschreitungen verharmlost, eine Erklärung für dieses Verhalten. Bis dahin ist das für mich das ekelerregende Verhalten von Corona-Skeptikern, die die Lage in den Spitälern " kontrollieren " wollen - null Toleranz und Verständnis von meiner Seite und hoffentlich mit den entsprechenden Konsequenzen!