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Frankreich erhöht Impfdruck
Aus Echo der Zeit vom 13.07.2021.
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Frankreichs Pandemiestrategie Macron erhöht den Impfdruck – ein Vorgehen mit Tradition

Frankreich setzt in seiner Pandemie-Strategie vor allem auf die Covid-Impfung. Die Regierung will die laufende Impf-Kampagne nun noch verstärken und hofft, so die anrollende vierte Welle brechen oder zumindest abbremsen zu können. Zentrale Elemente dieser Strategie sind erstens das Impfobligatorium für Pflegeberufe und zweitens der Impfdruck auf die breite Bevölkerung. Ein Vorgehen, das durchaus Tradition hat.

Frankreich kennt obligatorische Impfungen seit über 80 Jahren. Im Unterschied zur Schweiz etwa. Zuerst wurde die Diphtherieimpfung zur Pflichtsache erklärt, wenig später Tetanus – in den 1960er-Jahren folgte Polio. Der nächste Schub folgte kurz nach Amtsantritt der Regierung Macron. Die damalige Gesundheitsministerin befand: Die Bevölkerung sei beim traditionellen Trio Diphterie, Tetanus, Polio im europäischen Vergleich gut durchgeimpft. Ganz im Unterschied zu anderen Krankheiten wie Masern, Röteln, Mumps oder Meningitis.

Seither sind in Frankreich insgesamt elf Impfungen obligatorisch. Eltern, die das Obligatorium umgehen und ihre Kinder nicht impfen, müssen mit drakonischen Strafen rechnen. Es drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis und 30'000 Euro Busse.

Impfquote auf Höhe der Schweiz

Die Frage ist, wie streng dieses Obligatorium in der Praxis durchgesetzt wird. Denn ausgerechnet das Land von Louis Pasteur,  jenem Forscher, der im 19. Jahrhundert den Weg für die Impfung bereitete, gilt als überdurchschnittlich impfskeptisch. Der Gegensatz passt zum widerständigen gallischen Charakter: Frankreichs Bevölkerung erwartet in vielem konkrete Handlungsanweisungen vom Staat und ärgert sich anschliessend gründlich über bürokratische Vorschriften der Verwaltung.

Bei der Covid-Impfung war dies ähnlich. Noch anfangs Jahr zeigte sich nur knapp die Hälfte der Bevölkerung impfbereit. Seither nimmt dieser Widerstand beständig ab. In der realen Impfquote liegen Frankreich und die Schweiz heute ziemlich genau gleichauf.

Nun macht die Regierung erneut Druck: Mit dem Impfobligatorium für das Gesundheitspersonal droht Impf-Widerspenstigen praktisch ein Berufsverbot. Die Regierung riskiert damit, dass der Fachkräftemangel in Spitälern noch grösser wird, als er schon heute ist. Dazu kommen Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften, die ein Impfobligatorium nicht akzeptieren wollen.

Covid-Zertifikat als Eintrittskarte zum sozialen Leben

Auch ums Covid-Zertifikat streiten bereits Juristen. Ab Mitte nächster Woche soll eine zweimalige Impfung oder ein gültiger PCR-Test die Voraussetzung für den Besuch von kulturellen Anlässen, von Bars oder von Restaurants sein: Das Covid-Zertifikat wird damit zur Eintrittskarte zum sozialen Leben. Genau dies solle es nicht sein, sagte Frankreichs Regierung noch vor kurzem. Dafür stimuliert es offenbar die Impfbereitschaft: Seit Präsident Macrons Rede am Montagabend habe sich rund eine Million Menschen neu zur Impfung angemeldet, berichten französische Medien.

Aber auch der Widerstand nimmt zu. Ob Impfzertifikat oder Impfobligatorium: Die Gerichte werden abwägen müssen zwischen gleichen Rechten für alle und der Entscheidungsfreiheit für Einzelne. In Betracht fallen auch die Risiken, die sich für die Gesellschaft aus dieser Entscheidungsfreiheit ergeben. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im April zur allgemeinen Impfpflicht entschieden: Eine Impfflicht könne grundsätzlich nötig und gerechtfertigt sein.

