- Fast acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke in Genua mit 43 Toten sind erste Urteile gefällt worden.
- Der Ex-Chef von Italiens Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci, ist erstinstanzlich zu 12 Jahren Haft verurteilt worden.
- Auch andere Verantwortliche bekamen mehrjährige Haftstrafen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig und können weitergezogen werden.
- Laut Experten war mangelhafte Wartung der Grund für den Brückeneinsturz.
Es war eine Katastrophe mitten im Sommer, mitten in der Stadt, mitten im Hauptverkehr: Acht Jahre nach dem Einsturz der Autobahnbrücke im norditalienischen Genua ist der Hauptangeklagte zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.
Ein Gericht in der Hafenstadt sprach den früheren Chef von Italiens Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci, schuldig. Der 66-Jährige sitzt wegen eines tödlichen Busunglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis.
Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.
Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Castellucci 18 Jahre und 6 Monate Haft gefordert. Sie legte dem einstigen Topmanager zur Last, bereits seit 2009 von Mängeln gewusst zu haben. Trotzdem habe er nichts dagegen unternommen. Auf diese Weise habe er Kosten sparen und den Profit steigern wollen. Die Anklage beschrieb ihn als Alleinherrscher, der das Unternehmen wie sein «Königreich» geführt habe.
Die Verteidigung hingegen sprach von einem nicht erkennbaren Konstruktionsfehler an einem der Pfeiler. Castellucci selbst sagte: «Ich fühle mich verantwortlich, aber nicht schuldig.»
Trotz des massiven öffentlichen Drucks trat Castellucci als Chef der Autobahngesellschaft Autostrade per l'Italia (Aspi) erst ein Jahr nach der Katastrophe zurück – gegen eine Abfindung von 13 Millionen Euro. Inzwischen wurde er bereits wegen eines anderen Unglücks auf einer Aspi-Autobahn zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dabei kamen 2013 in Süditalien 40 Menschen ums Leben, als ein Bus auf einer Brücke durch die Leitplanken brach.
Auch gegen andere Verantwortliche verhängte das Gericht mehrjährige Haftstrafen. Insgesamt standen 57 Beschuldigte vor Gericht, neben weiteren Beschäftigten der Autobahngesellschaft und Ingenieuren, die für die Sicherheit hätten zuständig sein sollen, auch Vertreter des Verkehrsministeriums.
Die damalige Nummer drei der italienischen Autobahnbetreibergesellschaft Aspi muss für elf Jahre hinter Gitter. Zwei weitere Ex-Manager bekamen jeweils fünfeinhalb Jahre Haft. Die Vorwürfe lauteten unter anderem auf fahrlässige Tötung, Fälschung von Dokumenten und unterlassene Wartung.
Eine späte Entschuldigung
Der heutige Chef der Betreibergesellschaft, Arrigo Giana, hatte kurz vor Prozessende die Hinterbliebenen öffentlich um Entschuldigung gebeten. In einem Brief, der von der Tageszeitung «Corriere della Sera» veröffentlicht wurde, schrieb er: «Lasst uns das Schweigen brechen.»
Wie Millionen andere habe er das Geschehen damals vor dem Fernseher verfolgt. «Ich fragte mich immer wieder, wie es möglich war, sich nicht sofort für das Geschehene zu entschuldigen. Eine weitere unverständliche Wunde.» Angehörige begrüssten die Entschuldigung – auch wenn sie sehr spät komme.
Eine Sprecherin der Angehörigen, Egle Possetti, begrüsste das Urteil gegen Castellucci. Die Entscheidung des Gerichts sei «nachvollziehbar». Mit weiteren Einschätzungen hielt sie sich zurück. Zunächst wolle man die Verlesung aller Urteile abwarten.