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Urteil im Fall Kirill Serebrennikow wird erwartet
Aus Echo der Zeit vom 23.06.2020.
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Haft für russischen Regisseur? «Die Karten stehen schlecht für Serebrennikow»

Dem Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow drohen sechs Jahre Straflager. Im August 2017 wurde er, damals Leiter des Gogol-Centers in Moskau, festgenommen. Er sass eine Zeit lang in Haft und war dann 1.5 Jahre unter Hausarrest.

Letzten Herbst sah es aus, als würde der Fall fallengelassen. Eine Richterin kam zum Schluss, dass der Vorwurf der Veruntreuung von Fördergeldern nicht nachgewiesen werden könne. Doch die Staatsanwaltschaft zog den Fall weiter. Nun soll am Freitag das Urteil gegen Serebrennikow bekannt werden.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Die Staatsanwaltschaft beantragt sechs Jahre Straflager für Serebrennikow. Wie begründet sie das?

David Nauer: Serebrennikow soll zusammen mit anderen Angeklagten umgerechnet rund zwei Millionen Franken an Subventionen unterschlagen haben. Im Kern geht es darum, dass Serebrennikow und seine Leute bei einem grossen Kunstprojekt sehr kreativ mit der Buchhaltung umgegangen sind. Sie haben zum Beispiel Schauspielerinnen und Schauspieler bar bezahlt und auch viele andere Ausgaben nicht abgebucht. Das war wohl auch nicht legal. Allerdings ist das in der russischen Kunst- und Theaterszene ziemlich üblich. Das Problem ist aber, dass die Staatsanwaltschaft in Serebrennikows Fall aus einem schlampigen Umgang mit Buchhaltung einen Diebstahl in Millionenhöhe macht. Eine Behauptung, für die es schlicht keine Beweise gibt.

Solidaritätswelle für Serebrennikow

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Der Rückschlag im Fall Serebrennikow habe eine richtige Solidaritätswelle ausgelöst, so Nauer. «Innert kürzester Zeit haben gegen 5000 Kulturschaffende einen offenen Brief unterzeichnet, der Serebrennikow verteidigt und einen Freispruch für ihn fordert.» In dem Brief steht, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und es gebe auch keine Beweise für seine Schuld.

Allerdings ist Serebrennikow kein Künstler des Volks. «Er hat schwierige, schwer verdauliche und provokative Stücke inszeniert. In liberalen, kulturell interessierten Kreisen ist der damit ein Superstar geworden. Aber die Massen der Russinnen und Russen werden sich nicht für ihn einsetzen, weil sie ihn nicht kennen und auch nicht verstehen», so Nauer.

Serebrennikow war ja die letzten Monate frei, der Theatermacher konnte sogar inszenieren. Jetzt wird die Schraube wieder angezogen. Was ist passiert?

Das ist schwer zu sagen. Es hat tatsächlich eine Weile so ausgesehen, dass die Anklage juristisch unhaltbar ist und selbst die Staatsanwaltschaft das eingesehen hat. Aber dieser Fall hat eben nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine politische Seite: Serebrennikow ist ja ein sehr kritischer Künstler. Er hat in Russland viele Fans, aber er hat auch Feinde, gerade in der Elite. Und die scheinen nun entschlossen zu sein, ihn für viele Jahre ins Gefängnis zu bringen.

Dieser Fall hat nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine politische Seite.

Auch Serebrennikow sieht den Fall politisch. Er hat in seinem letzten Wort vor Gericht eine Botschaft an Richter und Staatsanwälte versteckt. Die Anfangsbuchstaben jedes einzelnen Abschnitts seiner Rede ergeben den Satz «Ich bereue nichts. Aber ihr tut mir leid.» Das ist ein ziemlich starkes Bild eines Künstlers: Der Angeklagte schenkt dem Richter und den Anklägern sein Mitgefühl, weil er glaubt, dass sie ihn zu Unrecht verurteilen werden.

Video
Ein Regisseur unter Hausarrest – Wie Kirill Serebrennikov in Zürich Mozart inszenierte
Aus Sternstunde Kunst vom 19.05.2019.
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Wenn man in Russland angeklagt ist, ist ein Freispruch eher selten. Wie stehen die Chancen, dass Serebrennikow die Strafe umgehen kann?

Statistisch gesehen stehen sie sehr schlecht, weil Richterinnen und Richter in Russland sehr oft den Forderungen der Anklage folgen. Ob das jetzt in diesem Fall auch der Fall ist, weiss man nicht. Aber ich denke, es muss ein Wunder geschehen, dass es zu einem Freispruch oder zu einer sehr milden Strafe kommt. Die Karten stehen schlecht für Serebrennikow.

Was wäre eine Verurteilung für ein Signal?

Ein sehr düsteres. Serebrennikow ist einer der grössten russischen Künstler unserer Zeit. Wenn der Staat ihn nun für mehrere Jahre ins Gefängnis wirft wegen einer Bagatelle, dann weiss jeder Künstler und jeder Aktivist, dass die harte Hand des Staates auch ihn willkürlich treffen kann. Gerade in der politischen Komponente liegt die Wichtigkeit dieses Prozesses. Denn der Ausgang wird zeigen, in welche Richtung Russland sich in nächster Zeit bewegt.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Echo der Zeit vom 23.6.2020;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Erich Deiss  (Erich Deiss)
    Und wie ist das denn bei uns so genau, wenn ich z.b. an Assange denke ?
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  • Kommentar von Frank Henchler  (Die Wahrheit ist oft unbequem)
    China oder Russland ist mittlerweile völlig egal . Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte ist in beiden Autokratien ein Fremdwort. Sehr beängstigend, dass Menschen für solche Taten vielleicht für immer verschwinden.
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  • Kommentar von Peter Mueller  (Elbrus)
    2 Mio. zu veruntreuen geht ganz sicher nicht. In Russland macht das 145 Mio. Rubel. Ein Pensionär bekommt etwa 12000 ein guter Mitarbeiter etwa 45'000. Serebrennikow wird etwa 3 Jahre erhalten und wenn er Glück hat muss er 2 Jahre absitzen wegen seiner relativ langen U-Haft. "Ich bereue nichts" ist aber ganz sicher die Falsche Haltung. Serebrennikow als grossen Künstler zu bezeichnen ist lächerlich. Engagiert wird er nur im Westen.
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    1. Antwort von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
      Die kleine Welt der SRF-Korrespondenten: Serebrennikow "einer der grössten russischen Künstler unserer Zeit" wahrscheinlich wie Alexei Nawalny "der grösste russische Oppositionelle" und dann noch "Eine Behauptung, für die es schlicht keine Beweise gibt" von woher will der Korrespondent dass wissen? Nach meiner Erkenntnis hat er ja keinerlei Zugang zu Entscheidungsträger? Vielleicht wieder von anonymen Experten und Boulevardblätter?
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    2. Antwort von Paul Soltermann  (ps)
      Neutralität: Ihr Namensvetter koennte treffender als Agent der westl. (Kriegs-)Berichterstattung bezeichnet werden.
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    3. Antwort von Christoph Reuss  (Christoph.Reuss)
      Andersdenkende sagen was sie zu tun haben und lächerlich machen scheint bei den Russentrollen im Repertoire ganz oben zu stehen. 2 Mio!!!! so viel Subventionen gibt es in ganz Moskau nicht für ein kleines Theater.
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