Zum Inhalt springen

Header

Video
Lockdown in Südafrika
Aus Tagesschau Spezial vom 23.03.2020.
abspielen
Inhalt

Covid-19 in Südafrika Stresstest für ein instabiles Land

Südafrika, das Powerhouse von Afrika, geht für drei Wochen in den Lockdown. Eine Geschichte in Bildern.

Der Lockdown ist ein riesiges gesellschaftspolitisches Experiment für ein Land, das zu den Ländern mit der ungleichsten Wohlstandsverteilung der Welt gehört. Die südafrikanische Regierung, die schon vor dem Coronavirus mit Korruption und Inkompetenz eine prekäre wirtschaftliche Situation geschaffen hat, muss nun beweisen, dass sie in der Tat über sich hinauswachsen kann und dass die mehrheitlich armen Menschen am Schluss nicht noch ärmer sind.

Die Stadt Johannesburg.
Legende: SRF/Cristina Karrer

Johannesburg ist mit knapp sechs Millionen Einwohnern die grösste Metropole des Landes. Sie gilt als das Corona-Epizentrum von Südafrika. Hier werden die meisten Ansteckungen verzeichnet, denn hier, im Wirtschaftszentrum des Landes, kamen die meisten jener an, die sich in Europa, China oder Amerika angesteckt haben.

Dazu kommt, dass allein in Johannesburg eine halbe Million Menschen mit HIV/Aids leben, Südafrika hat in Afrika die meisten HIV/Aids-Infektionen und auch eine grosse Gruppe an Tuberkulose-Patienten. Das heisst, hier sind die Schwachen nicht auf die ältere Bevölkerungsgruppe begrenzt, sondern verteilen sich über sämtliche Altersgruppen.

Eine Villa in Südafrika.
Legende: SRF/Cristina Karrer

In einer Villa mit riesigem Garten, wie es um Johannesburg herum viele gibt, lässt es sich gut 21 Tage leben. Die Luft ist frisch, die Hunde haben Auslauf, die soziale Distanz ist kein Problem. Die Regierung appellierte an genau diese Reiche, dass auch sie nun in ihren überproportionierten Häusern bleiben und eben nicht in ihr Ferienhaus an der Küste fahren.

Denn genau so reiste das Virus bereits von Kapstadt in den 3000 Kilometer entfernten Norden, wo einige Begüterte sich eine gute Zeit auf einer Edelranch machen wollten und prompt die ersten Menschen unter der lokalen Bevölkerung ansteckten. Während die Angesteckten es sich auch in der Quarantäne gut gehen lassen können, gibt es für die einheimische Bevölkerung kaum funktionierende Spitäler.

Leere Regale in einem Shoppingcenter.
Legende: SRF/Cristina Karrer

So sieht es nun jeden Tag nach 10 Uhr aus: leer. Die Hamsterkäufe können sich auch nur die Reichen leisten, erst recht in diesem Laden. Alle anderen, angefangen mit der unteren Mittelklasse, kaufen genau einmal pro Monat ein. Am Zahltag. Dann wird, nach dem Abzahlen der Raten für Fernseher, Couchgarnitur und anderem, ein genau kalkulierter Betrag für das Essen ausgegeben. Und das muss für einen Monat reichen.

Waschbecken in einem Einkaufscenter.
Legende: SRF/Cristina Karrer

Das neuartige Coronavirus ist innerhalb weniger Tage für alle sichtbar geworden, noch bevor es 100 Ansteckungen gegeben hat. Die Regierung hat schnell gehandelt. In den Shoppingcentern, wo die meisten einkaufen gehen, standen im Nu Waschbecken und entsprechende Anleitungen.

Zwei Haushälterinnen.
Legende: SRF/Cristina Karrer

Diese beiden Frauen reinigen seit Jahren die Häuser der Reichen. Sie gehörten zu den Ersten, die in Gefahr waren, sich von Covid-19 anzustecken, nämlich von jenen, die im Ausland waren. Unter rassistischen Menschen zirkulierte auf Twitter trotz dieser Tatsache die Behauptung, die Hausangestellten seien jene, die ihre Hausherrinnen anstecken wollten.

Eine Behauptung, die zeigt, wie gross das Misstrauen und wie gespalten Südafrikas Bevölkerung immer noch ist. Diese beiden Frauen wissen bereits, dass sie im Lockdown nicht mehr arbeiten dürfen. Nun hängen sie vom Gerechtigkeitsempfinden ihrer Hausherrinnen ab. Werden letztere weiter bezahlen oder nicht?

Ein Minibus in Südafrika.
Legende: SRF/Cristina Karrer

Ein typischer Minibus für jene, die sich kein Auto leisten können, um damit die meist grossen Distanzen zum Arbeitsplatz zu bewältigen. Diese Busse transportieren monatlich 3.6 Millionen Menschen, beinahe Zweidrittel von Südafrikas Bevölkerung sitzt in einem solchen Bus, in der Regel dicht aneinander gedrängt.

