Zum Inhalt springen

Header

Audio
Düstere Prognosen für Italiens Wirtschaft
Aus Echo der Zeit vom 12.07.2020.
abspielen. Laufzeit 04:13 Minuten.
Inhalt

Folgen für Italiens Nachwuchs Wegen Corona noch länger im «Hotel Mamma»

Fast alle Italienerinnen und Italiener dürften die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen. Besonders aber die Jungen.

Als erster EU-Staat hat Italien Anfang März Schulen und Universitäten wegen des Coronavirus geschlossen. Erst nach den Sommerferien, ab September also, sollen sie wieder aufgehen. Kein anderes EU-Land hält seine Schulen länger geschlossen.

Simona De Stasio lehrt Psychologie der Entwicklung und Erziehung an der Universität in Rom. Sie sagt, die Folgen dieser langen Zwangspause für Italiens Kinder seien gravierend: «Ausserfamiliäre Kontakte italienischer Kinder wurden unterbrochen.»

Familien und Jugendliche, die schon vor dem Virus verletzlich waren, wurden durch die Pandemie noch verletzlicher.
Autor: Simona De StasioProfessorin für Psychologie, Universität LUMSA Rom

Schulen und Universitäten mussten zwar Fernunterricht anbieten. Das hätten viele Lehrerinnen und Lehrer auch umgesetzt. Doch davon habe lediglich ein Teil der Kinder und Jugendlichen profitiert.

«Familien und Jugendliche, die schon vor dem Virus verletzlich waren, wurden durch die Pandemie noch verletzlicher», sagt De Stasio. Das heisst: Kinder, die schon vor Corona in der Schule Mühe hatten, drohen nun, völlig abgehängt zu werden.

Der Staat könne das verhindern, indem er entschieden Gegensteuer gebe. Dafür sei es nötig, die Schulen im September wirklich wieder zu öffnen und Schülerinnen und Schüler, die Probleme haben, ganz gezielt zu fördern. Ob das tatsächlich geschieht, muss sich zeigen. Italiens Regierung hat den Schulen dafür Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Schulkinder mit Abstand auf einer Wiese
Legende: Damit niemand abgehängt werde, müssten die Schulen im September wieder öffnen und Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert werden, findet De Stasio. Keystone

Die Schule ist das eine. Das andere grosse Problem ist der Einstieg der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt. Luca De Zolt ist für Italiens grösste Gewerkschaft CGIL tätig. Er kennt die Lage vor allem in jenem Sektor, in dem viele ihre erste Stelle suchen: im Tourismus.

In Restaurants, Hotels oder Touristenläden, wo es viele Schulabgänger zuerst einmal probieren, gibt es wegen der Pandemie nur noch ganz wenige Stellen.
Autor: Luca De ZoltGewerkschafter CGIL

«Hunderttausende junge Erwachsene werden grosse Mühe haben, im Tourismus eine Stelle zu ergattern. Denn in Restaurants, Hotels oder Touristenläden, wo es viele Schulabgänger zuerst einmal probieren, gibt es wegen der Pandemie nur noch ganz wenige Stellen», sagt der Gewerkschafter.

Aber auch diejenigen, die bereits eine Arbeit haben, im Tourismus oder anderswo, drohten diese nun zu verlieren. Viele junge Arbeitnehmer hätten prekäre Verträge, ohne Kündigungsschutz, sagt de Zolt. Wenn Personal abgebaut werden müsse, seien sie oft die ersten, die man entlasse.

Finanziell unabhängig mit 40

Dabei war die Lage vieler junger Italienerinnen und Italiener schon vor der Pandemie prekär. Gewerkschafter De Zolt fasst dies in einer einzigen, beeindruckenden Zahl zusammen: Im Durchschnitt werden junge Italiener erst mit 40 Jahren finanziell von ihren Eltern unabhängig.

Nun könnte es noch länger dauern, bis die Jungen sich finanziell abnabeln können, befürchtet De Zolt. Erste Statistiken belegen das. Unter den Italienerinnen und Italienern bis 25 hat die Arbeitslosigkeit in den letzten Monaten am stärksten zugenommen.

EU-Kommission korrigiert Wirtschaftsprognosen

Die Coronakrise trifft die Wirtschaft der Eurozone laut Prognose der EU härter als gedacht und erschwert die Erholung. Die EU-Kommission prognostiziert für 2020 ein Schrumpfen der Wirtschaft um 8.7 Prozent. Im Frühjahr hatte sie lediglich ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 7.7 Prozent erwartet.

Während die deutsche Wirtschaft um 6.3 Prozent schrumpfen dürfte, sieht Brüssel für die drei weiteren Schwergewichte der Eurozone zweistellige Minus-Werte beim BIP voraus: Frankreich minus 10.6 Prozent, Spanien minus 10.9 Prozent und Italien sogar minus 11.2 Prozent. (reu)

Echo der Zeit, 12.07.2020, 18:00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Martin Egger  (Martin Egger)
    "Dafür sei es nötig, ... Schülerinnen und Schüler, die Probleme haben, ganz gezielt zu fördern. Ob das tatsächlich geschieht ..." - Das wäre eigentlich immer nötig. Aber wenn es so viele Arbeitslose gibt, wird sich die Politik vermutlich leider sagen: Auf diese teuren Schüler können wir verzichten, wir haben genug andere Arbeitskräfte.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Die traurige Tatsache, dass sich sehr viele junge Italiener nach ihrer Ausbildung nicht vom Elternhaus lösen können, hat nur bedingt etwas mit der Corona-Virus-Krise zu tun. Seit der Finanz- und €uro-Krise, seit 12 Jahren, finden Junge auch in Norditalien oftmals keine Festanstellung mehr und hangeln sich mit Gelegenheits-Jobs durch 's Leben. Eigene Wohnung und Familiengründung ausgeschlossen. Italien ist im €uro gefangen und kann zur Wirtschaftsbelebung daher seine Währung nicht abwerten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Urs Heim  (Ursus)
    Gerade wegen des „Hotel Mama“ konnte die Pandemie in Italien so um sich greifen. In unserem südlichen Nachbarland ist seit jeher das Leben im Generationenhaushalt (la Famiglia) quasi eine Kultur. Daran ist selbstverständlich nichts auszusetzen aber genau diese Form des Zusammenlebens brachte leider den Tod. Daran wird sich kaum was ändern, da bin ich sicher.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen