Die Klima- und Umweltspezialistin Svitlana Sushko steht im Pavillon der Ukraine an der Klimakonferenz in Belem. Die Vertreterin des ukrainischen Umweltministeriums hält ein Vogelnest in der Hand. Es stammt aus einem Wald in Luhansk im Osten der Ukraine.
Die Vögel bauen ihre Nester aus Carbonfasern, die die Drohnen hinterlassen haben.
Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass das Nest nicht aus Ästchen, sondern zu einem grossen Teil aus Plastikfäden gemacht ist. «In den durch den Krieg zerstörten Wäldern bauen die Vögel heute ihre Nester aus Carbonfasern, die die Drohnen hinterlassen haben», sagt Sushko.
Welche Folgen solche Nester für die Vögel haben, ist unklar. Sicher ist: Der abgebrannte Wald ist ein grosses Problem fürs Klima. Und abgebrannte Wälder sind nur eine der Klimafolgen des Krieges.
Enormer Energieverbrauch durch Krieg
Auch der enorme Verbrauch an fossilen Treibstoffen durch Panzer, Raketen und Flugzeuge sowie der energieintensive Wiederaufbau von Infrastruktur schaden dem Klima.
Pavlo Kartashov, der stellvertretende Minister für Wirtschaft, Umwelt und Klima der Ukraine, betont: «Die Ukraine hat über 10'000 Fälle von Umwelt- und Klimaschäden registriert. Dafür muss Russland zur Verantwortung gezogen werden.»
Wissenschaftlich untermauert wird diese Forderung von Lennard de Klerk, dem Hauptautor der «Initiative on Greenhouse Gas Accounting of War». Das Projekt untersucht den Treibhausgas-Ausstoss von Kriegen. Er verweist auf die UNO-Resolution vom Herbst 2022, die von Russland verlangt, dass es für die Kriegsschäden in der Ukraine aufkommt.
Milliardenschäden in der Ukraine
Insgesamt 43 Milliarden US-Dollar fordert die Ukraine von Russland als Entschädigung, allein für die Klimaschäden, die der Aggressionskrieg bisher angerichtet hat. 237 Millionen Tonnen zusätzlichen CO₂-Ausstoss habe der Krieg in den letzten drei Jahren verursacht, hat de Klerk berechnet. Das ist fast doppelt so viel, wie die ganze Schweiz in dieser Zeit ausgestossen hat.
Kommt dazu, dass wegen des russischen Aggressionskriegs nun viele Länder stark aufrüsten. Ohne tatsächlich Krieg zu führen, vergrössern sie so ihren CO₂-Fussabdruck deutlich.
In der Länderrangliste der Klimasünder kommen Kriege an fünfter Stelle – hinter China, den USA, Indien und der EU. Will die Staatengemeinschaft also, wie im Pariser Abkommen vereinbart, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts klimaneutral werden, müssen auch Armeen ihren CO₂-Ausstoss reduzieren.
Nato-Generäle fordern erneuerbare Energien
Ein hoffnungsloses Unterfangen? «Nicht unbedingt», sagt de Klerk und verweist auf einen offenen Brief, den Militärexperten und pensionierte Nato-Kommandanten Mitte November den europäischen Regierungen geschickt haben. Darin steht, dass die Armeen dringend in erneuerbare Energien investieren sollten.
Das Stichwort Verteidigung nimmt der stellvertretende ukrainische Umweltminister auf: Wenn die europäischen Staaten der Ukraine helfen, sich zu verteidigen, dann verteidigen sie sich letztlich auch selbst. Das betreffe sowohl Sicherheitsaspekte als auch klimapolitische, ist Pavlo Kartashov überzeugt.
Klimapolitik ist also mehr denn je auch Sicherheitspolitik – und umgekehrt.