Immer in der 22. Minute einer Halbzeit werden an der Fussball-Weltmeisterschaft in Nordamerika die Spiele für drei Minuten unterbrochen. Diese Pausen hat der Weltfussballverband (Fifa) für alle Spiele angeordnet, egal wie hoch die Temperaturen sind.
Die offizielle Begründung dafür lautet: Den Spielern soll angesichts der grossen Hitze, die mitten im Sommer vor allem in Mexiko und den USA herrscht, eine Flüssigkeitsaufnahme ermöglicht werden.
Die Einschätzung des RTS-Experten Jérôme Latta:
Weil diese Pausen obligatorisch sind und die TV-Sender sie für Werbung nutzen dürfen, sind sie für die Fifa aber auch eine neue, lukrative Einnahmequelle.
«Das vorgebrachte Argument ist unschlagbar: Es geht um die Gesundheit der Spieler», betont der Sportökonom Christophe Lepetit gegenüber dem französischen Newsportal «Franceinfo». «Und um sportliche Ungerechtigkeit zwischen den Teams zu vermeiden, hat die Fifa beschlossen, das für alle vorzuschreiben.»
Allein an dieser WM entsprechen diese Trinkpausen 208 Werbeplätzen mit insgesamt 624 Minuten zusätzlicher Werbung, die vermarktet werden kann – für die Fifa eine Goldgrube. Das passt ins Bild eines Wettbewerbs, an dem die Einnahmen so hoch sein werden wie noch nie: Die Fifa rechnet bei der jetzigen WM mit fast vier Milliarden Dollar Einnahmen, im Vergleich zu 2.9 Milliarden bei der WM von 2022 in Katar.
Die neue Massnahme hat bereits konkrete Auswirkungen auf den Ablauf der TV-Übertragungen. Beim Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika strahlte der amerikanische Sender Fox noch Werbung aus, als das Spiel nach einer Pause wieder aufgenommen worden war, wodurch dem Publikum einige Sekunden der Begegnung entgingen.
Verzögerte Spielfortsetzungen
Die Zwangspausen stören auch manche Fussballprofis. Denn sie nehmen dem Spiel den Schwung und können die Teams von ihrer Spieltaktik abbringen. «Diese drei Minuten unterbrechen alles», sagte der französische Nationaltrainer Didier Deschamps Ende März nach einem Freundschaftsspiel gegen Brasilien. «Aber die Sender sind zufrieden, es gibt mehr Werbung.»
Diese Kritik teilt der Sportkommentator beim Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS), David Lemos. «Das verändert das Momentum eines Spiels. Eine Mannschaft, die gerade dabei ist, eine andere unter Druck zu setzen, kann in drei Minuten diesen Schwung verlieren», betont er. «Diese Erfrischungspausen generell vorzuschreiben, bedeutet, das Spiel der Werbetreibenden und der Werbung zu spielen.»
Unterschiedliche Kulturen
In der Wahrnehmung dieser Pausen zeigt sich, wie unterschiedlich die Sportwelten in den USA und in Europa sind. Im europäischen Fussball basiert das Spiel auf einer fast ununterbrochenen Kontinuität. Die grossen amerikanischen Sportarten wie American Football oder Basketball funktionieren viel mehr in Sequenzen, mit regelmässigen Stopps, Auszeiten und Unterbrechungen, die in den Ablauf der Show integriert sind, insbesondere für Werbung.
«Der nordamerikanische Sport ist darauf ausgelegt, sehr viele Pausen zu haben, um viel Werbung auszustrahlen», betont der Sportökonom Christophe Lepetit. Der Sport gelte mehr als in Europa als «Spektakel», bei dem das Generieren von Einnahmen ein fester Bestandteil ist.
Trinkpausen gibt es seit der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Bisher galt aber die Regel, dass sie nur bei Temperaturen von mehr als 32 Grad angesetzt werden.