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Sportverbände haben Interesse an einer Teilnahme an Grossereignissen
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.04.2021.
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Grossevents in Katar und China «Der Sport sieht Boykotte nicht als ein geeignetes Mittel»

Boykottaufrufe für die Olympischen Winterspiele in Peking und für die Fussball-Weltmeisterschaft in Katar machen die Runde. So haben die Fussball-Nationalmannschaften von Norwegen, Deutschland und den Niederlanden gegen die schlechte Menschenrechtslage in Katar demonstriert. Und Menschenrechtsorganisationen fordern, Peking wegen der schlechten Menschenrechtslage in China zu boykottieren. Für Petra Tzschoppe, Sporthistorikerin und Sportsoziologin, kommt das aber zu spät.

Petra Tzschoppe

Petra Tzschoppe

Sporthistorikerin und Sportsoziologin

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Petra Tzschoppe ist Sporthistorikerin und Sportsoziologin an der Universität Leipzig. Sie ist zugleich die Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

SRF News: Weshalb folgen auf Boykottaufforderungen wie im Fall von Katar und Peking nur selten wirklich Boykotte?

Petra Tzschoppe: Forderungen nach Boykotten kommen ganz häufig aus dem politischen Raum. Seitens des Sports herrscht in einem stärkeren Mass die Linie vor, an den Veranstaltungen teilzunehmen und sie auch zu nutzen, um auf Missstände in den jeweiligen Ländern aufmerksam zu machen. Grundidee war beispielsweise bei den Olympischen Spielen schon immer jene, dass man sich miteinander im sportlich-fairen Wettkampf besser kennen- und achten lernen sollte, dass der Sport Frieden stiften und Völker verbinden soll.

Grundidee war beispielsweise bei den Olympischen Spielen schon immer die, dass (...) Sport Frieden stiften und Völker verbinden soll.

Das ist das, was seitens des Sports bis heute favorisiert wird: die Gelegenheit, die Scheinwerfer auf ein Land zu richten, auf Menschenrechtsverletzungen dort aufmerksam zu machen und im Dialog Veränderungen anzuregen. Deshalb bleibt es häufig bei Forderungen nach Boykotten, die seitens des Sports nicht unbedingt als ein geeignetes Mittel angesehen werden.

Der Sport wird von Austragungsorten oft politisiert. Wenn man an den Anlässen teilnimmt, heisst das nicht auch, dass man das Spiel mitspielt?

Das ist sicherlich ein wichtiger Punkt, der aber schon in dem Moment berücksichtigt werden müsste, wenn Sportgrossereignisse vergeben werden. Bei der Entscheidung, wo es hingeht, sollte natürlich auch die Situation im potenziellen Ausrichterland im Blick sein. Wenn aber diese Entscheidung schon gefallen ist, dann denke ich, sollte man wirklich die Möglichkeiten des Sports auch nutzen, auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen, wie beispielsweise in Katar, wo jetzt schon signalisiert wird, es habe dort tatsächlich Veränderungen und Verbesserungen gegeben. Wichtig wird sein, dass diese dann auch über die WM hinaus Bestand haben.

Stadion in Katar
Legende: Im Moment läuft die Qualifikation für die Fussball-Weltmeisterschaft in Katar im Winter 2022. Laut einer repräsentativen «Spiegel»-Umfrage in sind aber zwei Drittel der befragten Fans gegen die Teilnahme. Keystone

Was kann der Sport bezüglich der Lage der Arbeiter aus Bangladesch in Katar oder der Rechte der Uigurinnen und Uiguren in China bewirken?

Die unmittelbare Möglichkeit, in puncto Menschenrechtsverletzungen einzugreifen, hat er natürlich nicht. Aber die Chance, diese grosse Öffentlichkeit, die Grossveranstaltungen erzielen, zu erzeugen, und sich klar zu den Werten des Sports zu positionieren, die auch die Beteiligung aller Menschen an Sportmöglichkeiten, die Achtung der Menschenrechte, die Nichtdiskriminierung beinhalten, das kann Sport sehr wohl leisten.

Wenn die Entscheidung schon gefallen ist, sollte man die Möglichkeiten des Sports nutzen, auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen.

Glauben Sie, dass nun tatsächlich ein Sportverband die Spiele in Peking oder die Fussball-WM in Katar – beide im 2022 – boykottiert?

Die Diskussion ist angestossen. In meiner Wahrnehmung ist es aber nicht das Interesse des Sports, an diesen Veranstaltungen nicht teilzunehmen. Das Interesse der verschiedenen Landesverbände, auch des Internationalen Olympischen Komitees IOC, ist, dass diese Sportereignisse stattfinden, dass sie unter guten Bedingungen stattfinden und dass sie ein Erbe in den jeweiligen Ausrichterländern hinterlassen, das positive Effekte sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht hinterlässt.

Das Gespräch führte Sandro Della Torre.

SRF 4 News, 12.04.2021, 06:20 Uhr;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Bin der gleichen Meinung wie Petra Tzschoppe: Nachträglicher Boykott ist wenig sinnvoll und die leidtragenden sind die unschuldigen Sportler. Hingegen: Bei der Vergabe von sportl. Grossveranstaltungen sollten Auflagen bezüglich Menschenrechten definiert werden. Meine Meinung: Aktuell dürften China, Russland, Saudi-Arabien, Belarus, Brasilien, Venezuela, Türkei, Iran uam, keine Weltmeisterschaften (über sämtliche Sportarten) und auch keine olympische Spiele zugesprochen erhalten.
  • Kommentar von Thomas Trefzer  (ttre)
    Aus Sicht der Sporler ein riesiges Desaster. Aber "Wohl oder Übel" wird sich jeder die Frage selbst stellen müssen. Verzichte ich nach hartem Training und Vorbereitung auf die Teilnahme oder schaue ich einfach weg? Jedem Sportler der aufgrund seines persönlichen Entscheids (Verband hin oder her) auf eine Teilnahme verzichtet entbiete ich meine Hochachtung. ;-)
  • Kommentar von Leon Turcan  (Leon3103)
    Sportler sind keine Politiker, trotzdem könnten sie den Kopf mal anschalten, anstatt auf ihre Manager und Experten wie Frau Tzschoppe zu hören. Die Stadien in denen gespielt wird, wurden mit Blut gebaut. Dieses Blut klebt auch an jedem Spieler, der sich nicht weigert, eine solche Veranstaltung zu unterstützen. Der Geldsegen eines solchen Events wird auch nicht in die Menschenrechte fliessen, sondern eher in deren Fassade, die dem Westen präsentiert wird, damit wir weiter mit ihnen handeln.