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Hungerkrise in Madagaskar auch wegen «schlechter» Regierung
Aus Echo der Zeit vom 03.07.2021.
abspielen. Laufzeit 04:36 Minuten.
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Dürre und Hunger im Inselstaat Hungerkrise in Madagaskar: Wie viel davon ist hausgemacht?

In Madagaskar drohen Tausende zu verhungern. Das ist empörenswert, findet Aktivistin Ketakandriana Rafitoson. Und eindeutig ein Scheitern des Staates.

Die schlimmste Dürre seit vierzig Jahren bringt im Süden von Madagaskar Zehntausende Menschen an den Rand des Hungertods. Von den rund 1.1 Millionen Menschen mit akuter Nahrungsmittelknappheit seien 14’000 in einem katastrophalen Zustand und drohten zu verhungern, warnt das Welternährungsprogramm der UNO (WFP).

Grund für die Krise sei in erster Linie der Klimawandel, so das WFP. Dem widerspricht die madagassische Aktivistin Ketakandriana Rafitoson. «Dürre ist im Süden der Insel nichts Neues. Und Hungerkrisen sind seit den 1990er Jahren ein Thema. Doch die Regierung hat bis heute keine Strategie, um den Hunger langfristig zu bekämpfen.»

Ketakandriana Rafitoson ist eine madagassische Aktivistin und als Landes-Direktorin von Transparency International tätig.
Legende: Ketakandriana Rafitoson ist eine madagassische Aktivistin und als Landes-Direktorin von Transparency International tätig. ZVG

Die Regierung habe schlicht versagt. Laut der Aktivistin mangle es der madagassischen Regierung an Willen, sich wirklich um die Hungerkrise zu kümmern. Lieber gebe sie sich in regelmässigen Abständen als Erlöserin: «Dann packt die Regierung ein paar Lastwagen mit Essen voll und präsentiert sich als Retterin der Nation.»

Süden ohne Staat

Der Süden von Madagaskar ist historisch ärmer als der Norden, auch hat es weniger Infrastruktur. Das Gefühl vom Staat allein gelassen zu werden sei im Süden des Landes weit verbreitet, so Ketakandriana Rafitoson. Die 39-jährige Aktivistin beschäftigt sich seit Jahren mit der Regierungsführung in Madagaskar, derzeit als Landes-Direktorin von Transparency International.

In Bezug auf die Situation im Süden weist sie auf ein anderes Scheitern des Staates hin: die «Dahalo». Das sind kriminelle Banden, die Vieh stehlen. Vieh hat eine wichtige Bedeutung in der madagassischen Gesellschaft, es ist folglich sehr schlimm, wenn eine Familie ihre Tiere verliert. «Recherchen haben aufgezeigt, dass diese Viehdiebe sowohl mit dem Militär, als auch der Polizei und sogar mit hohen Beamten zusammenarbeiten», so Rafitoson. Oft werden bei Angriffen der «Dahalo» auch Personen getötet. Diese Form von Kriminalität verschärft die Situation der Menschen im Süden.

Pandemie verstärkt Hungerkrise

Mit Corona habe sich die Sicherheitslage zusätzlich verschlechtert. Personen, die ihre Arbeit verloren, rutschten in die Kriminalität ab. Auch sonst hat die Coronapandemie die Hungerkrise in Madagaskar befeuert. Die Staatsressourcen werden nun für den Kampf gegen die Pandemie eingesetzt.

Andry Rajoelina ist Präsident von Madagaskar.
Legende: Laut Rafitoson unternimmt Präsident Andry Rajoelina zu wenig gegen die Hungerkrise in Madagaskar. Keystone

Doch auch beim Pandemiemanagement hat die madagassische Regierung in den Augen der Aktivistin versagt: «Der Präsident behauptet immer noch, sein selbst hergestelltes Medikament sei die beste Prävention für Covid-19.» Und weil die Regierung kaum Impfkampagne mache, liessen sich die Madagassen nicht impfen.

Keine Erwartungen mehr

Für die Aktivistin ist klar, die Regierung in Madagaskar lässt ihr Volk seit Jahrzehnten im Stich, lässt die Menschen sogar verhungern. Der paradoxe Effekt dabei: die Madagassinnen und Madagassen würden das mittlerweile einfach hinnehmen. «Sie fordern gar nichts mehr ein von der Regierung, stellen keine Fragen, dabei gäbe es so viel, worüber man sich empören müsste in diesem Land.»

