Die USA erhöhen den Druck auf Kuba massiv, während sie in Venezuela die Finanzen kontrollieren. Der Lateinamerika-Experte Wolf Grabendorff über die Strategie von Trump, die wahren Interessen hinter den Interventionen und warum die Fussball-WM hochpolitisch ist.
SRF News: Die UNO fordert die USA auf, die Sanktionen gegen Kuba aufzuheben. Wie schlimm ist die Lage für die Bevölkerung?
Wolf Grabendorff: Die Lage ist katastrophal. Das Bruttosozialprodukt ist allein in den ersten vier Monaten um 15 Prozent gesunken, der Tourismus ist eingestellt. Die Vereinten Nationen sagen, dass zwei Drittel der Kubaner nur noch einmal am Tag etwas essen können. Es ist eine mittelalterlich anmutende Strategie des Aushungerns, die die USA da anwenden.
Trump will das schaffen, was keinem US-Präsidenten vor ihm gelungen ist: einen Regimewechsel in Havanna.
US-Präsident Trump sagt, er wolle Kuba zu einem «gut regierten Land» machen. Hat er damit nicht recht?
Er hat insofern recht, als es Kuba schlecht geht. Aber er sagt nicht, dass das Land seit 60 Jahren unter US-Sanktionen leidet. Schon vor Jahrzehnten konnten die Kubaner keine modernen medizinischen Geräte aus dem Westen kaufen, weil Lieferungen blockiert wurden. Trump will jetzt das schaffen, was keinem US-Präsidenten vor ihm gelungen ist: einen Regimewechsel in Havanna.
Alle Einnahmen und Ausgaben Venezuelas werden vom US-Finanzministerium kontrolliert.
Droht Kuba nun ein ähnliches Schicksal wie Venezuela?
Die USA haben in Venezuela keinen Regimewechsel vollzogen. Es war eine Machtdemonstration. Die chavistischen Institutionen sind noch da, aber das Land ist heute ein Vasallenstaat, der von Washington aus gemanagt wird. Alle Einnahmen und Ausgaben Venezuelas werden vom US-Finanzministerium kontrolliert. Als die Vizepräsidentin etwa das Mindesteinkommen erhöhen wollte, hat Washington Nein gesagt.
Kuba ist ökonomisch uninteressant – dort geht es rein um den politischen Willen, dieses seit 60 Jahren bestehende Regime auszuwechseln.
Was ist das primäre Interesse der USA in Venezuela und was in Kuba?
In Venezuela geht es um Öl und Stabilität, nicht um Demokratie. Die jetzige Regierung macht alles, was die Amerikaner vorschreiben, solange sie an der Macht bleiben darf. Kuba hingegen ist ökonomisch uninteressant. Dort geht es rein um den politischen Willen, dieses seit 60 Jahren bestehende Regime auszuwechseln. Die Situation in Kuba ist eher mit dem Iran vergleichbar: Beide Länder haben Jahrzehnte der Sanktionen überstanden und die Regime sind trotz unzufriedener Bevölkerung weiter an der Macht.
Morgen beginnt die Fussball-WM. Normalerweise drängt diese in Südamerika die Innenpolitik in den Hintergrund. Ist das auch diesmal so?
Nicht überall. Kolumbien ist das beste Beispiel dafür, dass selbst die Weltmeisterschaft stark politisiert wird. Dort hat der derzeitige Präsidentschaftskandidat das Trikot der Nationalmannschaft zu seinem Parteisymbol gemacht. Seine Anhänger tragen es nicht für die WM, sondern als politische Unterstützung für ihn. In den meisten anderen Ländern wird die Innenpolitik aber für eine Weile stillstehen, vor allem, wenn eine lateinamerikanische Mannschaft weit kommt.
Das Gespräch führte David Karasek.