Der Handelskrieg mit den USA hat Europa monatelang in Atem gehalten. Doch in Brüssel wächst die Überzeugung: Die eigentlich grössere Bedrohung für Europas Industrie kommt aus China. Weil China viel mehr produziert, als es selbst braucht, drängt eine Flut günstiger Waren auf die europäischen Märkte – und gefährdet Hunderttausende Industriearbeitsplätze. SRF-EU-Korrespondent Andi Reich mit den Hintergründen.
Was ist die Exportflut aus China, und warum ist sie für Europa ein Problem?
China produziert deutlich mehr, als es selbst braucht, und drängt damit mit günstigen Waren auf die europäischen Märkte. Möglich macht das der massive Ausbau der eigenen Industrie: Laut dem aktuellen chinesischen Fünfjahresplan sollen die Industriekapazitäten von 30 auf 45 Prozent steigen. Ein grosser Teil davon dürfte aus Europa stammen – mit der Folge, dass Arbeitsplätze aus der europäischen Industrie nach China abwandern. Hinzu kommt: Weil die chinesische Nachfrage nach deutschen Produkten sinkt, gehen zusätzlich Stellen verloren, die von Exporten nach China abhingen – laut Schätzungen allein in Deutschland über 400'000 seit 2021. Während die EU-Exporte nach China in den letzten zehn Jahren nur leicht gestiegen sind, haben sich die Importe aus China fast verdoppelt. 2025 betrug das Handelsdefizit der EU gegenüber China 365 Milliarden Euro.
Wie hat sich die EU bisher verhalten, und warum ändert sich das jetzt?
Lange sahen europäische Wirtschaft und Politik den Handel mit China vor allem als Chance. Viele europäische Staaten – allen voran Deutschland mit seiner stark vom China-Geschäft abhängigen Autoindustrie – scheuten deshalb lange vor Schutzmassnahmen zurück. Auch bei seltenen Erden ist Europa, wie der Rest der Welt, stark von China abhängig. Doch weil das Problem immer grösser wird, gerät die Politik zunehmend unter Druck: Nicht nur Frankreich, das schon länger mehr Schutz für die europäische Industrie fordert, sondern auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Land lange für einen gemässigten Kurs plädierte, fordert inzwischen offen mehr Schutz. Der politische Wille, im Handelskonflikt mit China mehr Muskeln zu zeigen, wächst unter den EU-Staaten spürbar.
Welche Massnahmen hat die EU bereits ergriffen?
Seit Juli 2026 erhebt die EU einen Zoll von fast 50 Prozent auf Stahl aus Drittstaaten. Bereits zuvor hatte sie Zölle auf Elektroautos aus China eingeführt. Beides gilt als direkte Reaktion auf chinesische Überkapazitäten in den jeweiligen Sektoren.
Welche weiteren Instrumente stehen der EU zur Verfügung?
Nebst Gegenzöllen hätte die EU auch das sogenannte Instrument gegen Zwangsmassnahmen in der Schublade – oft auch als «Handels-Bazooka» bezeichnet. Damit könnte die EU zum Beispiel auch chinesische Unternehmen von öffentlichen Aufträgen ausschliessen. Die EU hat das Instrument bisher aber noch nie angewendet. Für den Einsatz braucht es zwar keine Einstimmigkeit, aber doch eine qualifizierte Mehrheit unter den Mitgliedstaaten (mindestens 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die nicht weniger als 65 Prozent der Bevölkerung in der EU repräsentieren). Bisher war das eine zu hohe Hürde. Deshalb fordern viele Mitgliedstaaten Alternativen, die einfacher einzusetzen sind. Am letzten EU-Gipfel im Juni erteilten die Mitgliedstaaten der EU-Kommission den Auftrag, neue Handelsinstrumente auszuarbeiten. Wohl bis Herbst dürfte die Kommission ihre Vorschläge präsentieren.