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In London sollen alle Statuen überprüft werden
Aus SRF 4 News aktuell vom 11.06.2020.
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Diskussion um Statuen «Es braucht eine historische Auseinandersetzung»

In den USA und in Europa werden im Rahmen der Demonstrationen gegen Polizeigewalt historische Statuen zum Ziel der Proteste. Die koloniale Vergangenheit dürfe nicht mehr öffentlich gefeiert werden, fordern Aktivisten und Aktivistinnen.

Die Zerstörung oder Entfernung von Statuen sei jedoch nicht unbedingt der richtige Weg, um mit dem ungeliebten historischen Erbe umzugehen, sagt die Historikern Gesine Krüger. Viel besser sei eine vertiefte Auseinandersetzung im Einzelfall.

Gesine Krüger

Gesine Krüger

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Die Historikerin Gesine Krüger, Link öffnet in einem neuen Fenster von der Universität Zürich forscht unter anderem zu Erinnerungspolitik.

SRF News: Kann das Beseitigen von Statuen dabei helfen, Rassismus zu bekämpfen?

Gesine Krüger: Mit solchen symbolischen Akten wird das Problem natürlich nicht direkt bekämpft. Aber das Problem wird dadurch deutlich. Deshalb sind solche Akte so kraftvoll. Bei den Statuen geht es nie bloss um eine einzige Geschichte – mit ihnen sind sehr viele historische Schichten verbunden. Auch, wenn derzeit der Rassismus natürlich im Vordergrund steht.

Statue Leopolds auf einem Pferrd, mit Farbe verschmiert.
Legende: In Belgien wurde die Statue von Leopold II. mit Farbe verschmiert – jetzt soll sie ins Museum. Reuters

In London soll eine Kommission prüfen, welche Statuen entfernt werden sollen. Wie sinnvoll ist es, dass die Behörden bei diesem Thema proaktiv vorgehen?

Als der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ankündigte, die Statuen und Strassennamen zu überprüfen, die mit Sklaverei und Rassismus zu tun haben und diese zu «entfernen», wurde er kritisiert. Die Kritiker fragten, wo dieser Prozess aufhören soll – ob denn auch Statuen von Churchill entfernt würden. Der Bürgermeister antwortete, dass alle Statuen überprüft würden – auch jene von Winston Churchill und Mahatma Gandhi.

Es gibt andere Wege, sich mit Statuen auseinanderzusetzen.

Ich sehe dieses Vorgehen kritisch: Denn dazu müssen paritätische Kommissionen eingesetzt und Regularien definiert werden. Das aber führt zu einer Geschichtsbetrachtung, die wir Historiker ablehnen, denn es geht bei Geschichte nicht um gut oder schlecht.

Allerdings befand sich Kahn in einer Zwickmühle, denn er konnte nicht einfach sagen, das Thema Statuen interessiere ihn nicht. Vielleicht gibt es aber andere Wege, um sich mit der Bedeutung von Statuen auseinanderzusetzen. Etwa, indem man Bürgerinitiativen unterstützt.

Statue ohne Kopf, im Hintergrund eine wehende US-Flagge.
Legende: Kopf weg: In Boston wurde die Kolumbus-Statue von Demonstranten beschädigt. Reuters

Das hat bei der Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in Bristol, England, nicht funktioniert: Das Problem musste jetzt quasi gewaltsam gelöst werden. Haben die Behörden das Problem zu wenig ernst genommen?

Seit den 1990er Jahren wurden in Bristol von Bürgerinitiativen Petitionen eingereicht, die den Abbau der Statue verlangten; es wurde darüber diskutiert. Aber wenn die Behörden dann einfach auf stur schalten, ist das sicher nicht die richtige Politik.

Wenn die Behörden einfach auf stur schalten, ist das sicher nicht die richtige Politik.

Es geht vielmehr darum, zu überlegen, was mit diesem historischen Erbe zu geschehen hat – in den Nachbarschaften, in den Regionen, aber vielleicht auch, was das ganze Land betrifft. Es ist eine historische Auseinandersetzung mit dem Thema nötig.

Statue wird ins Meer geworfen, Demonstranten sehen zu.
Legende: Die Statue des Sklavenhändlers Colston flog an einer Antirassismus-Demonstration in Bristol am 7. Juni kurzerhand ins Meer. Reuters

Sie plädieren für einen etwas entkrampfteren Umgang mit den historischen Statuen.

