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Geplatztes Korea-Treffen «Die Militärmanöver sind ein fadenscheiniger Vorwand»

Nach Wochen der Annäherung hat Nordkorea das für heute geplante Treffen mit Südkorea abgesagt. Zudem droht es, auch den Gipfel mit US-Präsident Donald Trump von Juni in Singapur platzen zu lassen. Grund für die Absage soll ein gemeinsames Militärmanöver von Südkorea und den USA sein. Das hält Journalist Martin Fritz allerdings nur für einen Vorwand. Im Grunde ginge es Pjöngjang darum, einen Keil zwischen die USA und Südkorea zu treiben, sagt er im Gespräch.

Martin Fritz

Martin Fritz

Freier Journalist

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Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.

SRF News: Das Militärmanöver läuft bereits seit Freitag. Weshalb kommt die Absage erst jetzt?

Martin Fritz: Die Begründung mit dem Militärmanöver ist sehr fadenscheinig, denn das Treffen wurde erst vereinbart, nachdem das Manöver schon begonnen hatte. Hinter dieser Absage steckt vermutlich die Botschaft an Südkorea: «Wir würden ja gerne mit euch verhandeln, wenn ihr nicht dieses Manöver abhalten würdet.» Pjöngjang hofft wohl, dass Südkorea, das Interesse an einer militärischen Entspannung mit dem Norden hat, aus dem Manöver aussteigt.

Die Begründung mit dem Militärmanöver ist sehr fadenscheinig.

Die Atombedrohung durch den Norden ist aber schon viel älter und steht auf der inoffiziellen Prioritätenliste Seouls nicht ganz oben. Hier ist also wieder die alte nordkoreanische Politik am Werk, nämlich einen Keil zwischen Südkorea und die USA zu treiben.

Nordkorea droht auch, den Gipfel mit Trump im Juni platzen zu lassen. Welches Kalkül steckt dahinter?

Diese Drohung geht vor allem in Richtung John Bolton, Trumps Sicherheitsberater und aussenpolitischer Hardliner in Washington. Bolton kennen die Nordkoreaner schon aus den ersten Sechs-Parteien-Gesprächen vor 15 Jahren. Und sie verabscheuen ihn, wie der nordkoreanische Vizeaussenminister jetzt selber offiziell sagte.

Von der Drohung, den Gipfel abzusagen, erhofft sich Nordkorea vermutlich, Trump werde seinen Wadenbeisser Bolton zurückpfeifen.

Bolton hat das Modell Libyen als Vorbild für die Denuklearisierung von Nordkorea ins Spiel gebracht und auch die Aufgabe von biologischen und chemischen Waffen verlangt. Von der Drohung, den Gipfel abzusagen, erhofft sich Nordkorea vermutlich, Trump werde seinen Wadenbeisser Bolton zurückpfeifen und offener in das Gipfeltreffen hineingehen, als es sich bisher abzeichnet. Ich denke schon, dass Nordkorea den Gipfel weiterhin will. Aber so wie Bolton vorher seine Vorstellungen öffentlich gemacht hat, so hat nun Nordkorea die eigenen Vorstellungen publiziert.

Mit der Absage des heutigen Treffens mit Südkorea will Nordkorea also Druck auf die USA ausüben?

Man kann nicht mit der Absage des Gipfels mit den USA drohen und gleichzeitig die Gespräche mit Südkorea weiterführen. Es geht vor allen Dingen darum, die Claims vor diesem Gipfel abzustecken. Denuklearisierung bedeutet für Nordkorea und die USA etwas völlig Unterschiedliches.

Nordkorea machte klar: Die Voraussetzungen für eine Denuklearisierung sei ein Ende der feindlichen US-Politik, und dazu gehören auch die Militärmanöver im Süden.

Die USA wollen eine vollständige, nachweisbare und unumkehrbare Denuklearisierung; erst danach sollen die Sanktionen gelockert werden. Während Nordkorea die Aufgabe der Atomwaffen nicht am Anfang, sondern höchstens am Ende eines langen Prozesses sieht. Nordkoreas Vizeaussenminister hat ganz klar gesagt, die Voraussetzungen für eine Denuklearisierung sei ein Ende der feindlichen US-Politik, und dazu gehören auch die Militärmanöver im Süden.

Ist die Absage ein Rückschritt in den Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea?

Kurzfristig ist das natürlich ein Rückschritt. Aber um die Lage wirklich zu verstehen, sollte man nicht tagesaktuell, sondern langfristig denken. Wir haben in Nordkorea einen jungen Führer, Kim Jong-un. Er ist erst 30 und Diktator auf Lebenszeit. Ihm geht es vor allem darum, dass er noch Jahrzehnte an der Macht bleiben kann. Für ihn sind die Atomwaffen bisher die höchste Sicherheitsgarantie.

Einen Tausch Atomwaffen gegen Wirtschaftshilfe, wie ihn sich Präsident Trump offenbar vorstellt, wird es mit Nordkorea nicht geben: Das hat der Vizeaussenminister ganz klar gesagt. Er nannte es eine lächerliche Komödie, dass Trump dieselbe Politik wie sein Vorgänger verfolge, obwohl doch Nordkorea jetzt nuklear bewaffnet sei. Die Aussage ist also klar: Die Lage hat sich geändert und deswegen müssten sich die USA auch bewegen – sonst wird es einen solchen Tausch nicht geben.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

20 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Die neuesten Meldungen zur ev. Absage Kims sollten sein. Bolton hatte ein mögliches Atomabkommen mit NK mit der nuklearen Abrüstung Libyens verglichen. Das passte den NK nicht.Das Schicksal des letzten lib. Herrschers sehen sie nicht als nachahmenswert an. Das Weisse Haus hat sich von den Aussagen des eigenen Sicherheitsberaters distanziert. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnungen, Trump hält am Treffen noch fest.
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  • Kommentar von pedro neumann (al pedro)
    Mir ist es immer noch lieber, wenn Demokratien Atomwaffen haben und nicht diktatorische Regimes. Das scheinen einige Kommentatoren hier anders rum zu sehen...
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  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Schon eine bodenlose Ignoranz des amtierenden POTUS: Nordkorea möchte er "denuklearisieren" und den Atomvertrag mit dem Iran, welcher den Weiterbau der Atombombe verhindert, kündigt er auf und läuft schnurstracks Gefahr, dass auch der Iran "nuklearisiert" wird. Letztendlich haben wir es dann dank der "Kreativität", respektive Torheit Trumps mit zwei Gefahrenherden zu tun.
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