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International Die Türkei aus Sicht eines regierungskritischen Journalisten

Der türkische Journalist Erol Önderoglu steht kommende Woche wegen «terroristischer Propaganda» vor Gericht. In Bern sprach er über die Zensur in seinem Land, das Leben im Ausnahmezustand und kritisierte das Verhalten des Westens.

Legende: Video «Die Situation ist furchtbar» abspielen. Laufzeit 01:46 Minuten.
Aus Tagesschau vom 03.11.2016.

Der Türkische Aussenminister Mevlüt Çavuşoğlu wurde am Donnerstag in Bern von Aussenminister Didier Burkhalter empfangen. Bei einer anschliessenden Medienkonferenz wies er Kritik am Vorgehen seiner Regierung seit dem gescheiterten Putschversuch entschieden zurück. – Ein ganz anderes, düsteres Bild der Entwicklungen in seiner Heimat zeichnete gleichzeitig und ebenfalls in Bern der Journalist Mevlüt Çavuşoğlu.

Önderoglu ist in der Türkei wegen Terrorpropaganda angeklagt, am kommenden Dienstag muss er sich vor Gericht verantworten.

Sein Vergehen: Er hat sich für eine regierungskritische Zeitung stark gemacht. «Man bezichtigt die Zeitung, sie mache Progapanda für die Islamisten und die PKK», erklärt Önderoglu. «Dabei macht sie nichts anderes, als fragwürdige Praktiken der Regierung aufzudecken.»

Ich wünschte mir von Europa etwas mehr Standhaftigkeit.
Autor: Erol Önderoglu

Verteidiger der Menschenrechte und kritische Medien seien in der Türkei von der öffentlichen Wahrnehmung ausgeschlossen, sagt Önderoglu. Die Regierung diskreditiere diese Kreise jeden Tag. Laut einer kürzlichen Zusammenstellung von Reporter ohne Grenzen sind derzeit in der Türkei mindestens 130 Journalisten im Gefängnis und mindestens 140 Medien wurden verboten. Allein diese Woche wurde der Chefredaktor der Oppositionspartei «Cumhuriyet» verhaftet, zusammen mit 12 weiteren Journalisten.

Zwei Demonstrantinnen halten Plakate hoch, darauf die drei verhafteten Journalisten.
Legende: Immer wieder werden in der Türkei Journalisten von oppositionellen Medien verhaftet (Bild: 24. Juni 2016). Keystone

«Die fragwürdigen Praktiken der Regierung kritisieren, von korrupten Politikern sprechen, von unerlaubter Einmischung im Syrienkonflikt – alle diese Enthüllungen sind in den grossen türkischen Medien Tabu», so Önderoglu. Die Lage in der Türkei sei furchtbar, sagt der Journalist.

Ausnahmezustand und Antiterror-Gesetze

Seit dem Putschversuch in diesem Sommer herrscht im Land der Ausnahmezustand, die Staatsanwaltschaft stützt sich auf umstrittene Antiterror-Gesetze. Auch Önderoglu wurde das zum Verhängnis, als sich der türkisch-französische Doppelbürger an einer Solidaritätskampagne mit der pro-kurdischen Tageszeitung «Özgür Gündem» beteiligte.

Er kam zehn Tage später dank ausländischem Drucks frei. Am kommenden Dienstag beginnt in Istanbul der Prozess gegen ihn. Önderoglu drohen bei einem Schuldspruch bis zu 15 Jahre Gefängnis. Sein Land verlassen will er trotzdem nicht.

Önderoglu ist enttäuscht von Europa und der Schweiz: «Ich wünschte mir von Europa etwas mehr Standhaftigkeit, wenn es darum geht, universelle Werte wie Demokratie zu verteidigen.»

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Gereiztheit zwischen Ankara und Berlin dürften wohl bereits in dieser Woche deutsche Politiker persönlich erleben. Falsche Rücksichtnahme mit Ankara bezahlen die Mutigen in der Türkei den Preis und werden noch stärker zur Zielscheibe Erdogans. Der türkische Präsident Erdogan geht hart gegen seine Kritiker vor. Auch Merkel bekommt den Zorn Erdogans zu spüren - weil die Kanzlerin die Festnahmen bei der Oppositionszeitung "Cumhuriyet" kritisiert hat, droht Ankara mit einem Aus des Flüchtlingsdeals.
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Es gib immer wieder Hinweise, dass der Daesh (IS) von der Türkei gesponsert wird und sich darüber hinterrücks auch bereichere. Dass nun die Daesh-Hochburg Mossul durch die irakische Armee erobert werden könnte, passt da gar nicht in die Pläne der Türkei, die der Daesh-Bande mit Unruhestiftung bei der irakischen Armee quasi die Tür offenhalten und die Daesh-Terroristen sich weiter verschanzen oder fliehen können. Die Türkei unter der Führung R. Erdogans erweist sich zunehmend als zwielichtig.
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    1. Antwort von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
      2) Schlimm ist es für die Bewohner von Mossul, die weiterhin in der Gewaltzange des Daesh sind. Mit jeder verlorenen Minute steigt die Opferzahl. Es ist daher kontraproduktiv, wie eigenächtig die Türkei agiert und provoziert.
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Die Identität zu hinterfragen mag nicht einfach aber heilsam sein. In Bezug auf Glaubensmuster kann man nicht genug zweifelnder Thomas sein. Neuerdings finde ich solche überidentitäts-muster in immer mehr Firmen. Nicht etwa nur bei den Türken. Je schneller ein Mensch seien eigene Identifizierung aufbaut und danach durchschaut, desto reifer ist er. Die Identifizierung ist nur eine Seite der Münze Die Ent-Identifizierung die andere. Ist der Kreis geschlossen nennt man es Erwachen Das ist Evolution
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