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Gleichzeitigkeit von Krisen Was hinter der Häufung globaler Konflikte steckt

Kriege, Cyberangriffe und wirtschaftlicher Druck treffen Demokratien zunehmend gleichzeitig und stellen ihre traditionellen Sicherheitsvorstellungen infrage, sagt der Politologe Urs Vögeli.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert an. Im Nahen Osten eskaliert die Gewalt, im Sudan herrscht Bürgerkrieg, zwischen Indien und Pakistan wachsen die Spannungen. Cyberangriffe, Desinformation und Sabotage an Infrastruktur nehmen weltweit zu.

Das Peace Research Institute Oslo (Prio) registrierte 2024 weltweit 61 staatliche Konflikte in 36 Ländern – so viele Kriege und bewaffnete Konflikte wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Zugleich war 2024 das viertgewalttätigste Jahr seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Verdichten sich die Konflikte weltweit?

Panzer auf einem zerstörten Weg durch Trümmer und Vegetation.
Legende: Israelische Militärfahrzeuge verlassen den Libanon, aufgenommen von der israelischen Seite der israelisch-libanesischen Grenze im Norden Israels. Reuters/Ammar Awad

«Nicht unbedingt», sagt Urs Vögeli, Politologe mit Schwerpunkt politische Theorie und Sicherheitspolitik. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich eine regelbasierte Ordnung etabliert. Europa habe lange an Frieden durch Handel, wirtschaftlichen Fortschritt und eine demokratisch geprägte Ordnung geglaubt. Nach dem Kalten Krieg habe sich dieses Weltbild verfestigt. Doch Konflikte und Kriege habe es weiterhin gegeben, meist ausserhalb Europas und oft in anderer Form als klassische zwischen­staatliche Kriege.

Verändert habe sich aber die Art der Konfliktführung. Staaten nutzen heute ein breiteres Instrumentarium: Cyberangriffe, Desinformation, wirtschaftlichen Druck, Spionage, kulturellen Einfluss. Infra­strukturen und wirtschaftliche Abhängig­keiten würden gezielt eingesetzt, um zu testen, wie andere Länder reagierten und wo ihre Schwächen lägen.

Mann mit Brille vor steinernen Stufen.
Legende: Urs Vögeli leitet seit 2017 das Swiss Institute for Global Affairs (Siga), eine Schweizer Denkfabrik mit Fokus auf Geopolitik. Vögeli dient zudem als Offizier in der Schweizer Armee und war während eines sechsmonatigen Einsatzes Teil der KFOR-Friedenstruppe im Kosovo. zVg

Diese Form der Konfliktführung gilt als hybride Bedrohung. Die EU warnte bereits 2021 davor und entwickelte 2022 im Rahmen ihrer Sicherheitsstrategie ein erweitertes Instrumentarium zur Abwehr hybrider Angriffe.

Die Idee des D7-Bündnisses

«Wirtschaftlich, technologisch und militärisch aufstrebende Staaten in Asien – etwa China und Indien, aber auch Pakistan – fordern die bestehende Ordnung heraus», sagt Vögeli. Hinzukämen Bündnisse wie Brics oder die Shanghai Cooperation Organisation, die das westlich geprägte System unter Druck setzten. Damit verändere sich das europäische Verständnis von Sicherheit.

Der frühere Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen schlägt eine «D7» vor: einen engeren Zusammen­schluss demokratischer In­dustrie­staaten, der sich am Nato-Artikel 5 orientiert und gemeinsam reagiert, wenn ein Staat wirtschaftlichen Druck auf ein Mitglied ausübt. Die Staaten sollen sich bei Sanktionen, Handels­konflikten und Cyberangriffen gegenseitig absichern.

Mann mit Brille und Anzug vor lila Hintergrund.
Legende: Als Wunschmitglieder für das neue Staatenbündnis «D7» nennt Anders Fogh Rasmussen die sieben Parteien EU, Grossbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Japan und Südkorea. Das «D» soll für Demokratie stehen. Keystone/STEPHANIE LECOCQ

Ein engerer Zusammenschluss demokratischer Staaten sei zwar interessant, gleichzeitig könne ein solcher Block das Bild eines westlichen Macht­zirkels verstärken, sagt Vögeli. Das wirke ins­be­son­dere gegenüber Staaten des globalen Südens wenig anschluss­fähig. Stattdessen seien Bündnisse wie die Brics-Gruppe attraktiv, die sich als Gegen­modell zum Westen präsentierten und breiter gefasst seien.

Artikel 5 des Nato-Vertrags: Gemeinsame Reaktion auf Angriffe

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Artikel 5 des Nato-Vertrags besagt, dass ein bewaffneter Angriff gegen ein oder mehrere Mitgliedstaaten als Angriff gegen alle gilt. Die Vertragsstaaten verpflichten sich zur gegenseitigen Unterstützung; jedes Mitglied leistet dem angegriffenen Staat Beistand, falls erforderlich mit militärischen Mitteln.

Für Demokratien werde deshalb entscheidend, Sicherheit breiter zu denken, sagt Vögeli. «Sicherheit liegt längst nicht mehr allein beim Militär.» Unternehmen, Behörden und Zivilgesellschaft müssten wider­stands­fähiger werden, etwa gegen Cyberangriffe oder Desinformation. Auch müssten sie in einer un­über­sichtli­chen Weltlage handlungsfähig bleiben. Sonst drohe Demokratien, nur noch auf Krisen zu reagieren, statt zu agieren.

SRF 4 News, 11.5.2026, 22 Uhr ; 

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