Zum Inhalt springen

Header

Video
Grossbritannien: Corona-Versuche an Menschen
Aus Tagesschau vom 19.02.2021.
abspielen
Inhalt

Covid-Studie am Menschen Junge Briten lassen sich für Geld mit dem Coronavirus infizieren

In Grossbritannien lassen sich 90 Freiwillige mit dem Coronavirus infizieren. Es ist gemäss der britischen Regierung die erste solche «Human Challenge»-Studie weltweit. In der Schweiz wäre das kaum vorstellbar.

Der 18-jährige Alistair Fraser-Urquhart gehört zu den 90 Freiwilligen, die sich für die Wissenschaft mit Covid-19 infizieren lassen. Dafür wird er umgerechnet 5500 Franken erhalten, das entspricht in Grossbritannien etwa zwei Monatslöhnen. Doch er sagt, Geld sei nicht die Motivation: «Diese Tests können sehr viel Gutes bewirken. Es gibt ein Risiko für meine Gesundheit, aber das ist klein.»

Zimmer mit Playstation

Geplant ist, die ersten Probanden ab März in einem Londoner Spital in Einzelzimmern mit Bad, TV und Playstation zu isolieren. Sie werden infiziert und dann während zwei Wochen genau überwacht. Teilnehmen können nur gesunde Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Professor Andrew Catchpole von «hVivo» wird zusammen mit dem Imperial College London und der britischen Impf-Taskforce die Studie leiten.

Die Ansteckungszahlen sinken stark. Deshalb ist es wichtig, dass wir künftig Freiwillige haben, damit die Forschung weitergehen kann.
Autor: Peter OpenshawDirektor des britischen Rats für medizinische Forschung

Er erklärt: «In einem ersten Schritt wollen wir neue Erkenntnisse über das Virus gewinnen, beispielsweise wie das Virus sich bei jenen entwickelt, die keine Symptome zeigen, also bei den asymptomatischen Fällen.» In späteren Studien soll beispielsweise auch die Wirksamkeit von Impfstoffen genauer erforscht werden.

Junger Mann mit Jeansjacke.
Legende: Alistair Fraser-Urquhart macht nicht wegen des Geldes am Versuch mit, sondern weil diese Tests laut ihm sehr viel Gutes bewirken können. SRF

Es fehlen natürlich Infizierte

Es werde künftig an Personen fehlen, die sich natürlich anstecken, deshalb seien die Studien wichtig, ist Professor Peter Openshaw, der Direktor des britischen Rats für medizinische Forschung, überzeugt: «Die Ansteckungszahlen sinken stark. Deshalb ist es wichtig, dass wir künftig Freiwillige haben, damit die Forschung weitergehen kann.»

Eine lange Tradition

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Bei den Briten haben solche Studien eine lange Tradition. Mit dem Slogan «Haben Sie eine Nase für gratis Ferien?» wurde Werbung gemacht für einen Aufenthalt in der sogenannten «Common Cold Unit». Von 1946 bis 1989 liessen sich dort Menschen für die Forschung mit der Erkältung infizieren und durften als Gegenleistung auf dem Gelände gratis Ferien machen.

Solche Tests verlaufen nicht immer problemlos, so erkrankten etwa 2006 nach einem Medikamententest mehrere Personen schwer. Der kanadische Professor für Bioethik, Charles Weijer, sagt zur aktuellen Studie: Solange es kein Heilmittel für Covid-19 gebe, seien solche Tests unverantwortlich.

In der Schweiz wäre eine solche Studie kaum vorstellbar, der Schutz des Einzelnen wird viel höher eingestuft. Im Bundesgesetz über die Forschung am Menschen heisst es: «Die Rechte, die Sicherheit und das Wohl der Prüfungsteilnehmer geniessen oberste Priorität und haben Vorrang vor den Interessen der Wissenschaft und Gesellschaft.»

Balance zwischen Risiko und Nutzen

Diese ethische Debatte ist in Grossbritannien eine andere. Der britische Professor Terence Stephenson war Teil des Ethik-Gremiums, die die jetzige Studie abgesegnet hat: «Wir suchen eine Balance zwischen dem Risiko des Einzelnen und dem Nutzen für die Gesellschaft.»

Die Forschung von heute ist die Behandlung von morgen.
Autor: Terence StephensonMitglied des Ethik-Gremiums

Wichtig sei, dass der Mensch sehr genau aufgeklärt wird, und dass das Risiko sehr minim ist. «Deshalb nehmen wir nur junge Menschen. Bei ihnen ist das Risiko klein und wir klären sie sehr genau auf. Doch wir sind uns bewusst, dass das Risiko nicht null ist.» Der Nutzen, so ist Stephenson überzeugt, sei gross, die Studie könnte viele Leben retten. Denn: «Die Forschung von heute ist die Behandlung von morgen.»

«Ich will das Risiko auf mich nehmen»

Zurück zum 18-jährigen Alistair. Er könnte beispielsweise an den Folgen von Langzeit-Covid leiden: «Das ist mir bewusst, und ich habe sehr genau darüber nachgedacht.»

Ich will das Risiko auf mich nehmen, damit es künftig schnellere und bessere Impfstoffe gibt.
Autor: Alistair Fraser-UrquhartVersuchsteilnehmer

Sollten sich dadurch Arbeitsausfälle und grosse Folgekosten ergeben, werde die britische Regierung finanziell einspringen, erklärt Peter Openshaw. Alistair selber sagt: «Für mich überwiegen die Vorteile, nicht die Risiken. Ich will das Risiko auf mich nehmen, damit es künftig schnellere und bessere Impfstoffe gibt.»

Tagesschau, 19.02.2021, 19:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

9 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jörg Kaufmann  (jka)
    Von normal Infizierten wären sicher auch einige bereit an einer Studie teilzunehmen.
    Was man dann halt nicht kontrollieren kann ist die Art und Intensität der Ansteckung, deren Einfluss auf den Verlauf.
    Dass so eine Studie überhaupt durchgeführt werden kann verdeutlicht die allgemeine Gefährlichkeit des Virus. Obwohl es einige sehr stark trifft, die Mehrheit übersteht es recht gut. Kaum denkbar, dass man so eine Studie mit bösartigen Erregen machen könnte.
  • Kommentar von Urs Hess  (oerz)
    Würde ich sofort auch tun.
    Schon vor 10 Monaten war ich erstaunt, dass es nirgends "Immunisierungskliniken" gab, wo man sich kontrolliert anstecken und immunisieren lesen konnte.
    Kontrollierte Ansteckung halte ich bei normal Gesunden für unproblematisch.
    1. Antwort von Urs Hess  (oerz)
      *lassen
  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Wenn man sich dazu entscheidet - und es sieht aus, als wäre das Risiko wirklich sehr klein (wir leben auch mit anderen Risiken - oder war heute niemand in den Bergen?) - also wenn man sich dazu entscheidet, sollte man als erstes die Ansteckungswege untersuchen. Angesichts des Umstands, dass das RKI anfangs dringend von Obduktionen abgeraten hat, scheint es mir leider nicht unwahrscheinlich, dass man bestimmte Forschungsinteressen nicht verfolgen lässt. Vielleicht bin ich zu skeptisch.