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Helm führt zu Olympia-Aus Ukrainer disqualifiziert: Wie politisch darf Olympia sein?

Das IOC hat den Skeletonfahrer Wladislaw Heraskewitsch von den Winterspielen in Milano Cortina ausgeschlossen. Der Kopfschutz des Ukrainers ist versehen mit Bildern von Sportkollegen, die bei russischen Anschlägen ums Leben gekommen sind. Wie das IOC in solchen Fällen entscheidet, ist nicht klar geregelt, sagt der Politologe Peter Filzmaier.

Peter Filzmaier

Österreichischer Politologe

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Peter Filzmaier ist Professor für Demokratiestudien und Politikforschung an der Donau-Universität Krems und für Politische Kommunikation an der Karl-Franzens-Universität Graz. Ausserdem fungiert er regelmässig als Polit-Experte im Österreichischen Rundfunk ORF.

SRF News: Wie politisch sind diese Spiele aktuell in Italien? 

Peter Filzmaier: Olympische Spiele müssen immer politisch sein. Denn in den Statuten des Internationalen Olympischen Komitees steht sehr weit vorne, dass man dem Frieden, der Völkerverständigung, der Internationalität und auch der Antidiskriminierung verpflichtet ist. Das ist auch in Cortina d'Ampezzo so. Es stellt sich die Frage der Umsetzung, wenn man beispielsweise einen ukrainischen Athleten, der gefallener Soldaten in der Ukraine gedenken wollte, ausschliesst. 

Sie haben den ukrainischen Skeletonfahrer angesprochen, der einen Helm beim Rennen tragen wollte, auf dem tote Sportkollegen zu sehen sind. Andererseits äussern sich amerikanische Sportlerinnen und Sportler politisch und werden trotzdem zu den Spielen zugelassen. Wo zieht das IOC die Linie, was politisch geht und was nicht?

Formal gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Fällen. Denn Interviews mit politischen Äusserungen sind seit den letzten Olympischen Winterspielen in Peking erlaubt, wenn sie nicht unmittelbar im Wettkampfumfeld stattfinden, sondern beispielsweise an einem anderen Ort, Stunden vor oder nach dem Wettkampf. Symbole wie im Fall des ukrainischen Skeletonfahrers sind nicht erlaubt. Deshalb wurde er disqualifiziert. Einheitlich ist die Linie aber nicht, denn einen Trauerflor hätte man beispielsweise akzeptiert.

Wenn das IOC aus jeder Form politischer Äusserung einen Bann schlussfolgern würde, dann käme sie mit dem Ausschliessen nicht mehr nach.

Also ist nicht klar geregelt, was das Olympische Komitee zulässt oder nicht? 

Das IOC sowie die Veranstalter vor Ort treffen die letzte Entscheidung. Aber es gibt keinen ganz klaren Katalog, ab wann etwas politisch ist oder nicht. Denn es geht ja auch um gesellschaftspolitische Äusserungen, oder wie beispielsweise Frieden sehr allgemein gefasst ist. Da ist man immer wieder bei einer Gratwanderung. Das IOC versucht auch, faule Kompromisse zu schliessen. Wenn sie aus jeder Form politischer Äusserungen einen Bann schlussfolgern würde, dann käme sie mit dem Ausschliessen nicht mehr nach. 

So wie bei der Musik im Eiskunstlauf. Das wäre so ein Beispiel. 

Musik ist per se auch politisch. Nehmen wir zwei Extrembeispiele: Man würde wahrscheinlich Eiskunstläufer ausschliessen, wenn sie zur Melodie von Gigi D'Agostino laufen, die von Rechtsextremen missbraucht wird, aber auch «Bella Ciao» ist letztlich ein italienisches Kampflied. Auch jede Oper hat eine politische Geschichte im historischen Kontext. Und dann würde der Eiskunstlauf, wenn man das konsequent weiterverfolgt, mit sehr wenigen Teilnehmenden stattfinden. 

Sie haben vorhin gesagt, das IOC hat seine Regeln diesbezüglich seit den letzten Olympischen Winterspielen in Peking verändert. Auf welcher Grundlage wird entschieden, inwiefern das Regelwerk angepasst wird?

Das Komitee musste hier auf gesellschaftliche und auch mediale Veränderungen reagieren. Was ist das unmittelbare Umfeld eines Wettkampfs? Beispielsweise wenn jemand unmittelbar danach auf seinem Social-Media-Account etwas postet? Da musste das IOC zwangsläufig etwas lockerer sein, denn sonst müsste man alle ausschliessen, weil Sportler dort zumindest gesellschaftspolitisch laufend posten. 

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

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SRF 4 News aktuell, 12.02.2026, 16:40 Uhr ; 

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