Daniel Voll

Daniel Voll

SRF-Korrespondent für Frankreich und den Maghreb

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Daniel Voll ist seit 2018 Frankreich-Korrespondent von Radio SRF mit Sitz in Paris. Der Maghreb gehört ebenfalls zu seinem Berichtsgebiet. Zuvor war er u.a. als EU-Korrespondent und Auslandredaktor für SRF tätig.

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Frankreichs Präsident Macron verkündet Impfpflicht für Pflegepersonal
Aus 10 vor 10 vom 12.07.2021.
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Echo der Zeit, 13.07.2021, 18 Uhr

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Steiger  (AuroraBorealis)
    Und weiter geht sie, die bescheuerte Null-Toleranz Diskussion der Impfung Befürworter und Gegner. Da frag ich mich schon wie weit unser Gesellschaft von der Realität abgedriftet ist. Wenn dieser Egoismus auf sich auf weitere Bereiche ausdehnt … na dann gute Nacht. :-(
    1. Antwort von Aurel Specker  (Auspec)
      Meines Erachtens soll niemand sich impfen müssen, der unbedingt nicht will. Auf der anderen Seite, steht das Wohl der Gesellschaft über der der Einzelperson. Solange also das Gesundheitssystem nicht in Gefahr kommt, ok. Wenn schon, dann sollen die "Gefährder" ihr Gefahrenpotential senken müssen.

      Freiheit hört da auf, wo die des nächsten beginnt. Bei einer Epidemie kann das Risiko leider sehr schnell auf die Bevölkerung überschwappen, auch auf die Geimpften.
  • Kommentar von Mia Dea  (deamia)
    @brunohagen Kein Impfstoff wirkt 100%. Leider. Ein Restrisiko bleibt und ist höher, je mehr ungeimpfte Personen es hat, die ja leichter erkranken können.

    Die grössere Gefahr scheinen mir jedoch die Virusmutationen zu sein. Dass ein Virus mutiert, ist nicht so ungewöhnlich. Wenn es so viele Träger gibt, ist das noch viel wahrscheinlicher. Wenn wir also nicht ständig eine weitere Corona-Mutationsimpfung abholen wollen, sollten wir uns möglichst viele Impfwillige wünschen.
  • Kommentar von Andreas Müller  (Hugh Everett)
    Blicken wir doch mal 35 Jahre zurück als wäre es 1986. Wir hatten damals einen liteace toyota Bus. Dieser Bus (8 Plätze) wurde von der Schweizer Armee für den Kriegsfall konfisziert. Wir haben ein Schreiben erhalten, dass wenn ein Krieg ausbrechen sollte, wir diesen Bus wann und wo abzuliefern hätten. Falls nicht- dann (ganze übel). Analog lief es mit meiner Wehrdienstpflicht . Wenn wenn nicht dann (ganze übel, Knast uns so, keine privat Karriere mehr usw.). Ein obligater Piecks? echt jez?
    1. Antwort von harald keller  (pragmatiker)
      ach Herr Müller, keine Panik, soweit wirds nie kommen. Aber etwas Druck schadet auch nicht. Millionen sind geimpft, ohne die von einigen prognostizierte Todeswelle. Wer sich nicht impfen lassen will, muss damit leben, dass er nicht mehr überall willkommen ist - Freiheit hat auch damit zu tun, mit den Konsequenzen zu leben.
    2. Antwort von Patrick Charpilloz  (Skeptiker)
      @harald keller (pragmatiker): Das Problem hier ist, dass es auch die Anderen sind, die die Konsequenzen der Freiheit Einzelner zu tragen haben. Denn jede*r einzelne Ungeimpfte kann Mutationen generieren, an denen dann auch geimpfte erkranken könnten.