Dem Westen fehlen die Rezepte gegen den IS

Der Einmarsch der Amerikaner hat den Irak in ein Pulverfass verwandelt. Am Mittwoch erschütterte ein Video die Welt, in dem ein Kämpfer der Terrormiliz IS einen Journalisten köpft. Die Schuld an dieser Entwicklung trifft aber nicht nur die USA.

Zwei irakische Soldaten im Training rennen nebeneinander durch ein Feuer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schiitische Freiwillige trainieren mit der irakischen Armee für den Einsatz gegen IS-Kämpfer. Reuters

Die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) kämpft mit allen Mitteln: Im Internet mit modernsten Mitteln wie Videobotschaften, in Irak und Syrien überrennt sie brutal wie im Mittelalter die Gegner. Wer nicht Sunnit ist, wird bekehrt oder kurzerhand ermordet.

Dass es so weit kommen konnte, schreiben viele den Amerikanern zu, genauer Ex-Präsident George W. Bush. Indem er in den Irak einmarschierte, um Saddam Hussein zu stürzen, habe er den Grundstein zur heutigen Entwicklung gelegt.

Heutige Probleme im Irak hausgemacht

«Der Einmarsch in den Irak 2003 war ein Fehler», sagt auch Volker Perthes. Er ist Nahost-Experte und Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. «Er basierte auf der Idee, dass man die Region von aussen, also mit Hilfe von US-Truppen, reorganisieren könne.» Das sei bekanntlich nicht gelungen.

«Gleichwohl liegt die Verantwortung für das, was wir heute sehen – den Staatszerfall, schlechte Regierungsführung – bei den lokalen Akteuren», fügt Perthes hinzu. «Ein weiterer Fehler war es, die irakische Armee aufzulösen und die Offiziere bewaffnet und mit ihren Soldaten nachhause gehen zu lassen.» Ihnen seien keine alternative Beschäftigungen angeboten worden, um ihre Familien zu unterhalten.

Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten

«Das ist dem Amerikanern dann schnell selbst klar geworden», sagt Perthes. Die USA hätten ein paar Jahre später versucht, das zu korrigieren, in dem sie die Stammesmilizen ausrüsteten und unterstützten. Die Sunniten fühlten sich dennoch ausgegrenzt. Hinzu kam, dass die USA mit Nouri al-Maliki einen Schiiten als Premier einsetzten, und die Sunniten ein weiteres Mal nicht berücksichtigt wurden.

Dafür, dass sich die Sunniten radikalisierten und eine Organisation wie IS entstand, trügen die USA aber auch nicht die alleinige Schuld, erklärt der Nahost-Experte. «Maliki hat sich im Spiel der Kräfte im Irak durchgesetzt.» Und er habe es verstanden, externe Unterstützer, Iraner wie Amerikaner, zu manipulieren und auf seine Seite zu ziehen. «Seine Gegner hätten vielleicht eine inklusivere Politik betrieben.»

IS steht für mittelalterliches Staatskonzept

Angesichts der Erfolge des IS ist eine gewisse Hilflosigkeit der USA und des Westens spürbar. Dieser Ansicht ist auch Perthes: «Wir haben keine echten Rezepte, wie wir mit einem Phänomen wie dem so genannten Islamischen Staat umgehen sollten.» Es sei ein mittelalterliches Konzept von Kontrolle und Dominanz.

«Wir müssen es uns abschminken, dass wir von aussen die Region reorganisieren könnten.» Man könne bestenfalls lokalen Akteuren helfen – der kurdischen Regionalregierung oder auch einer neuen Regierung in Bagdad, meint Perthes. Sie bräuchten mehr Schutz, um ihrer Bevölkerung eine bessere Zukunft zu sichern.

«So verhindern wir, dass die Menschen terroristischen Organisationen wie der IS in die Arme laufen», ist der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik überzeugt. Waffenlieferungen an die Kurden, wie sie Deutschland und Italien schon beschlossen haben, seien «von allen schlechten Alternativen wahrscheinlich die beste».