Zum Inhalt springen

Header

Video
Djokovic sitzt in Australien fest
Aus 10 vor 10 vom 06.01.2022.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 3 Sekunden.
Inhalt

Gerichtsentscheid am Montag Novak Djokovic – «Persona non Grata» im Flüchtlingshotel

Die Abschiebehaft für Tennisstar Novak Djokovic nach seiner Ankunft hat einen unerwarteten Nebeneffekt. Aktivisten hoffen, sein Schicksal werde das Interesse der Welt auf die menschenunwürdigen Zustände werfen, die für Flüchtlinge Alltag sind.

Es gibt nur wenige Australierinnen und Australier, die dem Drama um Novak Djokovic etwas Positives abgewinnen können. Der serbische Weltranglistenerste ist nach seinem Versuch, mit einer Ausnahmebewilligung die für Australien geltende Impfpflicht umgehen zu können, zur «Persona non Grata» geworden.

Er war am Mittwoch in Melbourne gelandet, um am bevorstehenden Australian Open teilzunehmen. Während die Regierung des Bundesstaates Victoria dem ungeimpften Spieler aus medizinischen Gründen eine Ausnahmegenehmigung erteilt hatte, weigerte sich die Bundesregierung am Mittwoch, ihn ins Land zu lassen.

Entscheid über Abschiebung am Montag

Box aufklappen Box zuklappen
Legende: Reuters

Novak Djokovic erhält beim Kampf gegen seine drohende Abschiebung aus Australien einen Aufschub. Eine endgültige Entscheidung soll nicht vor einer für Montag angesetzten Gerichtsverhandlung fallen, wie ein australischer Regierungsanwalt am Donnerstag sagte.

Das Visum des Grand-Slam-Rekordchampions war nach dessen Ankunft am späten Mittwochabend (Ortszeit) wegen Nichterfüllung der Pandemie-Einreisebestimmungen von den Behörden widerrufen worden. Zuvor hatte der Grenzschutz erklärt, dass Djokovics Visum wegen fehlender Nachweise annulliert worden sei. Djokovic war in Melbourne gelandet, nachdem er laut eigenen Angaben eine medizinische Ausnahmegenehmigung beantragt und erhalten hatte.

In Serbien sorgte die Nachricht von der Behandlung Djokovics für einen öffentlichen Aufschrei. Präsident Aleksandar Vucic schrieb auf Instagram, er habe mit Djokovic telefoniert und ihm gesagt, dass «ganz Serbien bei ihm ist». Die serbischen Behörden würden «alle Massnahmen ergreifen, damit die Misshandlung des besten Tennisspielers der Welt so rasch wie möglich aufhört».

Djokovic verbrachte erst acht Stunden im Flughafen in Festhaltehaft. Danach wurde er ins Park Hotel Melbourne gebracht. Mitgefühl fand der Spitzensportler in Australien auch am Donnerstag wenig. Nur eine kleine Gruppe von Fans und serbischen Nationalisten versammelte sich, um für seine Freilassung zu demonstrieren.

Politischer Nutzen des Falls Djokovic

Dabei ist Djokovic – wohl ohne es zu wissen – mit seiner Festnahme zu einem Hoffnungsträger für australische Flüchtlingsaktivisten geworden. Menschenrechtsaktivisten hoffen, dass die Situation die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Australiens harte Einwanderungspolitik lenken wird. Denn das Hotel wird von Australiens Grenzpolizei als Einrichtung für Asylbewerber genutzt.

Demonstrantin vor dem Park Hotel
Legende: Eine Demonstrantin fordert vor dem Park Hotel die Freilassung der Flüchtlinge. Keystone

Etwa 33 Männer sind derzeit im Park Hotel inhaftiert. Flüchtlingsanwälte fordern seit Jahren ihre Freilassung. «Dies ist eine sehr unglückliche Situation, mit der viele Menschen konfrontiert sind, die nach Australien kommen», beschreibt Alison Battisson von Human Rights For All die Lage des Tennisstars. Sie geht davon aus, dass er trotz seiner Prominenz nicht anders behandelt wird als andere Ankömmlinge ohne korrekte Papiere.

Djokovic wurden höchstwahrscheinlich Handschellen angelegt, das ist eine Standardprozedur.
Autor: Alison Battisson Human Rights For All

«Zunächst einmal wurden ihm höchstwahrscheinlich Handschellen angelegt, das ist eine Standardprozedur. Vom Flughafen aus wurde Djokovic in einem Lieferwagen mit unmarkierten Fenstern zum Hafthotel gebracht.» Im Hotel selbst seien die Fenster komplett abgedichtet und mit einem Film beschichtet, damit die Inhaftierten von aussen nicht gesehen werden können, erklärt Battisson.

