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Erinnerung an 2003 Iran-Krieg reisst alte Wunden auf: das Irak‑Trauma der USA

Der Iran-Angriff rückt den Irak-Krieg erneut in den Fokus – ein Rückblick zeigt seine bis heute spürbaren Folgen.

In den letzten Wochen hatte sich der Ton zwischen den USA und dem Iran verschärft. Washington verlangte von Teheran eine Stilllegung seines Atomprogramms, im Gegenzug sollten Sanktionen gelockert werden. Kampfflugzeuge und Flugzeugträger wurden in den Nahen Osten verlegt, eine Drohkulisse aufgebaut.

Im Iran droht ein Flächenbrand

Mehrmals traf man sich in Genf zu Gesprächen, offenbar ohne Erfolg. Am Samstagmorgen griff Israel zusammen mit den USA den Iran an. Die Folgen sind unvorhersehbar, die USA haben gemäss Präsident Trump erst angefangen.

Irak-Krieg als grösstes Versagen der USA in der Moderne

Viele US-Amerikaner fürchten sich nun, dass sich der Iran-Krieg ähnlich wie der Irak-Krieg hinziehen und tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen wird.

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth trat den Befürchtungen, es könne ein langer Krieg wie im Irak werden, am Montag entgegen. «Dies ist kein endloser Krieg», sagte Hegseth. Die USA gehen ihm zufolge mit einem klaren Fokus in den Krieg: «Die Raketenbedrohung zerstören, die Marine zerstören, keine Atomwaffen.»

Der Irak-Krieg wird vermutlich als das grösste Versagen der USA in die moderne Geschichte des Landes eingehen. Am 17. März 2003 stellte der damalige US-Präsident George W. Bush Saddam Hussein ein Ultimatum, den Irak innerhalb von 48 Stunden zu verlassen, andernfalls würde man den Irak angreifen.

Vier Männer in einem Büro bei einer Besprechung, einer sitzt an einem Schreibtisch.
Legende: US-Präsident George W. Bush (2.v.r.) verkündet am 19. März 2003 den Beginn des Irak-Kriegs. Hier zu sehen mit Vizepräsident Dick Cheney (links, sitzend), CIA-Direktor George Tenet (2.v.l, stehend) und Stabschef Andy Card (rechts). Keystone/Eric Draper/Archiv

Auf Husseins Weigerung hin eröffnete die Kriegskoalition in der Nacht vom 19. zum 20. März den als Operation «Iraqi Freedom» bezeichneten Krieg mit gezielten Bombardements in Bagdad. 

Kriegsgrund als Lüge

Als Begründung für die Invasion nannten die kriegführenden Regierungen der USA und Grossbritanniens eine akute Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen des Irak und dessen angebliche Verbindung zum Terrornetzwerk Al-Kaida, das die Angriffe vom 11. September 2001 verübt hatte.

Abu Ghraib zeigte die Abgründe

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Mensch in Käfig mit Soldat daneben im Freien.
Legende: Freiluft-Isolierzelle mit Insasse und US-amerikanischer Militärpolizist, 22.6.2004. Fotograf John Moore erhielt für seine Irak-Aufnahmen 2005 den Pulitzerpreis. Keystone/John Moore/Archiv

Caci, ein im US-Bundesstaat Virginia ansässiges Unternehmen, hatte im Auftrag der US-Armee Verhöre im Gefängnis Abu Ghraib durchgeführt.

Zu einem Skandal wurde es, als 2004 während der Amtszeit des ehemaligen Präsidenten George W. Bush Bilder auftauchten, die zeigten, wie US-Soldaten Gefangene gefoltert und dabei fotografiert hatten.

Die Gefangenen berichteten, dass sie körperliche und sexuelle Misshandlungen, Elektroschocks und Scheinhinrichtungen ertragen mussten.

Die Bilder gingen damals um die Welt.

Der Krieg kulminierte schliesslich in der Schlacht um Bagdad. Am 7. April 2003 rückten US-Truppen ins Zentrum der Hauptstadt vor. Obwohl ein zermürbender Häuserkampf ausblieb, verzeichnete die irakische Seite hohe Verluste. Am selben Tag fiel Basra an die Briten. Nur drei Tage später – am 11. April – fiel die Stadt Kirkuk an kurdische Kämpfer.

Grosse Menschenmenge bei einer Demonstration vor historischen Gebäuden.
Legende: Weltweit gingen die Menschen auf die Strasse, um gegen den US-Einmarsch im Irak zu protestieren. Auch in Bern waren es Zehntausende. Keystone/Juerg Müller/Archiv

Am 14. April wurde der Krieg vom Pentagon für beendet erklärt. Kurz zuvor war auch die letzte umkämpfte Stadt Tikrit eingenommen worden.