Das Taxibusiness ist hart umkämpft, es kommt immer wieder zu Kriegen unter Taxibesitzern. Hier gilt: no work pay. Sie alle dürfen unter dem Lockdown nur jene zur Arbeit fahren, denen es noch erlaubt ist zu arbeiten und die kein Homeoffice machen können. Ihre Verluste werden riesig sein, es ist noch unklar, wie sie sich im Lockdown langfristig verhalten werden.

Drei Frauen aus Südafrika.
Legende: SRF/Cristina Karrer.

Drei Frauen von insgesamt sechs, die in einem kleinen Township-Haus wohnen. Drei Generationen auf engstem Platz. Für sie ist social distancing ein Privileg der Reichen und ihr Unmut auf die Reichen ist zu spüren. «Ich habe noch nie einen Flughafen von innen gesehen», sagt die betagte Grossmutter, die nur mit Mühe laufen kann und darum nicht auf dem Foto ist. «Doch einer, der mit dem Virus kam, ging in der Schweiz Skifahren und dafür müssen wir nun büssen. Einmal mehr kommen wir zuletzt.»

Enge im Squatter Camp.
Legende: SRF/Cristina Karrer

In ganz Südafrika gibt es am Rande der Städte sogenannte illegale Siedlungen, nicht zu verwechseln mit Townships. Es sollen über 2700 solcher Slums existieren, mehrere Millionen leben aufeinander, Dutzende teilen sich einen Wasserhahn oder eine Toilette. Dass es einen Virus namens Corona gibt, hat sich hier herumgesprochen, viele haben Angst und fragen nach einem Medikament. Wie das Virus wirkt, weiss hier niemand. Viele glauben, dass es nur die Reichen befällt.

Der informelle Sektor in Südafrika.
Legende: SRF/Cristina Karrer

Secondhand-Kleider verkaufen, kleine Mengen an Gemüse – egal was, das alles fällt unter den informellen Sektor, der in Südafrikas Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt. Schätzungsweise drei Millionen Menschen arbeiten in diesem Sektor. Die Gärtner aus Zimbabwe oder Malawi, die Automechaniker, die um die Ecke einen Blechschaden für wenig Geld reparieren – viele von ihnen dürfen im Lockdown nicht mehr arbeiten.

Und wie genau die Regierung für sie sorgt, ist unklar. Es heisst, für kleine und mittlere Unternehmen und solche, die Arbeit wegen des Virus verlieren, sei ein Entschädigungsfonds geschaffen worden. Für den informellen Sektor werde noch an einer Lösung gearbeitet und die Korruption, die bei grossen zu verteilenden Summen schnell grassierte, werde aufs härteste bekämpft.

Der wirtschaftliche Stresstest für Südafrika ist wie eine eigene Welle. Sie ist erst am Anrollen. Man kann nur hoffen, dass sie nicht grösser sein wird als die virale Welle und das Land unter sich begraben wird.

Cristina Karrer

Cristina Karrer

Freie Afrika-Korrespondentin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Cristina Karrer ist freie Publizistin und arbeitet als Afrika-Korrespondentin für SRF. Seit 2001 hat die Afrika-Expertin Simbabwe unzählige Male für Reportagen und Nachrichtenberichte bereist. Zudem lebt die 58-Jährige seit 2002 im südafrikanischen Johannesburg.

Tagesschau Spezial, 20.05 Uhr, 23.03.2020

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Bis auf zwei beschriebenen Probleme haben alle osteuropäischen Staaten genau die gleichen Probleme, wie Südafrika. Die zwei Ausnahmen sind: HIV-Infektionen (dafür Tuberkulose, Alkohol, Rauchen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Volkskrankheit) und die Slums. Die Slums in Osteuropa sind zugegebenerweise wesentlich kleiner, doch genauso heruntergekommen und bilden zu Zeiten vom C-Virus auch ein Riesenproblem wegen der Durchmischung. SA ist in meinen Augen nicht schlechter bestellt als OstEU.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Roger Stahn  (jazz)
    «Doch einer, der mit dem Virus kam, ging in der Schweiz Skifahren und dafür müssen wir nun büssen. Einmal mehr kommen wir zuletzt.» Ohne diese Aussage der Grossmutter anzweifeln oder werten zu wollen (die Schweiz belegt ja einen Spitzenplatz weltweit pro 1 Mio. Einwohner mit Corona-Infizierten), ist also auch in Südafrika (G20-Mitglied) der Globalisierungsfrust zu hören. Hoffentlich nutzen alle Menschen die Zeit während des 'Lockdown' zur Besinnung und konkreter Praxis für eine bessere Zukunft.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Thomas Steiner  (Thomas Steiner)
      Die Probleme waren schon zu Zeiten der Apartheit hausgemacht und auch jetzt sind es auch jetzt noch, so schamlos wie sich zb Jacob Zuma und seine Entourage hat sich kaum ein afrikanischer Präsident an der Staatskasse bedient. Die Misswirtschaft des ANC ist legendär, von der Globalisierung hat nur die reiche Elite etwas mitbekommen, die ihren Reichtum noch aus Kolonialzeiten besitzt..
      Ablehnen den Kommentar ablehnen