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Schmerzhafte Folgen der AKW-Schliessung in Fessenheim
Aus Echo der Zeit vom 04.06.2021.
abspielen. Laufzeit 05:40 Minuten.
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Fessenheim ein Jahr vom Netz Alter AKW-Standort im Elsass ringt mit der Zukunft

Eine Region verliert ihr AKW und 1000 Arbeitsplätze. Die Pandemie beschert dem ländlichen Fessenheim aber auch Zuzüger.

Vor dem Hotel «Chez Valérie» in Fessenheim sitzen zwei Velo-Touristen unter einem Sonnenschirm. In der Gaststube weist die Wirtin auf die leere Bar: «Hier war früher abends jeder Platz besetzt, und auch die Hotelzimmer waren stets gut belegt», sagt sie. Jetzt laufe das Geschäft wegen der Pandemie schlecht.

Der Klagen aus dem Gewerbe kennt Gemeindepräsident Claude Brender: «Aber der Effekt der AKW-Schliessung für die Gemeinde ist im Gefolge der Pandemie kaum sichtbar.» Er erinnert an monatelang geschlossene Restaurants und rückläufige Detailhandelsumsätze. All dies dürfte also mehr eine Folge der Pandemie sein, denn ganz Frankreich kaufe heute sparsamer ein.

Zulauf in der Pandemie

Zugleich zeigen sich die Folgen der Pandemie auch positiv: Seit Beginn der Krise zogen viele Städter aufs Land – auch nach Fessenheim. «Die Bevölkerung hat trotz Arbeitsplatzverlust leicht zugenommen», sagt Brender. Er hatte befürchtet, dass mit dem Wegzug von AKW-Angestellten einzelne Strassenzüge zu Phantom-Quartieren verkommen könnten.

Doch freie Liegenschaften wurden zu guten Preisen verkauft. Und für die Häuser der AKW-Angestellten gibt es sogar eine Warteliste. Zuzüger kämen nicht nur aus dem Elsass, sondern auch aus dem angrenzenden Bundesland Baden-Württemberg – wegen der deutlich günstigeren Grundstücke und Liegenschaften.

Steuern fehlen

Schmerzhaft sind die Folgen der AKW-Schliessung dagegen für die Gemeinde. Die Einnahmen sind eingebrochen. Électricité de France (EDF) lieferte früher Gewerbesteuern an den Gemeindeverband Haut-Rhin-Brisach und seine 29 Gemeinden ab. 15 Millionen Euro jährlich, davon zwei Millionen an Fessenheim.

AKW Fessenheim.
Legende: Das AKW Fessenheim: Die Hälfte der einst rund 1000 Arbeitsplätze ist bereits verschwunden. Noch rund 70 werden es bei Beginn des Rückbaus im Jahr 2025 sein. SRF

Diese Steuereinnahmen fehlen in der Gemeindekasse. Aber sie muss trotzdem Beiträge an einen nationalen Ausgleichsfonds entrichten, der bei der letzten Reform der Gewerbesteuer geschaffen wurde. Gehörten Fessenheim und Nachbargemeinden einst zu den Gewinnern, müssen sie nun Ausgleichszahlungen leisten, obwohl keine Gewerbesteuern mehr anfallen.

«Es ist eine Art geschlossenes System, das keine Regierung verändern wollte – ob links oder rechts. Aber wir werden bestraft und müssen voraussichtlich in den nächsten Jahren zurückzahlen, was uns das AKW während 40 Jahren eingebracht hat», so Brender.

AKW Fessenheim.
Legende: Vor bald einem Jahr wurde im Atomkraftwerk in Fessenheim der zweite Reaktor abgestellt. Das AKW ging vom Netz. Seither werden die Reaktoren abgekühlt. Der Rückbau soll 2025 beginnen. Keystone/Archiv

Konkurs der Gemeinden befürchtet

Über dem Eingang des Gemeindehauses hängt ein Transparent, das vor einem Konkurs der Gemeinden warnt und vom Staat Hilfe fordert. Mit den Transparenten wollen die Behörden des Gemeindeverbandes Haut-Rhin-Brisach Ende Juni in Paris vor der Nationalversammlung protestieren.

Gemeindehaus von Fessenheim.
Legende: Ein Plakat am Gemeindehaus von Fessenheim warnt vor dem Konkurs der Region. SRF

Um den drohenden Konkurs zu vermeiden, habe die Gemeinde Investitionen zurückgestellt und Sanierungen hinausgeschoben, sagt Brender. Wenn die letzten Bauten des Kraftwerks abgebrochen sind, fällt auch die halbe Million an Grundstückssteuern weg, welche EDF noch bezahlt.

Darum hofft die Gemeinde, dass der Stromkonzern auf dem Gelände einen Technologiepark einrichtet – zum Recycling von Maschinen aus anderen Kraftwerkanlagen, die in Zukunft abgeschaltet werden.

Verlust von «Juwel» wiegt schwer

Brender versteckt nicht, dass ihn die Schliessung von Fessenheim noch immer ärgert: Ein schwerer Fehler, den er weder Hollandes Sozialisten noch «La République en Marche» und Macron verzeihen könne: «Da wurde ein Juwel der französischen Industrie geschlossen – aus rein wahltaktischen, politischen Überlegungen.»

Echo der Zeit, 04.06.2021, 18:00 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Nick Schaefer  (Nick Schaefer)
    "Die Leute reissen sich um die leer gewordenen Häuser", "starke Zunahme der Zuzüger, auch aus Deutschland", aber "die Steuern reichen nicht für die Erledigung der ordentlichen Aufgaben".

    Da kommen also neue Steuerzahler, in eine offensichtlich attraktive Gemeinde.

    Da scheint eine Kommune kein sinnvolles Budget zu haben.

    In der Schweiz würde man hoffentlich übertriebenen Luxus wie Schwimmbäder für jedes Quartier schliessen, und den Gemeindesteuerfuss anheben.
  • Kommentar von Christina Marchand  (cmarchand)
    dieser Bericht ist sehr einseitig, genau wie auch im echo der zeit. die Bewohner hatten sich schon Jahre lang auf ein schliessen vorbereiten können und in neue geschäftsmodelle investieren. einfach abwarten und immer Hilfe von aussen erwarten, obwohl man schon jahrelang gut verdient hat...
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Bemerkenswert wie sich Atomkraft reduziert zu Arbeitsplätze und Geld. Würde mich interessieren was die Menschen die in der Umgebung von Fukushima und Tschernobyl gewohnt haben, dazu zu sagen haben.