Erdogan: Aus Protest ist Vandalismus geworden

Nach seiner Rückkehr aus Nordafrika hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ein sofortiges Ende der Proteste im Land gefordert. Die Demonstrationen seien in Zerstörungswut ausgeartet, sagte er am Flughafen Istanbul.

Erdogan in Tunesien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erdogan bleibt seiner Linie treu, und hart. Keystone

Vor rund 10'000 Anhänger seiner islamisch-konservativen AKP-Partei sagte Erdogan am frühen Freitagmorgen am Atatürk Flughafen in Istanbul: Die Proteste hätten ihre demokratische Berechtigung verloren und seien zu Vandalismus geworden.

AKP-Anhänger aufgebracht

Erdogan forderte seine Anhänger auf, friedlich nach Hause zu gehen. In Slogans hatten Anhänger ein gewaltsames Vorgehen gegen die Proteste am Taksim-Platz verlangt. Die Ansprache hatte Erdogan flankiert von seiner Ehefrau und Kabinettsmitgliedern gehalten.

Unterdessen setzten die Gegner Erdogans ihre Proteste in mehreren Provinzen des Landes fort. In Istanbul gab es in mindestens einem Stadtteil neue Zusammenstösse. Zehntausende waren in der Nacht rund um den Taksim-Platz auf den Strassen.

Linksextremisten beschuldigt

Die Protestwelle hatte sich an der brutalen Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park entzündet. Inzwischen richten sich die Demonstrationen vor allem gegen den als immer autoritärer empfundenen Kurs Erdogans und seiner islamisch-konservativen AKP.

Erdogan hält an dem umstrittenen Bauprojekt fest. Seine Regierung werde die Umgestaltung des Gezi-Parks «zu Ende bringen». Im Park ist der Nachbau einer osmanischen Kaserne geplant.

Bei seinem Besuch in Tunis beschuldigte er erneut Linksextremisten, hinter den Protesten zu stecken. «Unter den Demonstranten sind Extremisten, einige sind in den Terrorismus verwickelt», sagte Erdogan in Tunis vor seiner Heimkehr.

Wer ist Erdogan?

5:26 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.06.2013

«Diktator tritt zurück!»

Hunderte Demonstranten kamen in der Nacht zum Donnerstag im Zentrum der Hauptstadt Ankara zusammen und riefen «Diktator tritt zurück!» und «Überall ist Taksim, überall gibt es Widerstand». Polizisten feuerten Tränengas auf die Menschen, Demonstranten warfen Steine und errichteten Barrikaden.

Bei Einsätzen gegen die Demonstranten nahm die Polizei offenbar auch elf Ausländer fest. Die islamistische Zeitung «Yeni Akit» präsentierte dies auf der ersten Seite als Beleg für einen versuchten Anschlag und die Einmischung des Auslands. Insgesamt sollen in den vergangenen Tagen 15 Ausländer festgenommen worden sein.

Die Zahl der Toten bei den Protesten erhöhte sich auf vier, nachdem ein Polizist bei einem Einsatz von einer Brücke in den Tod gestürzt war. Laut dem türkischen Ärztebund wurden bei den Protesten über 4000 Menschen verletzt.