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Wasser- statt Luftverschmutzung wegen neuer Regelung
Aus Echo der Zeit vom 28.04.2020.
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Dreckige Hochseeschifffahrt Statt in die Luft gehen die Schadstoffe jetzt ins Meer

Die schärferen Abgasvorschriften werden zwar eingehalten. Doch der Umwelt bringen sie so gut wie nichts.

Niemand behauptet, dass die Einigung leichtfiel. Erste Diskussionen über eine Verringerung der Luftverschmutzung durch die internationale Schifffahrt fanden bereits in den 1980er-Jahren statt, wie Lee Adamson von der UNO-Schifffahrtsbehörde IMO sagt. Später wurde länger als ein Jahrzehnt lang erbittert um rechtsverbindliche Regeln gefeilscht, bis diese dann Anfang Jahr in Kraft treten konnten.

Die Luftverschmutzung nimmt ab

Die gute Nachricht: Entgegen verbreiteter Skepsis werden die neuen Regeln tatsächlich durchgesetzt. Sie senken den maximal zulässigen Schwefelanteil im Schiffstreibstoff von 3.5 auf 0.5 Prozent. Laut Roel Hoenders, Direktor für Energieeffizienz und Luftverschmutzung bei der IMO, ist der Schwefeloxid-Ausstoss um 75 Prozent zurückgegangen. «Davon profitierten vor allem die Bewohner von Hafenstädten und Küstenregionen. Zumal die Schiffsschadstoffe Asthma, Herzkrankheiten und Krebs auslösen.»

Auch Jörg Erdmann, Direktor für Nachhaltigkeit bei der deutschen Reederei Hapag-Lloyd, sagt: «Wir können feststellen, dass die neuen IMO-Vorschriften sehr gut eingehalten werden.» Die UNO-Schifffahrtsbehörde kann die Regeln nicht selber durchsetzen. Sie ist angewiesen auf die einzelnen Regierungen. Zuständig sind sowohl jene Staaten, die von Schiffen angelaufen werden, als auch jene, unter deren Flagge sie fahren: «Beide, Hafenstaat und Flaggenstaat müssen kontrollieren und die Regeln der IMO durchsetzen», sagt Erdmann.

Grundsätzlich zufrieden ist man auch beim Internationalen Rat für sauberen Verkehr, einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in den USA, die sich für eine möglichst geringe Umweltbelastung im Transportwesen einsetzt. Deren Chef-Forscher Bryan Comer sagt, es gebe bisher kaum Meldungen über Fehlverhalten. Bei der IMO in London ging eben eine Untersuchung aus Singapur ein, einem der weltgrössten Häfen: «Dort wurden in vier Monaten bloss zwei Schiffe entdeckt, welche die Vorschriften missachten», sagt Roel Hoenders.

Dafür wird jetzt das Meer verdreckt

Trotzdem ist der als historisch bezeichnete Fortschritt bescheidener als erhofft. Der Grund: Die IMO lässt den Reedereien zwei Möglichkeiten, die neuen Vorschriften zu erfüllen. Entweder tanken die Schiffsbetreiber statt wie bisher stark schwefelhaltiges Schweröl neu schwefelärmere, aber deutlich teurere Treibstoffe.

Oder sie rüsten ihre Flotten mit sogenannten «Scrubbers» aus, einer Art Katalysatoren für Schiffsmotoren. Dies sei, so Branchenvertreter Erdmann, «vor allem eine sehr kostengünstige Lösung». Der Einsatz von «Scrubbers» sei in der Schifffahrt neu und von der IMO genehmigt. Deshalb wurde diese Methode für zurzeit etwa 4000 Schiffe weltweit gewählt.

Das Problem bei diesen «Scrubbers»: Sie reinigen zwar stark umweltbelastendes, billiges Schweröl unter Zuhilfenahme riesiger Mengen von Meerwasser. Doch, so Bryan Comer vom Rat für sauberen Verkehr, «das verschmutzte Reinigungswasser wird dann einfach ins Meer abgelassen». Damit landen die Schadstoffe, die normalerweise durch den Schornstein in die Luft gelangten, jetzt einfach im Meer.

Und so wächst der Druck, die Maximalwerte für Schwefeloxid im Schiffstreibstoff weiter zu senken. Dabei gibt es jedoch Grenzen, weshalb sich auch in der Schifffahrt die Frage nach dem völligen Verzicht auf fossile Treibstoffe stellt.

Die UNO-Mühlen mahlen langsam

Die UNO-Mühlen mahlen langsam

Die IMO ist sich inzwischen des Problems bewusst, wie in einem internen Bericht festgehalten ist, der über den britischen «Guardian» öffentlich wurde. Doch in der UNO-Organisation mahlen die Mühlen langsam. Deshalb sollen nun zunächst mal Daten über die schädlichen Auswirkungen des Schmutzwassers gesammelt werden. Das Ziel, so IMO-Mann Roel Hoenders: «Eine globale Lösung für dieses Folgeproblem der neuen Regeln.» Das freilich dürfte wiederum Jahre dauern.

Einigen Ländern geht das zu langsam. Sie verbieten jetzt in ihren Hoheitsgewässern das Ablassen von verschmutztem Waschwasser. Darunter sind Norwegen, die baltischen Staaten, Spanien, Australien, China oder Singapur sowie mehrere US-Bundesstaaten. Auch manche Reeder räumen inzwischen ein, dass die vermeintliche Lösung mit der Säuberung schwefelhaltigen Treibstoffs das Problem nicht löse, sondern bloss verlagert.