Schlimme Zustände für Hotelbewohner

Bei Djokovics Mitbewohnern im Park Hotel handelt es sich vorwiegend um Asylsuchende, deren Flüchtlingsstatus noch abgeklärt werden muss oder die auf ihre Abschiebung warten. Dieser Prozess kann viele Jahre dauern. Die Inhaftierten dürfen das Hotel und ihre Zimmer in dieser Zeit nicht verlassen.

«Politik der Härte» gegenüber Asylbewerbern

Box aufklappen Box zuklappen

Die Immigrationspolitik Australiens ist sehr strikt. Ohne das korrekte Visum ins Land kommen zu wollen, wird von der Regierung als schweres Delikt geahndet.

Seit Jahrzehnten deportiert Australien meist muslimische Menschen, die versuchen, über Länder wie Indonesien per Boot nach Australien zu fliehen, in Internierungslager in Papua-Neuguinea und Nauru, wo sie meist jahrelang ausharren müssen. Die Bedingungen in den Lagern werden von Menschenrechtsorganisationen regelmässig als «unmenschlich» und «grausam» beschrieben.

Mit dieser «Politik der Härte» will Australien offiziell Nachahmer davon abhalten, die gefährliche Reise über das Meer zu unternehmen. Flüchtlingsorganisationen werfen der Regierung in Canberra aber vor, mit der Methode an den unterschwelligen Rassismus im Volk zu appellieren. Die Mehrheit der Bevölkerung steht denn auch hinter dieser Internierungspolitik.

Jüngst gab es Berichte über Maden im Essen. Ausserdem wurde die Anlage von Epidemiologen und Architekten wegen ihrer schlechten Belüftung kritisiert. Kürzlich war das Park Hotel zudem Schauplatz eines Covid-19-Ausbruchs, bei dem sich die Hälfte der Häftlinge sowie etwa 20 Mitarbeitende mit dem Coronavirus infizierten.

«Novak Djokovic hat die Ressourcen der ganzen Welt hinter sich», meint Battisson. «Wenn jemand wie er in dieses brutale Regime hineingezogen werden kann, dann muss man sich mal vorstellen, womit Menschen konfrontiert werden, die am Flughafen oder per Boot Asyl beantragen: Sie sehen sich einem undurchdringlichen System ständig ändernder Regeln und Vorschriften gegenüber.»

SRF 4 News, 06.01.2022, 06:40 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

188 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Userinnen und User
    Danke für die angeregte Diskussion. Wir schliessen an dieser Stelle die Kommentarspalte und wünschen einen schönen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Christof Liechti  (Stoeffu)
    Und wieder ein prominentes Opfer von social media. Hätte er vor Abflug auf den Twitter post verzichtet, wäre die Stimmung nicht so hochgekocht und er währe wahrscheinlich einfach eingereist.
  • Kommentar von Bengt Olav Stromberg  (B.O.S.)
    Djokovic hat mit seinem provokanten Tweet eine Lawine ins Rollen gebracht und die Rechnung ohne das australische Volk gemacht. Dummerweise verfügte er bei der Einreise über kein gültiges Visum, und die Falle schnappte zu. Entweder sind seine Belege medizinisch nicht stichfest, oder er hatte Covid, liess dies aber nicht mittels PCR-Test bestätigen. Nach den heutigen Aussagen des Djokovics-Clans (Jesus, Spartacus, Gott sieht alles) kann man sich nicht vorstellen, dass der Richter ihn reinlässt.
    1. Antwort von Moritz Grob  (Mogro)
      Siehe sehen was sie sehen wollen. Der Tweet war nicht provokant. Es war ein Neujahresgruss und eine Nachricht an seine Fans. Das Gutachten sowie das Visum waren als ausreichend anerkannt worden. Erst nach dem öffentlichen Pushback sah australiens PM hier noch die Chance (in einem Wahljahr) leichte Stimmen zu gewinnen. Der Entscheid der aus. Behörden sind willkürlich und zeugen von billigen Machtspielen.
    2. Antwort von Bengt Olav Stromberg  (B.O.S.)
      Genau darum geht es doch, Herr Grob, um das Gutachten. Das würden jetzt alle gerne sehen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wer ein Gutachten bekommt und ND heisst, wird zwangsläufig von der Öffentlichkeit gefragt werden, was darin steht. Das Einzige, was man bislang weiss, ist, dass die entscheidende Instanz, die australische Grenzpolizei, das Gutachten als nicht ausreichend klassifiziert hat. Und dies nach einer mehr als siebenstündigen Prüfung. Djokovic braucht dringend ein weiteres Gutachten.