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Das marode Gesundheitssystem in Rumänien
Aus Echo der Zeit vom 21.10.2021.
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Höchste Corona-Todesrate Eine Tragödie mit Ansage in Rumänien

In keinem anderen Land sterben im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Menschen an Corona. Das marode Gesundheitswesen verschärft die Krise – dazu kommt eine der tiefsten Impfquoten in der EU.

Vor drei Wochen hat es in einem Spital in der rumänischen Hafenstadt Constanta gebrannt. Sieben Covid-Patienten auf der Intensivstation starben in den Flammen. Es war der zehnte Spitalbrand in weniger als einem Jahr. Für Andreea Căpîlna ist das schockierend aber nicht überraschend. «Diese Tragödien sind eine Folge davon, dass wir so wenig für das Gesundheitswesen ausgeben», sagt die Spitzenmedizinerin.

Bis im letzten Jahr leitete die Epidemiologin eine Klinik in ihrer Heimatstadt Brașov. Danach war sie Staatssekretärin, also die höchste Beamtin im rumänischen Gesundheitsministerium. Und seit sie nach einer Rochade in der Regierung zusammen mit dem Gesundheitsminister ausgetauscht wurde, berät sie die Weltgesundheitsorganisation.

Es fehlt an allem

Rumänien investiert gemessen an der eigenen Wirtschaftskraft weniger in sein Gesundheitssystem als jedes andere EU-Land. Es fehlt an gut ausgerüsteten Intensivstationen, an modernen Geräten, immer wieder auch an Medikamenten oder an Schutzmaterial.

In den 30 Jahren seit dem Ende des Kommunismus hat Rumänien ein einziges neues öffentliches Spital gebaut. Viele Spitäler sind baufällig. Auch beim jüngsten Brand war eine veraltete Stromleitung die Brandursache. Veraltet seien aber nicht nur Geräte und Gebäude, sagt Căpîlna. Auch die Abläufe in vielen rumänischen Spitälern seien aus der Zeit gefallen. Sie hätten zwar angefangen, Computer zu benutzen, aber immer noch werde vieles mit Bleistift auf Papier notiert. Die Bürokratie sei gewaltig.

Für eine gewisse Zeit sprechen wir nach einer Tragödie alle über das Gesundheitswesen und wie wir es verbessern müssen. Aber dann versandet das wieder und wir kehren zurück auf Feld eins.
Autor: Andreea Căpîlna Rumänische Epidemiologin

In manchen Spitälern gibt es ein feudales System. Spitalmanager, die ihren Job aus politischen Gründen bekommen haben, stemmen sich gegen eine Modernisierung des Gesundheitswesens, aus Sorge, ihre Macht zu verlieren. Diese Spitalmanager sind in Rumänien immer wieder in Korruptionsskandale verwickelt. Zum Beispiel, als in einem Bukarester Spital Desinfektionsmittel verdünnt wurde und mehrere Patienten deswegen an vermeidbaren Infektionen starben.

Rumäniens Pandemie der Impfverweigerer

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In Rumänien ist das Gesundheitssystem am Anschlag. Die knapp 1600 Betten auf Intensivstationen, die für Covid-Patientinnen und -Patienten reserviert sind, sind belegt. Nirgendwo auf der Welt sterben in diesen Tagen im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Menschen an einer Covid-19-Infektion als in Rumänien.

Entscheidend für die rekordhohe Sterblichkeit ist die tiefe Impfquote. Nicht einmal 30 Prozent der rumänischen Bevölkerung sind vollständig gegen Covid-19 geimpft. Das ist nach Bulgarien die tiefste Impfquote in der ganzen EU.
Verschärft wird die Krise dadurch, dass das rumänische Gesundheitssystem seit Jahrzehnten vernachlässigt wird. Es fehlt an Betten, an Pflegenden, an Ärztinnen und Ärzte. Einzelne Covid-Patientinnen und -Patienten werden inzwischen in andere Länder, zum Beispiel nach Ungarn, transportiert.

Um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen, hat Präsident Klaus Iohannis ab Montag eine nächtliche Ausgangssperre für Ungeimpfte, die Maskenpflicht auch auf der Strasse und eine Ausweitung der Zertifikatspflicht angekündigt.

Nach jedem grossen Skandal, nach jeder Tragödie passiere in Rumänien dasselbe, sagt die Căpîlna. «Für eine gewisse Zeit sprechen wir nach einer Tragödie alle über das Gesundheitswesen und wie wir es verbessern müssen. Aber dann versandet das wieder und wir kehren zurück auf Feld eins.»

Legende: Die Intensivstationen, wie in diesem Spital in Bukarest am 19. Oktober, sind derzeit heillos überfüllt. Reuters

Dieser Stillstand ist ein wichtiger Grund, weshalb heute jede dritte rumänische Ärztin, jeder dritte Arzt im Ausland arbeitet, während in Rumänien Ärztemangel herrscht. Und dieser Stillstand erklärt auch, wieso nur wenige in die Heimat zurückkehren, obwohl die Ärztelöhne in den letzten Jahren massiv gestiegen sind.

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Neue Corona-Welle in Rumänien
Aus Tagesschau vom 18.10.2021.
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Die Pandemie wirft ein grelles Licht auf die vielen Schwachstellen des rumänischen Gesundheitswesens. Gerade dass das Licht so grell ist, stimmt Căpîlna optimistisch – optimistisch, dass die Pandemie zu einem Wendepunkt werden könnte.

Weckruf Corona?

Einerseits bekommt Rumänien mehr als zwei Milliarden Euro aus den Covid-Hilfstöpfen der EU, um das Gesundheitswesen zu modernisieren. Andererseits, sagt Căpîlna, habe die Pandemie den Rumäninnen und Rumänen gezeigt, dass das öffentliche Gesundheitswesen alle etwas angehe. Nur öffentliche Spitäler nehmen Patienten mit schweren Covid-Verläufen auf.

Im Fall einer Covid-Infektion müssen wir alle in dieselben öffentlichen Spitäler – auch jene, die sich in normalen Zeiten in Privatkliniken oder im Ausland behandeln lassen können. Căpîlna glaubt und hofft, die Covid-Pandemie habe allen klargemacht, dass es im rumänischen Gesundheitswesen nicht weitergehen könne wie bisher.

Echo der Zeit, 21.10.2021, 18 Uhr

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