China verbietet Apps, die emotionale Abhängigkeiten fördern. Millionen Chinesinnen und Chinesen sind von dem Vorgehen betroffen. Sie hatten Freundschaften und Liebesbeziehungen mit einer KI geführt. Die Hintergründe kennt der China-Kenner und Journalist Fabian Kretschmer.
SRF News: Wie ist das Vorgehen der chinesischen Regierung zu werten?
Fabian Kretschmer: Normalerweise ist die chinesische Regierung neuen Technologien gegenüber sehr aufgeschlossen. Doch was Künstliche Intelligenz betrifft, zeigen sich viele Parteikader zunehmend skeptisch. Man befürchtet, dass KI psychologische Schäden bei Heranwachsenden anrichten kann. In der Tat sind Fälle bekannt geworden, in denen Chinesen regelrechte Liebesbeziehungen mit KI-Avataren eingegangen sind.
In der Hauptsache geht es um den Schutz der psychischen Gesundheit von jungen Chinesen.
Geht es dabei ausschliesslich um den Jugendschutz?
Fakt ist: China leidet unter einem extremen Geburtenrückgang. Die Zahl der Neugeborenen war seit Gründung der Volksrepublik 1949 noch nie so tief wie derzeit. Und so will die Parteiführung wohl auch bewirken, dass die Heranwachsenden gesunde Beziehungen mit dem anderen Geschlecht führen – und nicht bloss virtuelle Romanzen. Trotzdem dürfte das nur ein Nebenaspekt des Verbots sein. In der Hauptsache geht es wohl tatsächlich um den Schutz der psychischen Gesundheit von jungen Chinesinnen und Chinesen.
Wie verbreitet sind solche Apps und digitale Beziehungen in China?
Sie sind sehr verbreitet, gerade unter jungen Chinesinnen und Chinesen. Da besteht eine grosse Gefahr, dass sich sehr junge Leute, die noch kaum über soziale Kompetenz verfügen, in etwas verrennen. In China ist die digitale Technik stark verbreitet, alle benutzen ein Smartphone. Doch es fehlt oft ein kritischer Umgang mit den Geräten und Diensten, etwa auch, was Kleinkinder und Kinder angeht. In Europa ist das Bewusstsein viel grösser, dass dies problematisch sein kann.
Warum haben diese KI-Apps gerade in China solchen Erfolg?
Junge Menschen wachsen in China unter enormem Leistungs- und Wettbewerbsdruck heran – und derzeit ist es auf dem chinesischen Arbeitsmarkt sehr schwierig. Viele junge Leute ziehen sich deshalb in die digitale Welt zurück. Hinzu kommt ein Genderkonflikt: Junge Chinesinnen wachsen heutzutage sehr modern und selbstbewusst auf. Sie hinterfragen die Rollenbilder, sind oft wirtschaftlich unabhängig.
Oft sind es junge Chinesinnen, die diese KI-Bots wie menschliche Beziehungen nutzen.
Viele junge Männer ziehen dabei nicht mit und bleiben den konservativen Vorstellungen verhaftet. Und so sehnen sich viele Chinesinnen nach Empathie und Verständnis, das sie von den gleichaltrigen Männern und Boyfriends aber nicht erhalten. Und hier stossen KI-Chatbots auf ein Vakuum. Oftmals sind es denn auch junge Chinesinnen, die diese KI-Bots wie menschliche Beziehungen nutzen.
Wie reagieren Betroffene jetzt auf das abrupte Ende der Beziehung mit der KI?
In den chinesischen sozialen Medien ist eine regelrechte Trauerstimmung festzustellen. Manche haben über Jahre eine Beziehung zu ihrem Chatbot aufgebaut. Sie haben jetzt von ihm Abschied genommen. Andere schreiben, sie könnten nicht akzeptieren, dass sie von ihrem (digitalen) Liebhaber verlassen würden. Da stecken teils sehr starke Emotionen mit drin. Kommt hinzu: Viele junge Leute mit psychischen Problemen wissen nicht, wie sie Hilfe in der realen Welt bekommen können. In China sind Einsamkeit und Depression noch immer ein grosses Stigma. In vielen solchen Fällen haben KI-Bots ein Vakuum gefüllt.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher.