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Bürgerkrieg im Sudan Ärzte ohne Grenzen: «Angriffe auf Spitäler schockieren kaum noch»

In Darfur spielt sich eine der grössten humanitären Krisen der Welt ab. Aufgrund der katastrophalen Sicherheitslage berichtet kaum jemand aus der Region im Westen des Sudans. Dabei sind wegen des Bürgerkriegs Millionen Menschen auf der Flucht. Der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen war vor Kurzem in Darfur, um sich einen Überblick über die Gesundheitsversorgung zu verschaffen. Was er gesehen hat, ist erschreckend.

Javid Abdelmoneim

Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

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Der Notfallmediziner Javid Abdelmoneim ist seit 2025 internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. Der im englischen Cambridge geborene Arzt mit sudanesisch-iranischen Wurzeln arbeitet seit 2009 für Ärzte ohne Grenzen in zahlreichen Krisengebieten, darunter Irak, Haiti, Syrien, Sierra Leone, Gaza und Sudan. Neben seiner humanitären Arbeit war er TV-Moderator. Für die BBC, Channel 4 oder Netflix präsentierte er Wissenschafts- und Gesundheitsdokumentationen und wurde mehrfach für Emmy- und Bafta-Awards nominiert.

SRF News: Darfur ist seit Jahren eine Krisenregion. Über zehn Millionen Menschen sind auf der Flucht. Was heisst das für die Gesundheitsversorgung?

Javid Abdelmoneim: Das Gesundheitssystem ist weitgehend zusammengebrochen. Die Kindersterblichkeit und die Müttersterblichkeit steigen an. Es gibt immer wieder Ausbrüche von Krankheiten, die durch Impfungen vermeidbar wären, wie Masern, Meningitis und Diphtherie. Krebstherapien finden seit drei Jahren praktisch nicht mehr statt. Die Lebenserwartung sinkt.

An gewissen Orten müssen unsere Teams immer wieder in Bunkern Schutz suchen vor Drohnenangriffen.

Sie haben kürzlich zwei Wochen in Darfur verbracht. Was hat Sie am meisten schockiert?

Ich habe unter anderem Tawila besucht, das grösste und wohl am besten versorgte Flüchtlingslager in Darfur. Trotzdem hörte ich immer wieder, dass die Menschen dort hungrig und durstig sind. Sie erhalten nur eine kleine gekochte Mahlzeit pro Tag, und das Wasser im Lager ist oft schon dreissig Minuten nach seiner Lieferung aufgebraucht.

Frau mit Kind im Zelt sitzend.
Legende: Hilfsorganisationen zufolge wird in dem Konflikt Hunger gezielt als Waffe eingesetzt und die Agrarproduktion zerstört. Keystone/EPA/MOHAMMED JAMAL

Immer wieder gibt es in Darfur Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Darfur. Was heisst das für ihre Mitarbeitenden vor Ort?

An gewissen Orten müssen unsere Teams immer wieder in Bunkern Schutz suchen vor Drohnenangriffen. Spitäler sind zu Angriffszielen geworden. Die Weltgesundheitsorganisation dokumentiert das: Zwischen 2023 und 2025 gab es im Sudan 198 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen. Dabei sind 1700 Menschen getötet worden. Verantwortlich dafür sind beide Kriegsparteien, die sudanesische Armee und die Milizen der Rapid Support Forces.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Sie haben diese Angriffe mit Befehlshabern auf beiden Seiten angesprochen. Was sagen die dazu?

Sie beschuldigen sich gegenseitig. Überhaupt hatte ich nicht den Eindruck, dass es irgendeinen Willen gibt, diesen Krieg friedlich zu beenden. Aber die Angriffe auf Spitäler haben auch eine internationale Dimension. Auch in Gaza, in der Ukraine oder in Afghanistan werden Gesundheitseinrichtungen angegriffen. Das ist völkerrechtlich verboten. Aber haben die Angriffe irgendwelche Konsequenzen? Nein. Sie müssen sich nicht einmal rechtfertigen. Die Angriffe schockieren kaum noch. Das wird wahrgenommen – auch im Sudan.

Was tun Sie, um Ihre Mitarbeiter zu schützen?

Wir können nur immer wieder die Verpflichtungen der Konfliktparteien betonen. Gleichzeitig müssen wir Geld für Sicherheitsmassnahmen ausgeben: Wir verstärken Dächer, bringen Splitterschutzfolien an Fenstern an und entwickeln Sicherheitsprotokolle für Spitäler. Es ist traurig und falsch, dass das notwendig ist.

Was ist Ihre grösste Sorge für die kommende Zeit?

Die Regenzeit steht bevor, und damit steigt das Risiko für Cholera-Ausbrüche. Auch die «Hungerlücke» – die Zeit, in der die Nahrungsmittelvorräte vor der nächsten Ernte knapp werden – wird sich bemerkbar machen. Wir müssen jetzt unsere Spitäler mit Medikamenten und Hilfsgütern versorgen, da viele Gebiete während der Regenzeit abgeschnitten sein werden. Aber Logistik in Darfur ist aufgrund der schlechten Strassen und bürokratischer Hürden extrem schwierig und teuer. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Rendez-vous, 22.05.2026, 12:30 Uhr ; 

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