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Flüchtlingsroute über Balkan Endstation Bosnien

Legende: Audio Flüchtlinge stranden in Bosnien abspielen. Laufzeit 03:10 Minuten.
03:10 min, aus Echo der Zeit vom 19.04.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Flüchtlingsroute über den Balkan ist offiziell geschlossen. Dennoch sind nach wie vor Menschen auf diesem Weg unterwegs.
  • Bosnien-Herzegowina stand bisher abseits der Route. Nun sind aber mehrere Hundert Flüchtlinge im armen Land gestrandet.
  • Stadtbehörden rufen den bosnischen Staat um Hilfe, um die Flüchtlinge versorgen zu können.

In der hügeligen und bewaldeten Landschaft im Nordwesten Bosniens liegen die kleinen Städte Bihac und Velika Kladusa. Man ist hier ganz nahe an der Grenze zu Kroatien und damit zur EU. Schon im Winter tauchten hier vereinzelt Flüchtlinge auf. Seit der Schnee geschmolzen ist, werden es immer mehr.

Ein Mädchen trinkt Wasser.
Legende: Flüchtlinge in Serbien: Die Balkanroute ist offiziell geschlossen. Keystone

Rund 500 Flüchtlinge sollen derzeit in Velika Kladusa zum Teil im Freien übernachten und darauf warten, irgendwie weiterzukommen. Diese Zahl nannten Mitglieder der muslimischen Gemeinde der Stadt der Zeitung «Oslobodenje». Sie berichtet, wie zahlreiche Privatleute Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Und wie zum Beispiel ein Wirt sein Restaurant geschlossen und in eine Strassenküche für die Fremden umfunktioniert hat.

Überforderte Gemeinde

Aber die Stadt mit ihren rund 40'000 zumeist muslimischen Einwohnerinnen und Einwohner ist allmählich überfordert. Die meisten Leute sind selbst arm, und der Gemeinde fehlen die Mittel für diese soziale Aufgabe. Der Imam schliesst die Moschee neuerdings am Abend, weil es zu viele geworden sind, die das Gotteshaus als Schlafsaal verwenden wollen.

Kleider hängen an einem Zaun.
Legende: In den Jahren 2015 und 2016 waren Hunderttausende Flüchtlinge auf der Balkanroute unterwegs. Keystone

Auch in der etwas grösseren Stadt Bihac bleiben immer mehr Flüchtlinge hängen. Stadtpräsident Suhret Fazlic ruft die höheren staatlichen Stellen in der Hauptstadt Sarajevo um Hilfe. Niemand kümmere sich um die Flüchtlinge, ausser ein paar Nichtregierungs-Organisationen. Der Staat müsse endlich aktiv werden.

Nebenroute wird reger genutzt

Die Grenzpolizei Bosnien-Herzegowinas teilte Anfang Woche mit, seit Anfang Jahr habe sie 1200 illegale Grenzübertritte registriert. Das sind rund doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr. Die meisten Flüchtlinge stammen aus Afghanistan und Pakistan. Zum einen kamen sie aus Serbien nach Bosnien, zum anderen nahmen sie von Griechenland den Weg über Albanien und Montenegro. Diese Nebenroute wird offenbar in letzter Zeit reger benutzt.

Ein Mann untersucht einen anderen Mann mit einem Stethoskop.
Legende: Ein Arzt untersucht einen Flüchtling in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Keystone

Im Vergleich zu den Hunderttausenden, die sich in den Jahren 2015 und 2016 auf der Balkanroute bewegten, bevor diese offiziell geschlossen wurde, ist das nur ein Rinnsal. Aber für Bosnien-Herzegowina ist die Lage schwierig.

Der Staat muss endlich aktiv werden.
Autor: Suhret FazlicStadtpräsident von Bihac

Die Behörden des Landes funktionieren wegen Korruption und Spannungen zwischen nationalistischen Politikern schlecht. Und Bosnierinnen und Bosnier verlassen selbst jedes Jahr zu Zehntausenden das Land, weil sie zu Hause keine Zukunft mehr sehen.

Der Staat habe versagt

Eine Parlamentsabgeordnete sagte zur «Oslobodenje», der bosnische Staat habe in der Flüchtlingsfrage versagt, er könne nicht einfach das Problem den Städten wie Bihac und Velika Kladusa überlassen. Ob ihre Forderung nach einer dringlichen Parlamentssitzung in Erfüllung geht, ist ungewiss. Die Abgeordneten schieben noch viel grössere Probleme endlos vor sich her.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Aufdermauer (Peter Aufdermauer)
    Wie war es als die Bosnier als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz kamen. Wir öffneten die Grenzen und Tore für sie und gaben Ihnen Arbeit und Unterkunft. Dass die Bosnier nun anderen Kriegsflüchtlingen keine Hilfe anbieten wollen scheint mir sehr egoistisch, auch wenn das Land scheinbar *arm* sein soll, was ich sehr bezweifle, denn Viele sind EU Raum reich geworden, nicht nur in der Schweiz. Also liebe Bosnier gebt auch anderen armen Leuten eine Chance.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Aus BIH kamen sehr viele Flüchtlinge in den Westen, sogar in den Nullerjahren noch. Ich finde, eine gute Versorgung der Flüchtlinge ist eine moralische Pflicht dieses Staates. Und soooo arm ist dieses Land auch nicht. Ich war vor zehn Jahren dort: mit UNO-Geldern wurde in Eiltempo wiederaufgebaut. Ehem. BIH-Flüchtlinge schicken auf dem privaten Weg auch viel Geld aus westlichen Staaten "nach Hause". SRF sollte dorthin, um die "armen" Gebiete zu dokumentieren. Die Schweiz würde staunen.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      All die Ablehnenden dürfen gerne gegenargumentieren. Dass das Land Schulden hat, so what? Die ganze Welt erstickt in Schulden, das ist heutzutags kein Argument. Tatsache ist aber, dass bis die meisten Eidgenossen in ihren Mietwohnungen das Leben verbringen, gehört das Eigentumshaus (Einfamilienhaus) in BiH und im gesamten Ostblock schon gegen dem 40. Lebensjahr zum Standard. Da soll man mir nicht erzählen, das Land sei arm. Das Land darf ja gerne besucht werden, ist wirklich wunder-wunderschön!
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