Der Wind ist in Patagonien allgegenwärtig. Böen mit bis zu 120 Stundenkilometern fegen über die Ebenen im Süden Chiles. Für die Energiebranche ist er ein Standortvorteil. «Wir haben in Patagonien den besten und stärksten Wind der Welt», sagt Salvador Harambour, Vertreter eines Energieverbands in Punta Arenas. Dazu kämen «ein riesiges, fast leeres Gebiet» und viel Wasser – entscheidend für die Herstellung von grünem Wasserstoff.
Die Europäische Union will bis 2030 zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff importieren. Chile gilt als Partner, ein Abkommen über 225 Millionen Euro soll Projekte anschieben. Allein ein geplanter Windpark umfasst 72'000 Hektaren – fast doppelt so viel wie der Bodensee. Mehrere solcher Anlagen sind vorgesehen.
Für Harambour ist das eine historische Chance. Die Region Magallanes leidet unter Abwanderung, die Öl- und Gasindustrie ist im Niedergang. «Unsere Jugend wandert ab, weil es zu wenig Jobs gibt», sagt er. «Wenn wir unserer Jugend eine Zukunft bieten wollen, müssen wir investieren.» Pro Projekt brauche es in der Bauphase «zwischen 10'000 und 11'000 Mitarbeitende». Das sei eine Investition in die Zukunft einer Region, die sich oft vergessen fühle.
Der produzierte Wasserstoff soll in Ammoniak umgewandelt und exportiert werden. «Viel gefährlicher als Rohöl ist der Transport nicht», sagt Harambour. Erfahrung mit Energieexporten gebe es in Patagonien seit Jahrzehnten.
Vogelzug zwischen Fortschritt und Fantasieland
Doch die Dimensionen rufen Kritiker auf den Plan. Patagonien liegt auf einer der wichtigsten Vogelzugrouten zwischen Nord- und Südamerika. Umweltschützer Humberto Gómez spricht von einer «Dummheit nach der anderen». Die Windindustrie lebe «in einem Fantasieland» und habe sich verschätzt.
Studien gehen von durchschnittlich 0.6 bis 1.8 toten Vögeln pro Turbine und Jahr aus. Hochgerechnet auf die geplanten Anlagen könnten es mehrere tausend Tiere sein. «Wenn man Einspruch erhebt, diskreditieren sie einen als Umweltfanatiker», sagt Gómez.
Königspinguine auf Feuerland: Patagoniens Ökosystem ist sensibel
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Bild 1 von 3. Königspinguine kommen nur in subantarktischen Gebieten vor. Auch auf Feuerland, wo Königspinguine seit Jahrhunderten brüten, wurde über Offshore-Windparks diskutiert. Ein entsprechendes Projekt in der Bahía Inútil wurde inzwischen verworfen. Naturschützer fordern, Industrieanlagen eher in dichter besiedelten Gebieten zu errichten. Bildquelle: Teresa Delgado / SRF.
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Bild 2 von 3. Feuerland ist ein wichtiger Nistplatz für die Tiere. Einige Pinguine balancieren auf ihren Füssen ein Ei und stülpen ihr Federkleid drüber, um das Ei vor den kalten Winden zu schützen. Bildquelle: Teresa Delgado / SRF.
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Bild 3 von 3. Ein Offshore-Windpark nahe dieser Pinguinkolonie wurde verworfen. Windräder in dieser flachen Bucht würden Fische stören. Das hätte Folgen für die Nahrung der Pinguine, warnen Umweltschützer. Bildquelle: Teresa Delgado / SRF.
Die Umweltstudien werden in Chile im Auftrag der Investoren von privaten Firmen durchgeführt. Umweltingenieur Julio Durán betont, die Projekte seien «ausserhalb von Schutzgebieten» geplant. Doch er räumt ein: «Was hier in Patagonien geplant wird, sprengt alle bisherigen Dimensionen – in Chile und auch international.»
Nicht alle Arten würden gleich gewichtet. Stirbt eine häufige Möwe, bleibe das meist folgenlos. «Aber wenn ein Kondor stirbt? Auch wenn es nur einer im Jahr ist», sagt Durán, dann würden Schutzmassnahmen greifen. Der Anden-Kondor ist bedroht und kaum wendig – Rotoren sind für ihn besonders gefährlich.
Patagonien steht damit vor einem Wendepunkt. Für die einen ist der Wind ein Versprechen auf wirtschaftlichen Aufbruch. Für die anderen droht ein ökologisches Risiko – in einer Landschaft, die lange als unberührt galt.