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Vorgehen in England und Frankreich: Vorbild für die Schweiz?
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.07.2021.
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Zwei Länder, zwei Strategien Coronapolitik in England und Frankreich: Ein Vergleich, der hinkt

Macron verschärft die Massnahmen wieder, Johnson kündigt deren Aufhebung an. Welches Land ist das bessere Vorbild?

Frankreich verschärft die Corona-Massnahmen, weil die Fallzahlen wieder steigen. Das hat Präsident Emmanuel Macron angekündigt. Unter anderem sollen ab August Fernzüge, Bars, Restaurants, Einkaufszentren und Spitäler nur noch jenen Personen offen stehen, die einen negativen Coronatest oder einen Impfnachweis haben. Frankreich führt sogar eine Impfpflicht für Personal im Gesundheitsbereich ein.

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Aus dem Archiv: Johnson will totale Freiheit ab 19. Juli
05:12 min, aus Rendez-vous vom 06.07.2021.
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Ganz anders sieht es in England aus: Premierminister Boris Johnson bestätigte am Montag, dass er in einer Woche alle verbliebenen Coronaregeln abschaffen will. Vordergründig passen die beiden Vorgehensweisen nicht zusammen. Doch die unterschiedlichen Wege, die England und Frankreich einschlagen, lassen sich durchaus erklären: «Die Situation in den beiden Ländern ist einfach verschieden», sagt Katrin Zöfel von der SRF-Wissenschaftsredaktion.

Durchimpfungsrate nicht gleich hoch

In Frankreich ist bisher rund ein Drittel der Bevölkerung zweifach geimpft, in Grossbritannien hingegen bereits mehr als die Hälfte. «Das heisst, die Gefahr, dass die kommende Infektionswelle aus dem Ruder läuft, ist in Frankreich höher», erklärt Zöfel. Hinzu komme: Frankreich hatte seine Massnahmen teils schon recht weitgehend gelockert.

«Diese Schritte werden nun teilweise wieder zurückgenommen», so Zöfel. In Grossbritannien bleibt Kritik an der Regierung nicht aus: Johnson argumentiert, dass dank Impfungen die Hospitalisierungen nun nicht mehr so stark steigen, auch bei stark steigenden Fallzahlen nicht.

Forscher sind für Schutz der Jungen

Das sei zwar in der Tendenz richtig, sagt die Wissenschaftsredaktorin. «Aber eine Gruppe von namhaften Wissenschaftlern meldet Zweifel an.  Sie sagen: Das Land derart weitgehend zu öffnen zu einem Zeitpunkt, an dem sich zwar viele, aber eben nicht alle durch eine Impfung haben schützen können, vor allem Jugendliche und Kinder nicht, das gehe so nicht.»

Man setze sie damit einem viel zu hohen Infektionsrisiko aus, so die Forscher. «Der Gedanke dahinter ist, dass die Auswirkungen einer Erkrankung auf die Jüngeren zwar viel geringer sind als auf Ältere, aber halt auch nicht Null.» Wenn man deren Infektion massenhaft riskiere, bekäme das ein anderes Gewicht. Deshalb müsse man sie besser schützen, man dürfe sie nicht einfach «durchseuchen».

Was bedeutet das für die Schweiz?

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Wer im Umgang mit dem Coronavirus das bessere Vorbild ist, England oder Frankreich, bleibt laut SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel eine Abwägung. Es sei zwar gut, dass andere Länder einen Schritt voraus seien bei der Ausbreitung der Delta-Variante und in Sachen Impfung. «Dadurch kann man aus deren Erfahrung lernen», sagt sie.

Auf der einen Seite stehe Johnson, «der sich als der Mann profiliert, der den Menschen im Land trotz steigender Zahlen Freiheiten zurückgibt und dabei wirklich weit geht». Und auf der anderen Seite ist Macron, der gelockert hatte, und jetzt wieder strikter wird – «aus seiner Sicht werden muss, auch um eine erneute Überlastung der Spitäler zu verhindern, weil man für eine neue Welle mit dem Impfen einfach noch nicht weit genug ist».

Was man auf sicher sagen könne, so die Redaktorin: Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger sind die reinen Fallzahlen alleine das Mass der Dinge. «Ohne Impfung war das wirklich eine direkte Beziehung: Mehr Infektionen hiess zwangsläufig mehr Hospitalisierungen und mehr Tote.»

Diese direkte Kopplung werde durch die Impfung geschwächt. «In Grossbritannien zum Beispiel zeigt sich das klar, und das ist eine gute Nachricht. Was noch nicht klar ist und mangels Erfahrung noch nicht klar sein kann, ist aber, wie stark die Entkopplung tatsächlich ist.»

