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Test mit Grundeinkommen Ein finnisches Experiment, das weltweit Beachtung findet

2000 arbeitslose Finninnen und Finnen bekommen zu Weihnachten einen Brief von der Regierung in Helsinki – mit einem ganz besonderen Geschenk. Sie erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen von etwa 600 Franken pro Monat, zwei Jahre lang. Ein Experiment, das weltweit Beachtung findet.

Finnland steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Rezession. Die Arbeitslosigkeit hält sich hartnäckig bei acht bis neun Prozent. Nun hat sich das bürgerlich geprägte finnische Parlament für ein Experiment der besonderen Art ausgesprochen.

Eine klare Mehrheit stimmte dafür, ein bedingungsloses Grundeinkommen mit 2000 Arbeitslosen zu testen. «Diese Personen erhalten monatlich 560 Euro – ohne jede Bedarfsprüfung», erklärt Projektleiter Olli Kangas. Im finnischen Staatsbudget sind dafür umgerechnet gut 100 Millionen Franken eingeplant.

Die 2000 Arbeitslosen, die in den Genuss der Unterstützung kommen sollen, werden in der kommenden Woche ausgelost. Das Grundeinkommen wird einen Teil ihrer bisherigen Unterstützungsleistungen wie Arbeitslosen- oder Sozialbeiträge ersetzen. Insgesamt haben sie aber mehr in der Tasche. Der Staat will sie damit ermuntern, auch eine relativ schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen oder eine eigene Firma zu gründen.

Obwohl die Arbeitslosigkeit im Land hoch ist, fehlt es im Gesundheitswesen und vielen anderen Branchen an Arbeitskräften. Der Grund: Das finnische Sozialsystem führt dazu, dass manche Arbeitslose Geld verlieren, wenn sie eine Arbeit annehmen und auf ihre Unterstützungsleistungen verzichten.

Was macht ein Grundeinkommen mit den Menschen?

Der zweijährige Versuch soll nun zeigen, ob sich das bedingungslose Grundeinkommen nicht nur positiv auf die Bezüger auswirkt, sondern auch auf die ganze Gesellschaft, betont Rikard Husu, ein Journalist, der beim öffentlichen-rechtlichen Rundfunk seit Jahren über die Grundeinkommensfrage berichtet.

«Entscheidend wird aus gesellschaftlicher und politischer Sicht sein, ob dieses Grundeinkommen mehr Menschen zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten anregt. Oder ob es eher passiver macht», sagt Husu.

Entscheidend war nun, dass nicht nur die traditionellen Befürworter aus dem rot-grünen Lager sich für die Idee erwärmen konnten, sondern auch die regierenden bürgerlichen Kräfte von Ministerpräsident Juha Sipilä.

Ausweitung geplant

Bereits im übernächsten Jahr soll der laufende Versuch auf gegen zehntausend Personen ausgedehnt werden. Sollten dereinst alle fünf Millionen Finninnen und Finnen in den Genuss eines solchen Grundeinkommens kommen, würde dies die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkraft des Landes jedoch übersteigen – selbst wenn gleichzeitig alle anderen Sozialbezüge abgeschafft werden könnten.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann lebt in Schweden und berichtet als freier Korrespondent für Radio SRF über die nordischen und baltischen Staaten. Der Politikwissenschaftler forscht ausserdem zu Fragen der modernen Demokratie.

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42 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Die Wirtschaft dankt es und wird die 600 Franken über Preiserhöhungen wie selbstverständlich und innert Rekordzeit abschöpfen. Ein lebensferner Narr, der sich etwas anderes erhofft.
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  • Kommentar von Hans Ochsner (Hans Ochsner)
    Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens hat ja wohl kaum was mit Arbeitslosen zu tun, oder? Was soll also dieses 'Experiment'??? Es ist wohl viel mehr eine bedingungslose Arbeitslosenentschädigung, auf zwei Jahre beschränkt. Humbug!! Sorry.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Globalisierung und Digitalisierung kosten erheblich mehr Arbeitsplätze als durch sie entstehen!! Dafür gibt es genügend Beispiele. Schon jetzt gibt es nicht genug Arbeit für alle. Wenige Reiche werden immer reicher und deutlich mehr Menschen immer ärmer. Ein "weiterso geht nicht". Neue Wege sind gefragt!
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Wie in anderen Blogs schon geschrieben: Gewaltlose Reformation kommt von oben, gewaltsame Revolution von unten. - Ohne Gierabbau und Entgegenkommen der Vermögenden und ohne Neidabbau und Akzeptanz von geringeren materiellen Möglichkeiten von unten werden die Verteilkämpfe in anarchistische Bewegungen ausfransen. Der Impuls für eine halbwegs friedliche Zukunft muss also vom Vermögen herkommen. Impulse aus dem Mangel heraus sind naturgemäss gewalttätig.
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