Echo der Zeit, 04.07.2021, 18:00 Uhr

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Verena Schär  (Nachdenklich)
    Die Welt hat es verpasst diesen Menschen bei alternativen Projekten grosszügig zu helfen. Seit Jahren gibt es Menschen die sich aber da einsetzen.
    Die Alternative zu Holz wären Sonnenkocher. Hat dies bis heute einen interessiert?
    Es gibt ökologisch geschützte Gebiete (Nationalparks) und die kleinen Bauern werden instruiert und geschult.
    https://www.myclimate.org/de/informieren/klimaschutzprojekte/detail-klimaschutzprojekte/mangroven-madagaskar-7218/

    Die Menschen verhungern jetzt.
  • Kommentar von Erik Eisermann  (ECATWEAZLE)
    Guten Abend.
    in einigen TV-Dokumentationen über Madagaskar und die dortige Tierwelt wurde der Grad der Abholzung angeprangert. Wo keine Bäume sind, wird die Feuchtigkeit im Boden nicht gehalten. Sicher auch eines der Ursachen für die aktuelle Situation in dem Land.
    Freundliche Grüsse, ee
    1. Antwort von Verena Schär  (Nachdenklich)
      Es gibt Reisfelder, Mangrovenwälder, Vanille und vieles mehr. Rosenholz wird und wurde bestimmt nicht fürs Kochen gebraucht. So wie in Afrika das Ebenholz.
      Tana die Hauptstadt liegt auf über 1400 m.
      Der Süden liegt auf dem Breitengrad von Australien und Brasilien. Kaum Regen aber riesige Baobabs (Mammutbäume), seltene Pflanzen.
  • Kommentar von Martin Vischer  (Martin Vischer)
    Wann werden wir endlich verstehen, dass das Problem“viel zu viel Mensch“ heisst? Wahrscheinlich sind wir um Faktoren zu viele und bräuchten dringend Regulationen. Diese werden ohnehin kommen. Die Frage ist bloss, ob wir selbst regulieren oder es sich von selbst reguliert.
    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Das grösste Problem sind fehlende Alters- und Sozialabsicherungen, deshalb setzen die Ärmsten auf viele Kinder, welche die Eltern absichern sollten. Da sollte angesetzt werden!
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Helmers: erklären Sie uns mal, wie sie in einem mausarmen Land eine Alters- und Krankenversicherung einführen wollen.
    3. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      @Planta: Wie das Bild im Artikel zeigt gibt es eine einigermassen gut ausgerüstete Armee. Also ist meine Folgerung dass die Einführung einer funktionierenden Altersvorsorge nur eine Frage der richtig gesetzten Prioritäten ist. @Vischer: Wenn Sie den Artikel gelesen hätten, dann würden Sie feststellen, dass das Hauptproblem in Madagaskar nicht die Bevölkerungszahl ist, sondern die soziale Sicherheitslage.
    4. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      @Planta. Ab dem 3. Kind eine Steuer erheben, beim 4. Kind sollte der Steuerbetrag steigen, usw. Beispiel: das 3. Kind kostet 10 Franken Steuer, das 4. Kind 15 Franken, das 5. Kind 20 Franken.
      Die unterernährten Kinder kosten auch im Unterhalt. Von den Kindersteuern könnte eine kleine Rente den Betagten bezahlt werden. Gratis Zugang zu Verhütungsmitteln ist natürlich eine Voraussetzung, das dürfte noch das kleinste Problem sein. Entwicklungshilfe könnte einen wertvollen Anschub leisten.
    5. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      @Reuteler. 1960 gab es 5 Millionen Einwohner und heute sind es 27 Millionen. Da gibt es doch einen Zusammenhang mit der sozialen Lage! Wenn die Bevölkerung sich in der Schweiz genauso entwickelt hätte, dann gäbe es heute 28 Millionen Einwohner, ohne Zuwanderung. Die Schweiz hätte auch erhebliche Proble bei der Ernährung, Infrastrujktur, Bildung, Arbeitsplätze, usw. Und 90 % Wald wurde abgeholzt, der Boden trocknet aus und bei Regen kann der harte Boden kein Wasser aufsaugen.
    6. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Helmers: wie wollen sie Steuern bei Habenichtse eintreiben?
    7. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Reuteler: 2017 gab Madagaskar 0.6 % seiner Wirtschaftsleistung für das Mliltär aus. Das sind 67 Mio $ bei einer Einwohnerzahl von 27 Mio.
      Zum Vergleich: 2019 betrugen die Militärausgaben der Schweiz 5.2 Mia CHF.
    8. Antwort von Verena Schär  (Nachdenklich)
      Waren sie schon einmal in Madagaskar?
      Ja es hat über 26 Millionen Einwohner und eine Fläche von 587'295km2.
      Die Schweiz 8,6 Millionen und 41'290km2.
      Unser Fussabdruck ist um einiges höher und Madagaskar hat eine hohe Biokapazität und wir (ganz Europa) ein Biodefizit.
      Das Land in dem Mass zu reduzieren empfinde ich als sehr kurzsichtig.
      Es schmerzt, diese Kommentare zu lesen, denn sie werden der Problematik nicht gerecht.
      Der Süden ist so was von trocken.