Die Kleinstadt Niscemi auf Sizilien steht im wortwörtlichen Sinn am Abgrund. Nach schweren Regenfällen hat sich am Rande der Stadt ein rund vier Kilometer langer Abgrund geöffnet. In diesem sind bereits einige Häuser und Strassen verschwunden. An diesem Abgrund, und zum Teil auch schon über dem Abgrund, stehen Dutzende weitere Häuser. 1500 Menschen wurden in den letzten Tagen evakuiert, zum Glück wurde bisher niemand verletzt.
Ich hätte mein Haus nie dort gebaut, hätte ich von der lauernden Gefahr gewusst.
In Niscemi und ganz Italien fragt man sich nun, warum man die Gefahr nicht früher erkannt hat. Denn die Erde bei Niscemi rutschte nicht vollkommen überraschend. Bereits vor knapp 30 Jahren, 1997, stürzten bei einem Erdrutsch an gleicher Stelle Häuser in die Tiefe. Nur: Man hat nicht reagiert, man lebte und baute weiter auf einem Hügel, der aus Sand und brüchigem Lehm besteht.
Reguläre Baubewilligung
Eine Anwohnerin, die ihr Haus Hals über Kopf verlassen musste, sagte gegenüber der RAI, sie habe von nichts gewusst. Ihr Haus verfüge über eine reguläre Baubewilligung. «Ich hätte es nie dort gebaut, hätte ich von der lauernden Gefahr gewusst.»
Ob jemand versagt hat und welches die Versäumnisse sind, das will nun Italiens Justiz herausfinden. Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen Unbekannt eröffnet.
Der Zivilschutz sagt, das Gelände bei der Abbruchkante sei weiter stark in Bewegung. Der Abgrund könnte weitere Teile der Kleinstadt verschlucken. Darum ist mit zusätzlichen Evakuierungen zu rechnen.
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Bild 1 von 5. Eine Luftaufnahme von Niscemi zeigt das Ausmass des Erdrutsches. Bildquelle: Reuters.
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Bild 2 von 5. Die Kleinstadt Niscemi auf Sizilien steht im wortwörtlichen Sinn am Abgrund. Bildquelle: Keystone/ALBERTO LO BIANCO.
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Bild 3 von 5. Am Rande der Stadt hat sich ein rund vier Kilometer langer Abgrund geöffnet. Bildquelle: Keystone.
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Bild 4 von 5. Teile von Gebäuden sind bereits abgerutscht. Bildquelle: Reuters.
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Bild 5 von 5. Vorher/Nachher: ein Satellitenbild von Niscemi vom Mai 2024 und vom 27. Januar 2026. Bildquelle: Vantor/Handout via REUTERS .
Gestern reiste Premierministerin Giorgia Meloni nach Niscemi, um sich ein Bild zu machen. Man werde sich die nötigen Informationen verschaffen, dann würden die nötigen Finanzmittel fliessen – wie immer. Doch genau daran gibt es Zweifel. Denn nach dem Erdrutsch von 1997 mussten Hunderte Betroffene jahrzehntelang auf Entschädigung warten.
Eigentlich ist bekannt, dass Italien ein fragiles Land ist, doch noch immer fehlt ein umfassendes Verzeichnis der Gefahrenzonen.
Die Schäden von Niscemi sind nicht die einzigen. Der heftige Regen der letzten Wochen hat im ganzen Land, vor allem aber in Süditalien, eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Das aufgewühlte Meer hat ganze Häuser, Strassen, Bahnlinien weggerissen. Aus der Luft sieht man, wie tiefe Risse die Landschaft durchziehen. Das in weiten Teilen zerklüftete Italien ist ein fragiles Land. «Das ist eigentlich bekannt, doch noch immer fehlt ein umfassendes Verzeichnis der Gefahrenzonen», sagt Geologe Rodolfo Carosi. Nur die Hälfte des italienischen Territoriums sei auf der geologischen Gefahrenkarte verzeichnet. Das Geld dafür fehle.
Für die Prävention und um die Schäden in Niscemi und anderswo zu beheben, braucht es Milliarden. Die linke Opposition aber auch das sizilianische Regionalparlament fordern, das Geld dafür vom Brückenprojekt abzuziehen. Italiens Regierung will eine gigantische, über drei Kilometer lange Hängebrücke vom Festland nach Sizilien bauen, doch das Projekt ist wegen diverser Probleme blockiert. Auf Sizilien sagen viele: Bevor man diese Brücke baue, müsse man bestehende Häuser oder Strassen sichern.