Der Irak wird allmählich in den Krieg der USA und Israels gegen den Iran hineingezogen. Am Dienstag wurde die US-Botschaft in der Hauptstadt Bagdad angegriffen. Dazu kommen regelmässige Attacken auf Ziele in den kurdischen Gebieten im Nordirak. Die freie Journalistin Karin A. Wenger ist soeben von einer Reise in den Irak zurückgekehrt. Sie berichtet davon, wie der Krieg alte Ängste weckt.
SRF News: Wie macht sich der Krieg im Irak bemerkbar?
Karin A. Wenger: Derzeit gibt es im Irak jeden Tag Luftangriffe. Wenn man sich in der Nähe davon befindet, hört man einen dumpfen Knall. Die Menschen plagt vor allem die Ungewissheit, das prägt die Stimmung am meisten. Niemand weiss, ob die Lage weiter eskaliert. Nach der US-Invasion 2003 im Irak gab es jahrelang Krieg und Instabilität.
Es gibt Warnungen, dass Amerikanerinnen und Amerikaner entführt werden könnten.
Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Es wurde viel gebaut, zum Beispiel in Bagdad, wo neue Strassen und Brücken entstanden. Das Land öffnete sich auch für den Tourismus. Jetzt ist die Lage wieder enorm angespannt.
An den Checkpoints kommen Ausländerinnen und Ausländer teilweise gar nicht mehr durch, weil sie als Gefahr angesehen werden. Es gibt auch Warnungen, dass Amerikanerinnen und Amerikaner entführt werden könnten. All das erinnert stark an die Zeit nach der US-Invasion. Es sind viele Landesteile betroffen. Ein Kollege aus Mossul hat mir etwa gesagt, dass er seine Familie jeweils nach Erbil im kurdischen Landesteil schickt, wenn es unsicher wird. Aber dort gibt es jetzt sehr viele Luftangriffe.
Sie waren vor allem in den kurdischen Gebieten im Nordirak unterwegs. Wie ist dort die Stimmung?
Auch dort machen sich viele Menschen Sorgen. Sie fragen sich, was noch kommt, wie schlimm es wird. Derzeit ist Ramadan, was eigentlich eine sehr festliche Zeit wäre. Normalerweise sind die Restaurants voll, man kriegt kaum einen Tisch. Jetzt herrscht deutlich weniger Betrieb, und die Stimmung ist gedrückt.
Erbil ist eine Stadt, die für Stabilität und Ruhe steht. Viele internationale Organisationen sind dort stationiert. Nun gibt es jede Nacht Angriffe. Ein grosses Gasfeld wurde angegriffen, darauf folgte ein langanhaltender Stromausfall. Wer es sich leisten kann, kauft sich Dieselgeneratoren, um zu Hause Strom zu haben. Solche Alltagsprobleme, wie es sie früher gab, kommen nun zurück.
Wer ist für die Angriffe verantwortlich?
Auf der einen Seite kämpfen der Iran und verbündete schiitische Milizen aus dem Irak, die von Teheran unterstützt werden. Sie greifen mit Drohnen und Raketen Militärstützpunkte der USA an, zum Beispiel in der Nähe der Flughäfen von Bagdad und Erbil. Auch die US-Botschaft in Bagdad und das US-Konsulat in Erbil sind Ziele. Dazu kommen Öl- und Gasfelder, die teilweise mit amerikanischen Firmen verbunden sind.
Die USA greifen Stützpunkte der irakisch-schiitischen Milizen an, die zu Irans ‹Achse des Widerstands› gehören.
Gerade im kurdischen Teil richten sich Luftangriffe gegen iranisch-kurdische Gruppen. Diese bewaffneten Gruppierungen stammen aus dem Iran und haben sich im kurdischen Teil des Iraks niedergelassen. Sie trainieren dort auch, um im Fall eines Regimesturzes in den Iran zu gehen und zu kämpfen. Sie werden jeden Tag bombardiert, ihre Stützpunkte werden angegriffen. Es sind auch schon diverse Kämpfer getötet worden.
Auf der anderen Seite greifen die USA Stützpunkte der irakisch-schiitischen Milizen an, die zu Irans «Achse des Widerstands» gehören. Teil davon ist etwa auch die Hisbollah im Libanon. Diese Stützpunkte und Waffenlager dieser proiranischen Milizen werden regelmässig angegriffen.
Das Gespräch führte Sandro Della Torre.