Die Strasse von Hormus ist die wirtschaftliche Lebensader des Iraks. Neunzig Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Export von Erdöl, und fast alles davon wird durch diese Meerenge verschifft. «Der Irak ist für Exporte, aber auch für Importe, extrem von dieser Route abhängig», erklärt Hayder al-Shakeri, Irak-Experte bei der renommierten Denkfabrik Chatham House in London.
Das Land produziere kaum eigene Lebensmittel. Die Politik habe sich jahrzehntelang auf die sprudelnden Öleinnahmen verlassen. Der Plan war simpel: Erdöl exportieren und alles andere importieren. Doch die wachsende Gefahr einer militärischen Eskalation in der Region und einer möglichen Schliessung der Seestrasse legen die Versäumnisse der Vergangenheit brutal offen.
Alternative Handelsrouten wie alte Pipelines wurden vernachlässigt. Deren Instandsetzung würde viel Zeit und Geld kosten – Geld, das der Irak nicht hat. Experten schätzen, dass die Finanzreserven kaum noch reichen, um die Gehälter der Staatsangestellten zu bezahlen.
Misswirtschaft mit fatalen Folgen
Zur drohenden Wirtschaftskrise gesellt sich eine Energiekrise. Diese wird besonders in den heissen Sommermonaten mit Temperaturen um die 50 Grad spürbar, wenn die Klimaanlagen im ganzen Land Tag und Nacht surren. Ein Grossteil des Stroms wird mit importiertem Gas aus dem Iran erzeugt. Doch seit der Konflikt mit den USA eskaliert ist, sind die Lieferungen unzuverlässig. Dabei hätte der Irak selbst riesige Gasvorkommen. Doch anstatt das Gas zu nutzen, wird es bei der Ölförderung seit Jahrzehnten grösstenteils abgefackelt.
«Es gab nie den politischen Willen, die eigenen Gasvorkommen zu nutzen», analysiert al-Shakeri. Dahinter stecke ein System der Korruption: Dem Iran nahestehende irakische Parteien hätten dem sanktionierten Nachbarland mit Gas-Geschäften zu Einnahmen verholfen und dabei selbst mitverdient. Diese offensichtliche Misswirtschaft führte in der Vergangenheit immer wieder zu Massenprotesten. Der Experte geht davon aus, dass auch diesen Sommer wieder Tausende auf die Strasse gehen werden, sollte sich die Stromversorgung weiter verschlechtern.
Politische Lähmung im Angesicht der Krise
Die Wut der Bevölkerung richtet sich gegen eine politische Elite, die seit den Wahlen im Dezember blockiert ist. Die Parteien konnten sich bisher nicht auf eine Regierung einigen; das Land wird nur geschäftsführend verwaltet. Als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Premierministers gilt nun Ali al-Zaidi, ein Geschäftsmann ohne politische Erfahrung.
«Genau das wollen die Parteien», sagt al-Shakeri. «Einen schwachen Premier, auf den alle gleichermassen einwirken können.» Al-Zaidi hat bereits den Segen aus Teheran und Washington erhalten. Den eigentlichen Lieblingskandidaten, den früheren Premier Nouri al-Maliki, musste der proiranische Parteienblock auf Druck von US-Präsident Trump zurückziehen.
Sollte al-Zaidi die Regierungsbildung gelingen, steht er vor gewaltigen Herausforderungen: eine Energie- und Wirtschaftskrise, kein Budget und mächtige proiranische Milizen im Land, die jederzeit einen Stellvertreterkrieg gegen die US-Truppen beginnen könnten. Der irakische Balanceakt zwischen dem Iran und den USA wird auf eine harte Probe gestellt.