Hintergrund der Stromausfälle – bereits der dritte dieses Jahr – ist die Öl-Blockade der USA. Es fehlt Treibstoff, was Mobilität und Stromproduktion stark einschränkt. Besonders in den heissen Sommermonaten trifft das die Bevölkerung hart. Auslandredaktorin Anna Lemmenmeier beobachtet die Situation in Kuba.
Wie ist die Lage nach dem grossen Stromausfall?
Laut dem kubanischen Elektrizitätsversorger ist der Strom in Teilen des Landes wiederhergestellt. Doch Kuba fehlt weiterhin die Energie für die Stromproduktion. Stromausfälle gehören zur Tagesordnung und dauern mancherorts tagelang. Seit Anfang Jahr blockieren die USA jegliche Energiezufuhr. Die UNO spricht von «Energy Starvation», also «Energie-Hungertod». Das sei völkerrechts- und menschenrechtswidrig. Ein einziger russischer Tanker ist seit Anfang Jahr nach Kuba gekommen. Das reicht nirgends hin.
Was bedeutet das für den Alltag?
Die Menschen sagen, alles werde immer schlimmer. Die Preise für Transport werden jeden Tag höher. Ohne Strom lässt sich kein Wasser in die Häuser pumpen, weder Duschen noch Ventilatoren bringen Abkühlung. Weil es kein Benzin gibt, wird der Abfall nicht abgeholt und stattdessen verbrannt, was stinkt. Das Essen verrottet im Kühlschrank und die medizinische Versorgung kann auch immer weniger aufrechterhalten werden.
Wie ist die Stimmung im Land?
Es wird alles prekärer. Die Stromausfälle werden länger, alles wird teurer und der Frust definitiv grösser. Ein kubanischer Freund beschreibt es so: Das Land falle immer tiefer in eine Art kollektive Depression.
Was unternimmt die Regierung?
Sie hat diese Woche den Mindestlohn angehoben, doch die Inflation frisst den Zuschlag wieder auf. Das Geld verliert immer mehr an Wert gegenüber dem Dollar, den man in Kuba braucht. Zudem hat die Regierung auf Druck der USA ein Reformpaket abgesegnet, das der Privatwirtschaft deutlich mehr Raum geben soll. Die Umsetzung ist jedoch nicht einfach.
Welche Rolle spielen die USA?
Washington hat den Druck nochmals massiv erhöht. Wegen neuen Sanktionen können ausländische Unternehmen in Kuba praktisch nicht mehr geschäften. Das grösste Bergbau- und alle grossen Tourismusunternehmen haben sich zurückgezogen. Die USA würgen damit nicht nur die Energieversorgung, sondern die gesamte Wirtschaft ab. Die kubanische Regierung scheint dagegen derzeit weitgehend machtlos.
Gibt es Risse innerhalb der Führung?
Die Machtstrukturen in Kuba sind sehr schwierig zu durchblicken: Da gibt es den Präsidenten, die Familie Castro und das Militär. Von aussen sind derzeit aber keine Risse zu erkennen. Expertinnen und Experten sagen stets, dass die Führung und Elite weiterhin geeint scheinen. Es stellt sich die Frage, ob es auch in Kuba eine Figur wie Delcy Rodríguez in Venezuela gibt, die bereit wäre, das Regime ans Messer zu liefern.
Drohen grössere Proteste?
Proteste gibt es bereits. Nach dem kürzlichen Stromausfall gingen Menschen in verschiedenen Teilen Havannas auf die Strasse und schlugen mit Töpfen und machten Lärm. Bisher blieben die Proteste klein. Doch der 11. Juli am Wochenende ist ein symbolischer Tag: Vor fünf Jahren sind Kubanerinnen und Kubaner zu Tausenden auf die Strasse gegangen und haben mehr Freiheiten gefordert. Das Regime ist damals sehr hart gegen die Protestierenden vorgegangen. Nun könnten Hitze, Erschöpfung und Frust erneut eine explosive Mischung bilden.