Eine weitere offene Frage sei auch, wie sehr auf Dauer Faktoren wie Long-Covid oder massenhafte Infektion der Jüngeren ins Gewicht fallen. «Das ging vielleicht etwas vergessen in den letzten Monaten, weil der Fokus vor allem auf den Alten und den Risikopersonen lag.»

SRF 4 News, 13.07.2021, 07:20 Uhr;

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Maurus Marty  (Lämpel)
    Der Individualismus kann nicht das höchste Gut sein. Wir sind überall von Regeln eingeschränkt. So darf ich zum Beispiel nicht mit 200km/h über die Autobahn donnern. Die Gesundheit unseres Volkes geht über das Individuum. Deshalb würde ich starke Privilegien für Geimpfte befürworten.
    1. Antwort von Hans Müller  (HMU)
      Prinzipiell sehe ich es genauso, nur kann man nicht von Privilegien sprechen. Es ist einfach die Aufhebung von Einschränkungen, die nach Impfung nicht mehr nötig sind.
    2. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      @Müller, und wer entscheidet, ob es nötig ist? Die neue, exklusive Wissenschaft? Schauen Sie mal nach Israel!
    3. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Leider bin ich mit meiner Antwort an Herrn Marty nicht durchgekommen. Herr Marty vergleicht Regeln im Strassenverkehr mit Zugangsbeschränkungen zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Meine Antwort mit den Fussfesseln bestand darin, diese Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf die andere Seite übertrieben zu vergleichen. Schlussendlich kann man sich ja schon die Frage stellen, warum nicht? Die Antwort wäre möglicherweise eine gute Antwort auf Herrn Martys Plädoyer.
    4. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Ein wesentlicher Unterschied ist übrigens, dass Regelverstösse auf der Strasse für alle Verkehrsteilnehmer dasselbe Risiko darstellen.
  • Kommentar von Stefan Pfister  (Stefan Pfister)
    Deutschland: 82 Mio. Einwohner, 40 000 Corona-Tote.
    Schweiz 8.2 Mio. Einwohner, Anzahl Tote?

    Na, was sagt der Taschenrechner? 4000? Ja, wenn wir die Pandemie gleich ernstgenommen hätten, aber wir haben 10 000. 60% mehr Tote pro Kopf als unser Nachbar. Die "mutige" Strategie, die Covid-Pandemie zu ignorieren, führt zu viel mehr Kranken und Toten. Das sollten alle bedenken, die Boris Johnson, Ueli Maurer oder sonst welchen Realitätsverweigerern zujubeln.
    1. Antwort von Tobias Flückiger  (Töbu)
      Die Schweiz war mit der Romandie und dem Tessin, wo die Wellen früh stark hochgeschlagen sind, in einer deutlich schlechteren Ausgangsposition als unser geographisch weitverteilter Nachbar. Ausserdem ging es hauptsächlich darum, die Überlastung der Intensivstationen zu verhindern. Sie könnten mit dem Verbot von Tabakprodukten Leben retten, kein Vergleich. Drosten erklärt sich unser relativ gutes Abschneiden verglichen mit dem wirklich wesentlich strengeren Deutschland mit Deutschlands Industrie.
  • Kommentar von Stefan Pfister  (Stefan Pfister)
    Die Schweiz sinngemäss: "Die Zahlen haben sich zwar verdoppelt, aber die Hospitalisierungen nicht, ergo Entkoppelung, ergo nicht schlimm."

    Falsch.

    1. Steigen die Hospitalisierungen mit zwei Wochen Verspätung, darüber können wir also noch keine Aussage machen

    2. Je mehr Infizierte, desto mehr neue Varianten entwickeln sich. Selbst wenn die Delta-Variante harmlos wäre, wird es eine nächste und übernächste geben, die noch schlimmer wüten können.
    1. Antwort von Maria Heule  (marbel)
      Sind sie Wissenschaftler?
      Obwohl sogar Sie nicht immer richtig legen mit den Prognosen.
      Leben im Heute mit Vertrauen ist sehr beruhigend .
    2. Antwort von Stefan Pfister  (Stefan Pfister)
      Ich habe mir nur die wichtigsten Aussagen der Experten gemerkt, die Sie auch auf der SRF-Newsseite lesen können, darunter:
      -erst steigen die Fallzahlen, nach zwei Wochen die Hospitalisierungen und nach vier Wochen die Toten. Wie stark die Impfung die Situation abschwächt, werden wir sehen.
      -in einer Pandemie ist Geschwindigkeit wichtiger als Perfektion.

      Das Schweizerische "Wir warten ab und handeln nur bei grossen Druck und nur punktuell" ist also ungeeignet.