Die Mär von der vielzitierten «arabischen Solidarität»

Ausgerechnet die reichen Golfstaaten nehmen praktisch keine Flüchtlinge aus Syrien auf. Das trägt ihnen in den sozialen Medien in der arabischen Welt zunehmend Spott, aber auch Kritik ein. Zu Recht, findet Nahost-Experte Guido Steinberg.

Drei Zelte in der Wüste, dunkle Wolken, zwei Männer gehen vorbei. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Saudis unterstützen Flüchtlinge in Libanon und Jordanien, wollen aber keine im eigenen Land. Keystone

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Guido Steinberg

Portrait von Guido Steinberg

Der promovierte Islamwissenschaftler ist Sicherheitsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Bis 2005 arbeitete er als Terrorismusreferent für die deutsche Regierung. An der SWP erforscht er die Politik des Nahen Ostens und den islamistischen Terrorismus.

SRF News: Die Golfstaaten stehen im Internet am Pranger, weil sie keine Flüchtlinge aufnehmen. Aus welcher Ecke kommt diese Kritik?

Guido Steinberg: Diese Kritik kommt vor allem aus den Ländern, aus denen Menschen fliehen. Syrer, Iraker und Ägypter kritisieren seit mindestens zwei Jahren – von uns weitgehend unbemerkt – diesen deutlichen Unwillen der Golfstaaten, Syrer, Jemeniten oder Libyer aufzunehmen.

Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Ja, absolut. Es ist sehr auffällig, dass Länder, die so reich sind wie Saudiarabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, so gut wie keine Flüchtlinge aufnehmen. Sie sprechen immer wieder von der arabischen Solidarität, während Hunderttausende nach Europa fliehen müssen, um sich vor ihrer eigenen Regierung zu schützen. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, wieso die Golfstaaten nicht zumindest kleinere Kontingente aufnehmen sollten.

Warum sperren sich die reichen Ölstaaten denn so sehr dagegen, syrische Flüchtlinge aufzunehmen?

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Die Glückskette ruft zu Spenden für die Flüchtlinge auf. Diese können auf das Konto 10-15000-6 (Vermerk «Flüchtlinge»), auf www.glueckskette.ch oder via App «Swiss Solidarity» überwiesen werden.

Das ist seit fast 50 Jahren eine Konstante in der Politik der Golfstaaten. Diese hatten in den Fünfzigern und Sechzigern einige Probleme mit Palästinensern, Ägyptern, Irakern und Libanesen, die sich dem arabischen Nationalismus verschrieben hatten. Es gab zum Beispiel einen Putschversuch in Saudiarabien 1969.

Aufgrund dieser Ereignisse haben die Golfstaaten entschieden, die Arbeitsmigranten aus den arabischen Nachbarländern durch politisch völlig uninteressierte Südasiaten zu ersetzen. Davon wollen die Golfstaaten nicht abrücken. Es ist nicht einmal mehr die Angst vor islamistischem Terrorismus. Sie wissen, dass sie von den Bevölkerungen der Nachbarländer Syrien, Ägypten, Libanon und Irak – vorsichtig formuliert – nicht geliebt werden. Sie befürchten Probleme und wollen die Leute nicht im Land haben.

Wie sieht es auf der Seite der Flüchtlinge aus? Wollen sie überhaupt in die Golfstaaten?

Viele, die es an die Südgrenze Syriens, nach Jordanien verschlagen hat, würden gerne in die Golfstaaten gehen. Es herrscht eine Art Hassliebe. Die Syrer, Iraker und Ägypter sind in ihrer Abneigung gegenüber den reichen Golfstaaten meist vereint.

Gleichzeitig würden sie aber gerne in diesen reichen Staaten arbeiten. Das gilt besonders für die Emirate, die zumindest im religiösen Sinne viel liberaler sind als Saudiarabien. Man kann davon ausgehen, dass einige hunderttausend Flüchtlinge in die Golfstaaten gingen, wenn diese denn Syrer aufnähmen.

Dies obwohl Saudiarabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate indirekt in den Krieg in Syrien involviert sind?

Das ist einer der Kritikpunkte, der immer wieder zu hören ist. Man darf aber nicht übersehen, dass die meisten Menschen, die aus Syrien fliehen, sunnitische Araber sind. Bei denen kann man sowieso mehrheitlich voraussetzen, dass sie den Aufstand gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad wenn nicht unterstützen, so doch gutheissen.

Wenn Saudiarabien syrische Aufständische unterstützt, dann ist das durchaus auch auf der Linie vieler dieser Flüchtlinge. Eines der Argumente der Saudis ist, dass sie ohnehin schon viel für die Syrer tun, indem sie die Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon finanziell unterstützen. Und, das ist ein etwas skurriles Argument, indem sie die Aufständischen unterstützen, also eigentlich das tun, was eigentlich geboten ist, um den Syrienkonflikt zu lösen – zumindest aus der Sicht Saudiarabiens.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

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