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Menschen in Chile protestieren gegen Hunger
Aus Tagesschau vom 07.06.2020.
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Gescheiterte Quarantäne-Regeln Die Chilenen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen

Rasant steigende Fallzahlen, Wut und Hunger in Chile – und eine Regierung, die das Problem lange unterschätzt hat.

Menschen, die auf leere Kochtöpfe klopfen, brennende Autoreifen: Trotz der Ansteckungsgefahr protestieren immer mehr Menschen auf den Strassen der armen Vororte von Chiles Hauptstadt Santiago. Nicht gegen die Quarantäne, sondern gegen den Hunger. Doch der Staat schickt oft statt Nahrungsmitteln die Polizei.

2.5 Millionen Kisten mit Lebensmitteln hat die Regierung im Mai versprochen, doch die Verteilung geht nur langsam voran. In einigen Vierteln haben sich die Nachbarn deshalb zusammengeschlossen: Sie sammeln Lebensmittel und kochen gemeinsam.

Etwa in Lo Hermida, im Südosten der Hauptstadt. Felix Alberto schneidet Kürbisse und Kartoffeln. Mehr als 200 Menschen haben sich für heute in die Liste eingetragen. «Die meisten hier haben ihre Arbeit verloren», erklärt Alberto, vor der Krise lieferte er als Selbstständiger Sandwiches an Event-Veranstalter. «Ich verstehe nicht, warum die Regierung nicht einfach einen kleinen Betrag aufs Konto überweist, damit die Menschen wenigstens etwas zum Essen haben. Viele hungern.»

Angst vor Jobverlust

Das Ziel der Solidaritätsaktion: Auch jenen eine Quarantäne ermöglichen, die es sich nicht leisten können, zuhause zu bleiben. Eine Studie der Ärztekammer und mehrerer Universitäten zeigt: 15 Prozent der Chilenen, die bereits eine Covid-19-Diagnose haben, gehen dennoch arbeiten und benutzen mindestens einmal pro Woche ein öffentliches Verkehrsmittel. Das Gleiche gilt für 36 Prozent derer, die noch nicht getestet wurden, aber Symptome verspüren. Einer der möglichen Gründe ist die grosse Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.

Eine Frau in Santiago sitzt zwischen Lebensmittelpaketen der Regierung.
Legende: Die Verteilung der Lebensmittelpakete geht nur langsam voran. Reuters

«Wir brauchen endlich eine effiziente Quarantäne, diese wurde im März von der Ärztekammer empfohlen und erst im Mai, zwei Monate später, umgesetzt», sagt der Arzt Mauricio González. «Aber dafür braucht es auch eine sozial abgesicherte Bevölkerung, dafür wurde nicht ausreichend gesorgt. Ich kann von niemandem verlangen, zuhause zu bleiben, wenn er nichts zu essen hat.»

Die Situation sei dramatisch, 96 Prozent der Spitalbetten im Grossraum Santiago seien bereits belegt. «Wir Ärzte stehen schon heute immer wieder vor der Entscheidung: Wen können wir behandeln, wen nicht?» berichtet González. Er fordert ein Umdenken im Gesundheitswesen: «Das öffentliche System wurde in den letzten Jahrzehnten immer mehr geschwächt.»

Quarantäne-Konzept gescheitert

Als Präsident Sebastian Piñera letzte Woche Änderungen im Kabinett ankündigte, hatten viele auf einen Wechsel im Gesundheitsministerium gehofft. Denn das Konzept einer selektiven Quarantäne, an dem Chile zu Beginn der Krise lange festhielt, ist gescheitert, das zeigen die Fallzahlen klar.

Der Gesundheitsminister glänzt zudem durch einen Fauxpas nach dem anderen: Er zählte in einer Ansprache die Zahl der Corona-Toten und Genesenen zusammen in der Kategorie «recuperados» («Erholte»), denn auch Tote seien ja nicht mehr ansteckend.

Und Ende Mai präsentierte er den Medien angeblich neu importierte Beatmungsgeräte, doch das Flughafenpersonal liess durchsickern, dass alles nur eine Show gewesen sein soll: Die Geräte seien mit einem Lastwagen angeliefert worden, nicht mit dem Flugzeug.

Zu den hohen Ansteckungsraten in einigen Gegenden der Hauptstadtregion Santiago befragt, sagte der Minister: Er habe nicht gewusst, wie viele Menschen dort arm seien und wie zusammengepfercht sie dort wohnten.

Tagesschau, 07.06.20, 19:30 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Chile: Wut und Hunger wachsen in der Quarantäne. Die Menschen in Santiago de Chile fühlen sich von der Regierung in der Corona-Krise im Stich gelassen - Proteste in den Armen- und Arbeitervierteln weiten sich aus. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Sie verkaufen ihr Hab und Gut auf dem Flohmarkt, um sich etwas zu Essen kaufen zu können. Traurige Tatsache. Während die Menschen bei uns nur an Party's, Vergnügen und Reisen denkt gibt es vielerorts auf der Welt Menschen die Hungern. Traurig
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  • Kommentar von Martin Lutz  (Liebe, Respekt und Mitgefühl braucht die Welt)
    Ganze Seen und Flüsse werden an Minenbetriebe, Grossgrundbesitzer und internationale Konzerne verkauft. Ganze Landstriche werden trocken gelegt. Die einfache Bevölkerung hat nichts von den Gewinnen. Sie müssen ihren Landbau aufgeben, weil es kein Wasser mehr für sie gibt. Stelle man sich vor, der Zürich-/Vierwaldstätter-/ Neuenburgersee, Limmat, Aare und Reuss, sogar die noch existierenden Gletscher gehören Nestlé, Glencore etc. und einigen wenigen Grossgrundbesitzern...
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  • Kommentar von Tom Maier  (MaTo)
    Quarantäne muss man sich leisten können, Hunger treibt die Menschen auf die Strasse. Das ist in jedem 2. Weltland so, in den 3. Weltländern noch viel ausgeprägter. Die Chilenen sind aufmüpfiger / rebellischer als die Bürger anderer Länder, deshalb kommen sie immer wieder in den Fokus der Medien, das Grundproblem der enormen Ungleichverteilung hat aber auch dieses Land.
    Obschon Chile im oberen Teil der 2. Weltländer rangiert.
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    1. Antwort von Martin Lutz  (Liebe, Respekt und Mitgefühl braucht die Welt)
      @ Ma To. Es sind mehrheitlich die Jungen, welche für ihre Rechte kämpfen und sich auflehnen. Die ältere Generation, welche die Grausamkeiten des Pinochet Terrorsystems hat erleben müssen, ist immer noch paralysiert wie die Maus vor der Schlange. Es wird mindestens noch eine Generation brauchen, um die Pinochet Diktatur und deren Nachwehen überwinden zu können. Die Verfassung beruht noch auf Pinochet. Das Militär und die Polizei hat noch sämtliche Freiheiten und geht dementsprechend brutal vor.
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