Die WM ist in der heissen Phase – gleichzeitig droht der Krieg des Hauptgastgebers USA gegen den Iran wieder zu eskalieren. Der Sporthistoriker Christian Koller von der Universität Zürich über eine Gemengelage, die es so noch nicht gegeben hat.
SRF News: Die USA sind WM-Gastgeber und führen gleichzeitig Krieg. Gab es das schon einmal?
Christian Koller: In dieser Form ist das weitgehend präzedenzlos. Es gab schon Turniere in Ländern, die in militärische Konflikte verwickelt waren – vor allem Russland 2018 mit seinen Interventionen in der Ostukraine und Syrien. Aber dass ein Gastgeberland einen offenen Krieg führt, der weltweit als solcher wahrgenommen wird, und noch dazu gegen ein am Turnier vertretenes Land, dafür sehe ich keinen direkten Präzedenzfall.
Wenn Geldgeber abspringen, werden plötzlich Dinge möglich, die zuvor ausgeschlossen waren.
Hätte die Fifa reagieren müssen?
Die WM wurde lange im Voraus vergeben. Als der Krieg begann, war es zu spät, den Anlass einfach zu verlegen. Eine Absage wie bei der WM 1942 stand nie ernsthaft zur Diskussion. Trotzdem hat die Fifa in ihrem Umgang mit der US-Regierung keine besonders gute Figur gemacht. Die Situation war für die Fifa schwierig, sie war auf die USA als Gastgeberland angewiesen.
Insofern kann man ihr Verhalten auch als eine Form von Schadensbegrenzung interpretieren. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Fifa ihre Nähe zur politischen Führung demonstriert hat, statt kritisch Distanz zu wahren. Gerade für einen Verband, der sich gerne auf politische Neutralität beruft, ist das problematisch.
2023 hat die Fifa Indonesien das Gastgeberrecht für die U-20-WM entzogen (siehe Box). Wäre das hier auch möglich gewesen?
Grundsätzlich ja. Aber diese WM ist eine ganz andere Dimension als ein Nachwuchsturnier. Die sportlichen und finanziellen Folgen wären enorm gewesen. In diesem Dilemma argumentieren die Verbände meist: Solange die Sicherheit des Turniers nicht gefährdet ist, sei ein Konflikt nicht ihre Angelegenheit.
Wie reagieren Sportverbände auf Konflikte?
Offiziell mit Neutralität. In der Praxis spielt oft Opportunismus eine grosse Rolle. Ein gutes Beispiel ist die Eishockey-WM 2021: Belarus verlor die Gastgeberrolle erst, nachdem Sponsoren mit dem Rückzug gedroht hatten. Wenn Geldgeber abspringen, werden plötzlich Dinge möglich, die zuvor angeblich ausgeschlossen waren. Wenn jetzt zum Beispiel Coca Cola wegen des Irankriegs als Sponsor ausgestiegen wäre, dann hätte die Fifa womöglich anders reagiert.
Wie wirkt sich diese Haltung der Fifa auf den Fussball aus?
Nehmen wir die WM 2018 in Russland. Es gab damals durchaus Kritik, wegen Menschenrechten und Korruption, aber auch wegen Russlands widerrechtlicher Annexion der Krim. Langfristige Folgen für die Fifa hatte das aber kaum. Die Debatte wurde später von der WM in Katar überlagert.
Dennoch fühlen sich viele Fans dadurch in ihrem negativen Bild von der Fifa bestätigt.
Ja, und jetzt verstärkt die Nähe von Gianni Infantino zu Donald Trump diesen Eindruck zusätzlich. Letztlich wirkt die Fifa für viele wie eine Organisation, die ihre Werte je nach politischer und kommerzieller Opportunität flexibel auslegt.
Welche anderen Wege gäbe es, mit diesem Spannungsfeld umzugehen?
Eine Möglichkeit wäre, sich vom klassischen Gastgeberland-Modell zu lösen. Die WM als Turnier könnte dauerhaft dezentral in mehreren Ländern stattfinden, analog etwa zur Champions League. Das würde die politische Bedeutung eines einzelnen Austragungsorts reduzieren. Perfekt wäre auch das nicht – aber es würde viele der heutigen Konflikte zumindest entschärfen.
Das Gespräch führte Amir Ali.