Der Tschad wird zunehmend in den Krieg im Sudan hineingezogen. Entlang der kaum kontrollierbaren Grenze nehmen Gewalt, Drohnenangriffe und Spannungen zu. Gleichzeitig bringt die Aufnahme von über einer Million Geflüchteten das ohnehin fragile Land an seine Grenzen – humanitär, politisch und sicherheitspolitisch. Afrika-Korrespondentin Sarah Fluck mit den Hintergründen.
Wie ist die Lage im Grenzgebiet zwischen Sudan und Tschad?
Die Grenze ist über 1300 Kilometer lang, abgelegen und kaum kontrolliert. Entlang dieser Grenze sind grosse Flüchtlingsgebiete entstanden. Viele Dörfer haben sich innert kurzer Zeit verdoppelt. Damit steigt der Druck auf Ressourcen. Konflikte entstehen an Brunnen, Feldern und Viehrouten. Zuletzt eskalierte am Wochenende etwa ein Streit um eine Wasserstelle mit mindestens 42 Toten.
Warum nehmen die Drohnenangriffe im tschadischen Grenzgebiet zu?
Der Krieg im Sudan hat sich bis an die Grenze ausgeweitet. Beide Kriegsparteien setzen vermehrt Drohnen ein, auch über grössere Distanzen. Ziel sind Kämpfer im Grenzraum sowie deren Nachschubwege und Rückzugsorte. Die Angriffe treffen aber immer häufiger auch tschadisches Gebiet. Dabei werden auch Zivilisten getroffen. Präsident Mahamat Idriss Déby liess deshalb Mitte März die Grenze zum Sudan schliessen. Das hat schwere humanitäre Folgen: Hilfe und Geflüchtete bleiben blockiert.
Was bedeutet die Situation für Geflüchtete im Grenzgebiet?
Für die Geflüchteten ist die Lage dramatisch. Viele sind aus Darfur durch die Wüste geflohen. Nun sind sie über der Grenze, doch auch dort rückt die Gewalt näher. Die Lager sind überlastet. Der Tschad beherbergt rund 1.3 Millionen Geflüchtete. Es fehlt an Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung. Viele kommen in schlechtem Zustand an. Unterernährt, verletzt oder krank. Gleichzeitig breiten sich Masern und Meningitis aus, auch weil viele Kinder im Krieg nicht geimpft wurden.
Warum wird Hilfe immer schwieriger?
Die Preise für Hilfsgüter sind stark gestiegen. Viele Lieferungen liefen früher über den Sudan – heute müssen sie über längere und teurere Wege ins Land gebracht werden. Gestörte Lieferketten, etwa durch den Krieg mit Iran, verzögern Lieferungen. Medizinische Güter bleiben in Drehkreuzen wie Dubai stecken, gleichzeitig verteuern höhere Ölpreise den Transport. Die Folge: Hilfsorganisationen können mit ihren Budgets weniger leisten, obwohl der Bedarf weiter wächst.
Wenn der Tschad tiefer in den Konflikt hineingezogen wird: Was bedeutet das für die Stabilität der Region?
Ein instabiler Tschad hätte Folgen für die ganze Region. Das Land ist ein zentraler Pufferstaat zwischen dem Krieg im Sudan im Osten und dschihadistischen Konflikten im Sahel im Westen. Gerät dieser Stabilitätsanker ins Wanken, könnten sich Konflikte stärker verbinden und Gewalt weiter ausbreiten. Gleichzeitig wäre der Tschad weniger fähig, Grenzen zu sichern, bewaffnete Gruppen zu bekämpfen und Geflüchtete aufzunehmen.