Ich glaube, dass die Entfernung von Statuen nur eine von vielen möglichen Lösungen ist. Momentan entlädt sich eine Wut gegen die Statuen, die die Sklaverei und den Rassismus symbolisieren. Doch man sollte jetzt erst einmal abwarten.

Es kann kaum definiert werden, wo das enden soll.

Denn es kann wie gesagt kaum definiert werden, wo das enden soll. Diese Problematik zeigt auch, wie vernetzt die Welt schon während der Zeit der Sklaverei, des Kolonialismus und vor allem während des damaligen Britischen Weltreichs gewesen ist. Daran war natürlich indirekt auch die Schweiz beteiligt. Das Entscheidende bei der Frage, wo das alles aufhören soll, ist, überhaupt anzufangen mit der Auseinandersetzung.

Das Gespräch führte Marc Allemann.

Auch in der Schweiz gibt es Diskussionen

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Statue von Davud de Pury
Legende: Die umstrittene Statue von David de Pury in Neuenburg. Er verdiente im 18. Jahrhundert ein Vermögen mit dem Sklavenhandel. Keystone

Nicht nur in den USA, auch in Europa fallen derzeit Statuen. Angefangen hat es mit einer Statue des Sklavenhändlers und Philantropen Edward Colston in der britischen Hafenstadt Bristol, die bei einer Demonstration ins Meer geworfen wurde.

In der belgischen Stadt Antwerpen wird eine Statue von König Leopold II. im Museum landen, nachdem sie mit Farbe beworfen wurde.

Auch in der Schweiz sind Statuen immer wieder ein Thema: So wird in Neuenburg über die Entfernung der Statue des Kaufmanns David de Pury diskutiert. Mehr dazu hören Sie am Samstag in unserem Podcast «Die Woche in Tessin und Romandie» sowie in der «Zeitblende» «Die schwarze Seite von Neuenburg».

SRF 4 News aktuell, 11.06.2020, 06:45 Uhr;

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70 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Was im Zusammenhang mit der Benennung von Kasernen gerne übersehen wird, dass dies Teil der damaligen Versöhnungskultur nach einem ausserordentlich blutigen Bürgerkrieg war. Ob Bragg, der ein sehr schlechter General war, wirklich ein angemessener Name für einen Stützpunkt der US Army ist, bleibe dahingestellt! Die Sklaverei war nur eine der Ursachen für den Bürgerkrieg und sei wurde durch Lincoln erst nach Antietam 1862 abgeschafft, über zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges!
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es geht nicht um amerikanische Helden, es geht um Generäle der Südstaaten, die die Sklaverei auf Biegen und Brechen erhalten wollten.
    2. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Denkmäler haben eben mit Nachdenken zu tun. Viele der Südstaatler - es zogen ja nicht nur die Generäle in den Krieg - kämpften eigentlich für das Recht der einzelnen Gliedstaaten bestimmte Normen festzulegen und so die Sklaverei zu erlauben. Es handelte sich damit eigentlich eher um einen Kompetenz- und Machtstreit, der sich an der Sklaverei entzündete. Lincoln selbst befreite die Sklaven erst nach Antietam und als Abolist war er bestenfalls lauwarm unterwegs!
  • Kommentar von Ernst Portmann  (erpo)
    Dieselben, welche den IS verurteilt hatten, weil historische Stätten und Denkmäler zerstört wurden, sind heute locker bereit Zeugen der Geschichte zu zerstören oder zu eliminieren.
    Niemand kann die Vergangenheit ändern. Aber wir können aus der Vergangenheit nur lernen, wenn sie lebendig bleibt. Hierfür sorgen Zeitzeugen. Da der Mensch eine begrenzte Lebensdauer aufweist, sind diese stummen Zeugen die einzigen Botschaften an neue Generationen. Man sollte damit also anders umgehen.
    1. Antwort von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
      Diese Antwort kist für mich absolut sehr gut und informierend. Die Statue eines Konföderierten-Generals ist eine Statue eines Zeitzeugen, man kann ja durchaus auch eine Infotafel anbringen die erklärend wirkt.
  • Kommentar von Urs Rösti  (szuechype)
    Gerne ins Museum, aber weg aus dem ögfentlichen Raum. Die Statuen werden doch gerade aufgrund des Geschichtsbewusstseins angegriffen.