Es ist eines der grössten Armutsviertel der Welt: Dharavi, mitten in der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai. Bis zu einer Million Menschen leben hier. Kinder wachsen in schwierigen Verhältnissen auf. Doch es gibt einen Ort, der ihnen Hoffnung machen will: das Dharavi Dream Project, eine einzigartige Hip-Hop-Schule.
Sie tanzen auf den Händen, verrenken die Beine, drehen sich um die eigene Achse: Ein knappes Dutzend Kinder übt an diesem Spätnachmittag Breakdance-Moves in einem gelb gestrichenen, fröhlichen Raum mit Graffiti an den Wänden. Wenn die Moves gelingen, gibt es Lob von Trainer Chetan Vishwakarma, besser bekannt als B-Boy Kancha.
Breakdance, Graffiti und Beatboxing auf dem Stundenplan
Jeden Werktag um halb fünf treffen sich hier, in einer öffentlichen Schule, Slumkinder zum Hip-Hop-Unterricht.
«In unserer Schule haben wir Fächer wie Breakdance, DJ-ing, Graffiti, Beatboxing und Skating. Es gibt auch eine Theatergruppe», sagt Lehrer B-Boy Kancha, der selbst ein bekannter indischer Breakdancer ist.
Wenn ich Gutes tun will, gibt es nicht viele Möglichkeiten. Wenn ich Schlechtes tun will, wie Drogen handeln oder in einer Gang kämpfen, aber sehr viele.
Der Titel des aktuellen Theaterstücks ist Programm: «Dharavi Dream» – der Dharavi-Traum. An einer Wand hängt ein Werbeplakat mit lachenden Kindern.
In ihrem normalen Leben ist den Kindern oft nicht nach Lachen zumute. Der Mega-Slum Dharavi ist arm und dicht besiedelt, es gibt viele Probleme. Seit mehr als zehn Jahren versucht die Hip-Hop-Schule Dharavi Dream Project, rund 150 Kinder trotzdem zum Träumen zu bringen.
Ein Raum zum Reden
Dharavi sei ein rauer Ort, sagt B-Boy Kancha, der selbst als Migrantenkind in einem nahen Slum aufgewachsen ist. «Wenn ich Gutes tun will, gibt es nicht viele Möglichkeiten. Wenn ich Schlechtes tun will, wie Drogen handeln oder in einer Gang kämpfen, aber sehr viele.»
Ich bringe ihnen bei, dass wir eine Familie sind und unsere Sorgen teilen.
Einige Breakdancer haben die in Indien einzigartige Schule 2014 gegründet und halten sie mit Spenden am Leben. 15 Lehrerinnen und Mentoren holen die Kinder von der Strasse und geben ihnen neben Tanzunterricht auch Raum zum Reden. «Ich bringe ihnen bei, dass wir eine Familie sind und unsere Sorgen teilen», sagt B-Boy Kancha.
Die Kinder sitzen inzwischen im Kreis, wie immer nach dem Unterricht. Der Jüngste ist acht, die Älteste 15 Jahre alt.
B-Boy Bhim will ein berühmter Breakdancer werden
Auch Rikita ist dabei. «Ich lebe gern in Dharavi, aber die Morde und die Gewalt gegen Frauen, das mag ich gar nicht», sagt das aufgeweckte Mädchen im knallgelbem Kleid. Gefragt nach ihrem Traum sagt die 11-Jährige: «Ich möchte ein toller Mensch werden und Gutes tun.»
Bhim Rao Jogu, genannt B-Boy Bhim, neben ihr ist gerade aus der neunten Klasse geflogen. «Ich will es künftig besser machen», sagt der Junge im bunten T-Shirt in gebrochenem Englisch. Auch das hat er hier gelernt.
Gross träumen – das macht B-Boy Bhim schon jetzt: Er wolle ein berühmter Breakdancer und Skater werden und Indien damit in der ganzen Welt bekannt machen, sagt der 14-Jährige.
Zum ersten Mal im Himmel
Bis zum Weltruhm könnte es noch eine Weile dauern. Kleine Träume dagegen werden schon jetzt wahr. Für ihr Theaterstück «Dharavi Dream» durften die Kinder nach einem Jahr Probe auch in anderen Städten auftreten – und dafür ins Flugzeug steigen, wie Lehrer B-Boy Kancha erzählt.
Für die meisten war es das erste Mal, dass sie abhoben. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt zu träumen.