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Hauchdünner Sieg Cem Özdemir erobert das Ländle

Herzklopfen beim Blick in den Rückspiegel: Wie ein Sportwagen, der ohne Tempolimit plötzlich direkt hinter einem auftaucht, um auf den letzten Metern zu überholen – so ähnlich muss es der CDU vorgekommen sein, die in Baden-Württemberg monatelang in Umfragen mit grossem Abstand vor den Grünen lag.

Im Wettrennen um das Erbe des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wähnte die CDU die Konkurrenz lange in sicherer Ferne. So schien es klar, dass sie «ihren» wirtschaftsstarken Südwesten zurückerobern würde, den sie bis 2011 wie selbstverständlich regierte. Doch im Cockpit des rasanten Sportwagens sass nicht irgendeiner, sondern Cem Özdemir.

Personalisierung auf die Spitze getrieben

Özdemir ist sehr beliebt und bekannt. Eine Direktwahl hätte er klar gewonnen. Schliesslich punktet er mit langer Erfahrung: Europaparlamentarier, Parteichef, Bundesminister.

Auch der Charme des Polit-Promis kommt an. Der selbsternannte «anatolische Schwabe» schwäbelt, dass sich die Balken biegen. Seine Koketterie, er nennt sich gerne «Ötzel-Brötzel», bringt Fans zum Schwärmen, Gegnerinnen halten ihm Eitelkeit vor. Diese starke Persönlichkeit wurde zur Herausforderung für CDU-Konkurrent Manuel Hagel, 37-jährig, bis zuletzt wenig bekannt und blass.

Maximale Distanz zur eigenen grünen Partei

Wenn ihm ein Grüner sage, was er zu tun habe, und das nicht das Beste fürs Land sei, weise er ihm die Tür, versprach Özdemir auf Wahlkampfbühnen. Die unbeliebten Grünen im Bund, von der politischen Konkurrenz stets als Verbotspartei abgestempelt, sollten nicht auf ihn abfärben. Özdemir umgab sich nur mit grünen Realos, die die linke grüne Bubble explizit verurteilten.

Selbst bei urgrünen Themen wie dem Verbot des Verbrennermotors zeigte sich Cem Özdemir flexibel, was im Land von Mercedes und Porsche gut ankommt. Er knüpfte an die pragmatische Politik von Ministerpräsident Winfried Kretschmann an, dessen Beliebtheit auf seiner Dialogoffenheit beruhte. Es ging bei der Wahl darum, ob die Menschen Özdemir zutrauen, sich gegen seine Partei durchsetzen zu können. Es ging also weniger um Özdemir und die Grünen, als um Özdemir trotz der Grünen.

Dämpfer für die CDU im Super-Wahljahr

Die Wahl in Baden-Württemberg eröffnet eine Reihe wichtiger Landtagswahlen. Die CDU hätte den Rückenwind gut gebrauchen können, der aus dem stets vorbildlichen Südwesten durch die Republik hätte wehen können. Denn die Bundes-CDU und Kanzler Friedrich Merz tun sich schwer im ersten Jahr des Regierens: Die Wirtschaft erholt sich entgegen anderslautenden Versprechen nicht.

Der Ärger im Land der Autobauer, Schaffer und Erfinderinnen ist gross, Merz liefere zu wenig. In Zeiten, wo Zehntausende Arbeitsplätze verloren gehen, müsste die Wirtschaftskompetenz der CDU gefragt sein. Dass sie es nicht ist, wirft einen langen Schatten nach Berlin.

Fortsetzung einer stabilen grün-schwarzen Regierung

Der nächste Ministerpräsident Özdemir setzt auf Kontinuität und will mit der CDU regieren. Es duellierten sich mit Grünen und CDU just jene Parteien, die in Stuttgart gut miteinander zusammenarbeiten. Da keiner mit der erstarkten AfD regieren will und die anderen Parteien zu schwach sind, war klar, dass die Regierungspartner wohl die gleichen bleiben.

Grüne und Schwarze haben ohnehin beide um die gemässigte bürgerliche Mitte geworben. An der Politik in Stuttgart wird sich also wohl wenig ändern. Aber in Berlin steigt nach diesem Fehlstart der Druck zum Erfolg.  

Simone Fatzer

Deutschland-Korrespondentin

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Simone Fatzer arbeitet seit 1998 für Radio SRF, unter anderem als Moderatorin der Sendung «Echo der Zeit» und als Dossierverantwortliche für Deutschland. Seit September 2021 ist sie Korrespondentin in Berlin.

Heute Morgen, 9.3.2026, 7 Uhr

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