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Geschlechtertests für Olympia Sorgt ein Gentest für mehr Fairness im Frauensport?

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verschärft die Regeln für den Frauensport: Athletinnen müssen künftig einen genetischen Geschlechtertest machen, Transfrauen werden ausgeschlossen. Die neuen Richtlinien sollen die Fairness im Frauensport gewährleisten, heisst es vom IOC. Tun sie das wirklich? Der Soziologe Dennis Krämer sieht das kritisch. Er forscht zur Geschlechterdiversität im Sport.

Dennis Krämer

Soziologe

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Krämer ist Soziologe an der Universität Münster und forscht zu Geschlechter‑Diversität im Sport. Er untersucht unter anderem, wie sich die Beteiligung geschlechtsdiverser Menschen am Sport, die Zulassungsregelungen internationaler Sportverbände und Debatten rund um Fairness in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

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SRF News: Sorgen die neuen Regeln tatsächlich für mehr Fairness im Frauensport?

Dennis Krämer: Man muss zunächst verstehen, dass für uns als Gesellschaft Fairness auf kollektiv geteilten Übereinkünften beruht. Ein Wettrennen zwischen einem Erwachsenen und einem Kind wäre kein fairer Wettbewerb. Im Spitzensport ist der Aspekt der Fairness eng mit der Chancengleichheit verbunden: Alle sollen unter möglichst gleichen Bedingungen antreten, analog zu anderen Gesellschaftsbereichen wie der Arbeitswelt oder dem Schulsystem – man soll sich hocharbeiten können. Dafür wird gruppiert: etwa nach Gewicht, Alter, Ligen oder eben Geschlecht.

Wo liegt dabei das Problem?

Das Problem ist, dass Chancengleichheit über das Geschlecht viel anspruchsvoller zu messen ist als etwa über das Gewicht. Geschlecht ist biologisch und sozial hochkomplex und wird wissenschaftlich gesehen auch immer komplexer.

Es ist auch ein politischer Rückschritt.

Das IOC setzt auf wissenschaftliche Messungen via Genscreening. Greift das zu kurz?

Ja, der geplante einmalige SRY-Gentest greift deutlich zu kurz. Die Idee ist ein «Once in a lifetime»-Test: Wer negativ getestet wird, muss nie wieder geprüft werden. Aber viele leistungsrelevante Faktoren werden verschwiegen – etwa der Grad der Vermännlichung während der Pubertät, der Zeitpunkt einer Geschlechtsanpassung, individuelle körperliche Veranlagungen oder Hormontherapien.

Trotzdem will Sport in Kategorien stattfinden. Wie kann er trotzdem fair bleiben?

Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht zu simpel gedacht. Es wird so getan, als würden Männer oder «unfaire» Körper in der Frauenkategorie antreten und die Chancengleichheit bedrohen. Für die Spiele 2028 bedeutet das konkret: Rund 5600 Personen werden getestet, um über ihre Teilnahme zu entscheiden. Gleichzeitig zeigen sportmedizinische Metastudien, dass es über Disziplinen hinweg keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen trans- und nicht­trans­geschlechtlichen Personen gibt. Das kann man alles diskutieren und kritisch sehen, aber man muss es zumindest zur Kenntnis nehmen.

Sport ist immer unfair.

Was kritisieren Sie darüber hinaus an den neuen Regeln?

Es ist auch ein politischer Rückschritt. Mehr als 20 Staaten erkennen inzwischen ein drittes Geschlecht an, teils mit Selbst­bestimmungs­gesetzen. Und ich habe in meiner Forschung noch nie eine inter- oder transgeschlechtliche Person getroffen, die sich für eine Geschlechtsanpassung entscheidet – sich die Geschlechtsorgane operieren, sich hormonell behandeln oder irreversible Eingriffe vornehmen lässt –, um sich kurzfristig einen Vorteil im Spitzensport zu verschaffen. Man hat nicht mehr den Blick für die Realität.

Sportlerin küsst Goldmedaille unter hellem Licht.
Legende: Das IOC versucht, ein komplexes Thema mit einem einfachen Gentest zu lösen. Doch das Olympische Komitee verfehlt damit laut Krämer, wie Fairness im Sport tatsächlich funktioniert. Auslöser für die verschärfte Politik war die Teilnahme von Olympiasiegerin Imane Khelif (im Bild). (09.08.2024) Reuters/Peter Cziborra

Was wäre aus Ihrer Sicht ein sinnvollerer Ansatz?

In meinen Augen sollte die Partizipation von inter- und transgeschlechtlichen Personen stärker an Selbstbestimmungsgesetzen orientiert werden. Dem Argument, dass das unfair sei, würde ich begegnen mit: Sport ist immer unfair. Neben biologischen Faktoren spielen auch Grösse, Alter, Training, Talent oder Ehrgeiz eine Rolle. Diese Dimensionen bildet ein SRY-Gen überhaupt nicht ab.

Das Gespräch führte Rachel Beroggi.

SRF 4 News, 30.03.2026, 06:20 Uhr ; 

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