Echo der Zeit vom 28.4.2020, 18.00 Uhr

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60 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Viel zu billige Frachtraten im Containerverkehr und immer grössere Schiffe machen die eklatante Verschmutzung durch eine hohe Verkehrsfrequenz erst möglich. Abhilfe? Weniger aus Fernost kaufen, in Europa produzieren und damit Arbeitsplätze schaffen. Glaubt jemand die Löhne in Rumänien, Bulgarien, Albanien etc. sind so eklatant höher? Nein, da muss man mal richtig nachdenken und die ganze China-Hysterie in europäische Bahnen lenken.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Klaus KREUTER: Können denn die Rumänen und Albener auch so gute Smartphones bauen wie die Chinesen und Südkoreaner? Falls nicht, müssten wir ja dann wieder zu veralteten Modellen zurückkehren. Also ehrlich gesagt, ich will das nicht. Ich will ein top asiatisches Handy und den Asiaten dafür das liefern wo wir gut sind. Das sind Präzisionsinstrumente, Uhren und gewisse Pharmaprodukte.
    2. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Auch hier sind die Schweizer Ölheizungen mit dem schweren Öltank ein wesentlich grösseres Problem als z.B. leichte Handys aus China.
      Das sieht man daran, dass ein Ölheizungstank im Gegensatz zu einem Handy in keine Hosentasche passt und dass ein Ölheizungstank zudem jedes Jahr neu gefüllt wird. Entsprechend wird für den Schiffstransport von Öl wesentlich mehr Energie verbraten als für den Transport von Handys.
  • Kommentar von Marc Studer  (marc-studer)
    Im Bericht wird vermittelt dass die Schadstoffe anstatt in die Luft einfach ins Wasser geleitet werden. Dies ist schlicht falsch! Was ins Wasser gelangt ist eine andere chemische Verbindung. Dies ist genau der Sinn von Abgasreinigung, dass aus gefährlichen Stoffen ungefährliche gemacht werden (z. B. NOx zu N2 und O2). Mehrere Studien kommen zum Resultat dass das Waschwasser keinen Einfluss auf die Wasserqualität hat. Dies bleibt alles unerwähnt in diesem Bericht, journalistisch sehr fragwürdig!
    1. Antwort von Fredy Gsteiger (SRF)
      @Marc Studer Es ist richtig, dass nicht dieselben Schadstoffe statt in die Luft nun im Meer landen. Das wurde im Bericht auch nicht behauptet. Richtig ist aber, dass es sich ebenfalls um Schadstoffe handelt, allerdings um andere. Das wiederum wird durch diverse Studien belegt. Auch die dadurch verursachten Umweltschäden werden zunehmend deutlich. Genau das ist ja der Grund, weshalb die verschiedenen Stakeholders – IMO, Reedereien, Umweltorganisationen – zunehmend nun zur Einschätzung gelangen, dass «Scrubbers» keine nachhaltige Lösung darstellen.
    2. Antwort von Marc Studer  (marc-studer)
      @Fredy Gsteiger "Damit landen die Schadstoffe, die normalerweise durch den Schornstein in die Luft gelangten, jetzt einfach im Meer." Ich denke dieser Satz ist dann sehr missverständlich.
      Wo werden diese Umweltschäden dann sichtbar?
      Es gibt auch Studien welche zum Schluss kommen dass hier keine Schäden entstehen, etwa vom staatlichen MLIT in Japan oder vom CE Delft. So eindeutig wie sie hier schreiben ist die Situation überhaupt nicht. Ich denke dies müsste zwingend im Artikel angemerkt werden
    3. Antwort von Fredy Gsteiger editor
      @Marc Studer Laut dem International Council for Clean Transport werden diese Umweltschäden zum Beispiel ganz konkret sichtbar in der Population der Killerwale vor der Küste von British-Columbia in Westkanada. Um nur ein Beispiel zu nennen. Zudem: Es würden kaum bereits zwei Dutzend Staaten das Ablassen von «Scrubber»-Abwasser verbieten, wenn sie der Überzeugung wären, dass das unproblematisch ist.
    4. Antwort von Noah Schmid  (Schmid)
      Es wäre sehr begrüssenswert, wenn die entsprechenden Studien zu Scrubber verlinkt würden. (Die einzigen Argumente welche ich gegen Scrubber habe finden können, ist dass sie (verständlicherweise) nichts nützen, wenn sie defekt sind (z.B. durchgerostete Röhren oder defekte Sensoren).)
  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Leider wird auch in dieser Hinsicht nicht viel passieren, denn die Passagiere möchten immer am billigsten Reisen und die Reedereien am meisten verdienen. Da viele Staaten auf Steuereinnahmen angewiesen sind und die lausigsten Umweltvorschriften haben, fahren diese Schiffe unter der Flagge von Panama, oder Nigeria usw. Der Mensch lernt erst etwas auf dem Sterbebett und dann ist es zu spät.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Bruno Hochuli: Eine globale Carbon Tax, erhoben direkt bei den Mineralölfirmen (Shell, Esso, Exxon, etc.), löst das Problem auch für Staaten mit lausigen Umweltvorschriften. Die Steuereinnahmen kann man am Ende auf Pro-Einwohner auf die beteiligten Staaten verteilen.
    2. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Es gibt weltweit ca. 300 Kreuzfahrtschiffe und ca. 60'000 Frachter. Der Mensch heisst in dem Fall die Reederei-Eigentümer, nicht Sie und nicht ich.