Auch wenn in den letzten Tagen (und noch bis Mitternacht) ein Waffenstillstand galt: Nächtliche Gefechte zwischen Afghanistan und Pakistan versetzen die Grenzbewohner seit Monaten in Angst und Schrecken.
In grenznahen Gebieten im Osten und Süden Afghanistans seien schon mehr 140'000 Afghaninnen und Afghanen aus ihren Häusern geflüchtet, sagt John Aylieff, Länderdirektor des UNO-Welternährungsprogramms in Afghanistan. Auch die Westgrenze zum Iran werde von der UNO sorgfältig beobachtet.
Bis zu 800'000 Menschen könnten aus dem Iran fliehen
«Unsere grösste Sorge ist, dass bis zu 800'000 Menschen den Iran aus Angst vor den Bomben Richtung Afghanistan verlassen könnten.» Beide Konflikte und die damit einhergehende Instabilität vergrösserten den Hunger und damit die humanitäre Krise in Afghanistan, das seit mehr als viereinhalb Jahren von den radikal-islamistischen Taliban regiert wird.
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Bild 1 von 3. Afghanen stehen Schlange, um in einem Verteilzentrum des Welternährungsprogramms (WFP) in der Provinz Bamyan im Zentrum Afghanistans Lebensmittel zu erhalten. (Januar 2026). Bildquelle: REUTERS / Sayed Hassib.
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Bild 2 von 3. Allein 2025 kehrten zweieinhalb Millionen Flüchtlinge aus Pakistan und dem Iran gezwungenermassen nach Afghanistan zurück – das verstärkt den Druck auf die Wirtschaft (Bild: Verteilzentrum des WFP in Bamyan, 1.1.2026). Bildquelle: REUTERS / Sayed Hassib.
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Bild 3 von 3. Ein Afghane registriert sich beim Welternährungsprogramm der UNO, um Lebensmittel zu bekommen. (Bamyan, Januar 2026). Bildquelle: REUTERS / Sayed Hassib.
Ein Drittel der afghanischen Bevölkerung – gut 17 Millionen Menschen – sei derzeit von akutem, also lebensbedrohlichem Hunger betroffen, sagt Aylieff. Das seien noch einmal drei Millionen Menschen mehr als im letzten Jahr. Dabei sei der Hunger schon im letzten Jahr so gross gewesen wie nie zuvor.
Menschen verkaufen aus Verzweiflung ihre Töchter
«In einigen Gegenden sind die Menschen so verzweifelt, dass sie nicht nur ihre Möbel verkaufen, um Geld für Essen zu bekommen, sondern auch ihre Töchter oder ihre Organe.»
Wir können nicht annähernd so viele Menschen versorgen, wie wir müssten.
Dass die Not noch grösser geworden ist, bestätigt auch Michael Kunz, Chef der Schweizer NGO Afghanistanhilfe. Sie betreibt seit 33 Jahren unter anderem Waisenhäuser und Gesundheitszentren in Afghanistan. Kunz berichtet von bettelnden Kindern, die in Kabul am Boden lägen. «Das Tragische ist: Man steigt über diese Kinder hinweg. Niemand kümmert sich wirklich darum, weil jeder mit seiner eigenen Armut beschäftigt ist.»
Dürre und rückkehrende Flüchtlinge vergrössern den Hunger
Die Gründe für den weiter zunehmenden Hunger sind vielfältig. Zum einen eine grosse Dürre. Sie habe die Weizenernte vor allem im Norden dezimiert, sagt UNO-Vertreter Aylieff. Zudem seien allein 2025 zweieinhalb Millionen Flüchtlinge aus Pakistan und dem Iran gezwungenermassen nach Afghanistan zurückgekehrt. Das habe den Druck auf die Wirtschaft erhöht.
Gleichzeitig hätten internationale Geldgeber ihre Spenden drastisch reduziert. Die Schweiz sei eine Ausnahme. Dass der Spendenhahn zugedreht wird, spürt auch das UNO-Welternährungsprogramm. Im Jahr der Machtübernahme durch die Taliban habe die Organisation in Afghanistan noch 1.6 Milliarden Dollar zur Verfügung gehabt, sagt Länderdirektor Aylieff. Jetzt seien es noch 200 Millionen. Mitte März seien erst zwei Prozent der benötigten Mittel eingegangen.
Neun von zehn Bedürftigen können nicht versorgt werden
Die Folgen sind dramatisch. «Wir können nicht annähernd so viele Menschen versorgen, wie wir müssten», sagt der Brite. Neun von zehn Bedürftigen würden inzwischen abgewiesen. Die UNO-Organisation drängt auf eine internationale Antwort. Und versucht, neue Geldgeber zu mobilisieren, unter anderem in Saudi-Arabien.
Wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer gebe es, sagt Länderdirektor John Aylieff: Der Winter sei vorbei, die Temperaturen stiegen. «Die Leute müssen jetzt wenigstens nicht mehr entscheiden, ob sie ihr Geld für Heizung oder für Essen ausgeben.» Ein wenig Hoffnung. Mehr nicht.