Mitarbeitende der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sollen geflüchtete Frauen sexuell missbraucht haben. Die Männer verlangten Sex, bevor sie den Frauen im Flüchtlingslager halfen. Das zeigt ein interner Bericht.
59 Fälle von «Fehlverhalten» seien entdeckt worden, die Organisation entlässt 18 Mitarbeiter. Die freie Journalistin Birte Mensing hat Antworten auf die wichtigsten Fragen.
SRF News: Wie kamen die Fälle ans Licht?
Birte Mensing: Bekannt wurden erste Fälle Ende 2024, als die amerikanische Reporterin Sam Mednik an der Grenze zwischen Tschad und Sudan war und ihr mehrere Frauen berichteten, dass sie von Männern in Hilfsorganisationen aufgefordert wurden, sexuelle Dienstleistungen oder Gefälligkeiten zu bieten und im Austausch dafür Hilfe bekamen oder Arbeitsangebote oder zum Teil sogar Geld. Dass das jetzt bekannt wurde, war Sam Mednik zu verdanken, weil sie einen internen Bericht der Hilfsorganisation vor wenigen Tagen bekommen und veröffentlicht hat.
Die Hilfsorganisation hat Leute entlassen. Ergreift die Organisation noch weitere Massnahmen?
Die Organisation sagt, dass es extrem schwierig ist, in solchen Krisenkontexten wie in diesem Flüchtlingslager Missbrauch komplett zu verhindern und gesteht auch ein, dass es ihnen eben nicht gelungen ist, in den Strukturen, die sie schon hatten, das rechtzeitig aufzudecken. Sie sagen jetzt, dass sie unter anderem die Hintergründe der Angestellten genauer überprüfen wollen, bevor sie sie einstellen. Zudem soll es mehr Initiativen geben zur Sensibilisierung der geflüchteten Menschen, damit sie die Meldemechanismen kennen und vertrauliche Meldekanäle sollen ausgebaut werden.
Dieser Missbrauch wurde in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen dem Sudan und Tschad verübt. Was macht diese Orte besonders anfällig für sexuelle Ausbeutung?
Dort gibt es mehrere grosse Flüchtlingslager und insgesamt sind knapp eine Million Menschen, und das sind vor allem Frauen und Kinder, seit dem Beginn des Krieges im Sudan über die Grenze in den Tschad geflohen. Sie fliehen vor den Angriffen der paramilitärischen Rapid Support Forces und haben oft schon viel Schlimmes hinter sich, wenn sie dort ankommen. Wenn sie es in den Tschad geschafft haben, haben sie wirklich kaum noch irgendetwas übrig, um sich und ihre Kinder durchzubringen und sind in einer extremen Abhängigkeitssituation, während die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in einer ziemlichen Machtposition sind.
Der Fall ist kein Einzelfall. Kann man das Ausmass einschätzen?
Das Ausmass insgesamt ist sehr schwer einzuschätzen. Ich habe mit einer Expertin gesprochen, Asmita Naik heisst sie, die mir gesagt hat, dass das extrem weit verbreitet ist in Hilfsorganisationen, gerade aufgrund von diesen Machtungleichgewichten.
Wie kann man dem Problem begegnen?
Insgesamt sagen Fachleute, dass es sehr schwierig ist, das komplett zu verhindern, dass es aber schon helfen kann, wenn es tatsächlich Beschwerdemechanismen gibt, die zugänglich sind, die vertraulich sind und wo es auch Konsequenzen hat, wenn Fälle gemeldet werden.
Wie können die Betroffenen wieder Vertrauen in die Hilfsorganisationen finden?
Das ist eine extrem schwierige Frage und wahrscheinlich sehr davon abhängig, in was für einer Situation sich die Betroffenen genau befinden. Die Expertin Asmita Naik schlägt vor, dass es eine internationale Stelle geben sollte, die Hilfsorganisationen überwacht und bei der sich Leute auch vertraulich melden könnten.
Das Gespräch führte Martina Koch.