Saddam Hussein wurde am 30. Dezember 2006 durch den Strang hingerichtet. Erst Ende 2011 jedoch verliessen die letzten US-Verbände den Irak.

Marine in Uniform vor Gedenkstätte mit Helm, Stiefel und Gewehr.
Legende: Rund 4500 US-Soldaten liessen im Irak-Krieg ihr Leben. Keystone/Denis Poroy/Archiv

Der Kriegsgrund stellte sich später grösstenteils als Lüge heraus. Der ehemalige, inzwischen verstorbene US-Aussenminister Colin Powell gab 2011 zu, dass die Geheimdienstinformationen, mit denen die USA ihren Angriffskrieg auf den Irak begründeten, «auf einer einzigen, unzuverlässigen Quelle basierten». Über eine Million Irakerinnen und Iraker wurden im Irak-Krieg und bei den Gewaltausbrüchen in den Folgejahren getötet.

Irak-Soldat: «Wir waren keine Nazis»

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Soldaten und militärische Fahrzeuge in städtischem Gebiet mit Helikoptern am Himmel.
Legende: Keystone/Anja Niedringhaus/Archiv

Die Soldaten im Feld erfuhren nicht, dass sie einen Krieg auf der Basis von Lügen führten. Erst Jahre später, als er in die USA zurückgekehrt war, habe er davon gehört, sagt der damalige Truppenchef Arock Bolanos. Zunächst habe er es kaum glauben können, erklärt der 27-Jährige, «aber dann war es mir wichtig, meinen Auftrag zu erfüllen. Wir waren ja keine Nazis».

Zweifel und Kritik am Krieg seien nicht toleriert worden, sagte der damalige Unteroffizier Jason Lemieux damals zu «10vor10». Das Mitglied der Gruppe «Irak-Veteranen gegen den Irak» schildert seine Einsamkeit im Feld. «Die Kollegen halten dich für einen Verräter, weil du damit sagst, dass Soldaten für nichts gestorben sind.» Statt sich zu hintersinnen, seien sie auf den Überbringer der schlechten Botschaft losgegangen.

Powells Stabschef Lawrence Wilkerson hatte die UNO-Rede geschrieben. 2013 erzählte er gegenüber «10vor10», dass die angeblichen Beweise für Massenvernichtungswaffen aus einem «48-seitigen Papierstapel stammten, geschrieben vom damaligen Vizepräsidenten Dick Cheney».

«USA haben Scherbenhaufen hinterlassen»

Gemäss Wilkerson war der Einmarsch im Irak ein Komplott, das Dick Cheney schon vor den Terroranschlägen von 9/11 mit dem damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geschmiedet hatte. 

Soldaten steigen aus einem Flugzeug auf dem Rollfeld.
Legende: US-Soldaten kehren Anfang Dezember 2011 in die USA zurück. Viele von ihnen leiden nach ihrer Ankunft an posttraumatischen Belastungsstörungen. Keystone/Ted S. Warren/Archiv

Für den ehemaligen SRF-Nahostkorrespondenten Ulrich Tilgner war das einzig Positive, dass Saddam Hussein gestürzt wurde. Aber: «Das ganze Land ist durch diesen Krieg und die anschliessende Besetzung völlig destabilisiert worden», wie er 2013 gegenüber SRF erklärte. Die US-Regierung habe die Probleme völlig unterschätzt, und man habe einen Scherbenhaufen hinterlassen.

Folgen auch im Iran Bodentruppen?

Ebenfalls deutliche Worte zur immensen Bedeutung des Irak-Kriegs 2003 fand SRF-USA-Korrespondent Pascal Weber anlässlich des 20-jährigen «Jubiläums» 2023 bei SRF: «Ein Krieg, der ein Land und eine ganze Region bis heute destabilisiert, der das Ende der amerikanischen Alleinstellung als Hypermacht einläutete, der die Verbündeten der USA in Europa spaltete, der Irans Macht am Golf stärkte und Russlands Revanchismus Auftrieb verlieh. Ein Krieg, der China grosszügige Möglichkeiten für seinen globalen Aufstieg bot und der die psychologische Verfassung der USA bis heute wesentlich beeinflusst.»

Worin sich viele Experten einig sind: Um das iranische Regime gänzlich zu besiegen, bräuchte es höchstwahrscheinlich, ähnlich wie beim Irak-Krieg, amerikanische Bodentruppen.

Ob für die Zerstörung der Atomanlagen auch Bodentruppen eingesetzt werden sollen, bleibt unklar. Ausdrücklich ausschliessen wollte dies US-Präsident Trump nicht.

Tagesschau, 2.3.2026, 19:30 Uhr;brus

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