Die britische Politjournalistin Anne McElvoy kennt Ghislaine Maxwell aus Studientagen. Im Gespräch erklärt sie, wie aus ihrer früheren Freundin eine Komplizin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein werden konnte und wie sein Netzwerk aus Politik und Wirtschaft funktionierte.
SRF: Sie kannten Ghislaine Maxwell aus Oxford. Wie bringen Sie das Bild der damaligen Freundin mit der verurteilten Zuhälterin zusammen?
Anne McElvoy: Die Ghislaine, die ich kannte, war offen, witzig und glamourös. Aber sie musste schon früh für ihren Vater, den umstrittenen Verleger Robert Maxwell, als eine Art Mitarbeiterin fungieren und dafür sorgen, dass die richtigen Leute im Raum waren. Diese Rolle hat sich später auf verhängnisvolle Weise in ihrer Beziehung mit Jeffrey Epstein fortgesetzt. Was sie tat, kam für mich und alle, die sie von früher kannten, einem Schock gleich.
Sie hat diese Opfer nicht als Frauen auf Augenhöhe mit ihren Freundinnen aus Oxford gesehen, sondern als eine andere Kategorie Mensch, die zur Bedienung von Epstein da war.
Als Frau einem Mann minderjährige Mädchen zuführen – wie konnte sie das tun?
Ich glaube, sie hat sich das so vorgestellt: Wo reiche Männer sind, gibt es immer junge Frauen, die das wollen und gut dafür bezahlt werden. Sie hat es in einer Aussage als «Entfaltungsmöglichkeit» für diese Mädchen bezeichnet, als Chance, eine neue Welt kennenzulernen. Sie hat diese Opfer nicht als Frauen auf Augenhöhe mit ihren Freundinnen aus Oxford gesehen, sondern als eine andere Kategorie Mensch, die zur Bedienung von Epstein da war. Sie tut sich heute vor allem selbst leid.
Maxwell könnte zur Aufklärung beitragen, schweigt aber eisern. Warum?
Das ist eine Strategie. Sie sitzt im Gefängnis, während viele andere Verantwortliche frei sind. Sie fühlt sich ungerecht behandelt und wartet auf eine Begnadigung, möglicherweise von Donald Trump. Sie wird die ganze Wahrheit wohl nur im Gegenzug für ihre Freiheit erzählen.
Wie konnte Epstein dieses Netzwerk aus einflussreichen Persönlichkeiten aufbauen?
Epstein hatte die Fähigkeit, die Träume der Menschen zu erfüllen. Wer reich werden wollte, bekam Geld. Wer einen aufregenden Lebensstil mit Privatjets wollte, bekam ihn. Wer seine sexuellen Fantasien ausleben wollte, durfte das tun. Er war ein zynischer Manipulator, der die Leute in eine Abhängigkeit zog.
Der Fall ist eine Mahnung, dass diese Arroganz der Macht irgendwann ein Ende findet.
Politiker sollen sogar sensible Regierungsinformationen an Epstein weitergegeben haben. Weshalb?
Informationen waren eine Währung. Man handelte damit, um in Epsteins Netzwerk aufzusteigen und von ihm weiter vernetzt zu werden. Man tauschte Geheimnisse gegen Zugang. Das ist das eigentlich Schockierende, weil es die Demokratie untergräbt.
Was ist die wichtigste Lehre aus dem ganzen Skandal?
Dass dieser Kreis aus Komplizen und Mitwissern in totaler Arroganz dachte, ihre Taten würden nie ans Tageslicht kommen. Sie glaubten, in einer privaten Welt zu leben, in der für sie keine negativen Konsequenzen entstehen. Der Fall ist eine Mahnung, dass diese Arroganz der Macht irgendwann ein Ende findet.
Das Gespräch führte David Karasek.