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Humanitäre Lage «Die Menschen sind zu allergrössten Teilen von Spenden abhängig»

Die humanitäre Lage für die Zivilbevölkerung in Gaza verschlechtert sich erneut: zum einen wegen Stürmen und Kälte. Zum anderen, weil Israel zum Jahresbeginn 37 internationalen Organisationen die Lizenz entzogen hat – mit der Konsequenz, dass diese weder Hilfsgüter noch Personal in den Gazastreifen schicken können. Thore Schröder ist Nahost-Korrespondent des «Spiegel» und kennt die momentane Lage im Gazastreifen.

Thore Schröder

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Thore Schröder berichtet als Korrespondent des «Spiegel» aus Israel und den palästinensischen Gebieten. Zuvor arbeitete er für die «Süddeutsche Zeitung».

SRF News: Was bedeutet es für Hilfsorganisationen, weder Personal noch Hilfsgüter nach Gaza schicken zu können?

Thore Schröder: Allein im vergangenen Jahr hat «Ärzte ohne Grenzen» 100'000 Notfälle verarztet, 23'000 chirurgische Eingriffe durchgeführt und 40'000 psychologische Sitzungen abgehalten. Die Organisation ist einzigartig. Sie weiss, wie man in Krisengebieten, insbesondere in Gaza, operiert. Der Leiter des Büros war weltweit tätig. Einst sagte er mir, dass er eine Kampagne wie jetzt von israelischer Seite in 25 Jahren bei der Organisation nie erlebt habe. Es ist womöglich vor allem die Kommunikation von MSF und auch anderer Organisationen, um die es den Israelis geht. Denn fast alle haben sehr deutlich israelische Kriegsverbrechen angeprangert und zum Teil auch von Genozid gesprochen.

Israel blockiert entgegen des Abkommens die Einfuhr von Zelten, sodass die Menschen den Elementen ausgesetzt sind.

Wie ist eigentlich die Versorgungslage derzeit in Gaza für die Bevölkerung?

Die Versorgungslage ist schlecht. Zwar kommen mehr Lebensmittel rein als im vergangenen Sommer, wo von Experten wirklich eine Hungersnot festgestellt wurde in Teilen von Gaza. Aber die Menschen sind zu allergrössten Teilen von Spenden abhängig, sind ausgebombt, leben in informellen Lagern oder Städten aus Zelten oder Verschlägen, sie sind zusammengedrängt ohne Wasser- und Abwasserversorgung. Der Müll türmt sich und es gibt Ungeziefer.

Das grösste Problem ist aktuell die Entwaffnung der Hamas.

Israel blockiert auch entgegen des Abkommens weiterhin die Einfuhr von Zelten, sodass die Menschen den Elementen ausgesetzt sind. Wir hatten hier in den letzten Tagen einen schweren Wintersturm mit Wind und Starkregen. Zudem attackiert Israel weiterhin.

Medien berichten, die israelische Armee bereite sich auf eine neue Offensive im März vor. Auch die Hamas sei derzeit daran, neue Kämpfer zu rekrutieren. Worauf läuft das hinaus?

Das grösste Problem ist aktuell die Entwaffnung der Hamas. Womöglich ist die Hamas unter grossem Druck ihrer Partner Katar und Ägypten bereit, Raketenwerfer und Raketen abzugeben. Das sind aber nicht alle Waffen. Die Israelis trauen diesen Interim Security Forces nicht zu, die Entwaffnung zu übernehmen. Deshalb sagen die Israelis, dass sie das selber machen müssen. Insofern haben sie diesen Plan entworfen, wie es im «Wall Street Journal» stand, ab März den Krieg fortzuführen.

Kontrolle über Gazastreifen

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Die Hamas hat sich laut Nahost-Korrespondent Thore Schröder extrem konsolidiert seit Oktober. Sie habe wieder die Kontrolle in Gaza übernommen, über die Institutionen, über die Ministerien, aber auch auf der Strasse, über die Sicherheit. «Bei den israelischen Plänen von einer neuen Offensive geht es dann auch darum, eine Drohkulisse zu schaffen, um die Hamas möglichst doch noch dazu zu bringen, die Waffen abzugeben, ohne dass der Krieg fortgeführt werden muss», sagt Nahost-Korrespondent Thore Schröder.

Kann die Hamas überhaupt militärisch besiegt werden?

Die Hamas kann militärisch besiegt werden, wenn – ganz salopp – ganz Gaza plattgemacht wird. Aber was wir nach zwei Jahren extrem brutalem Krieg gesehen haben, ist, dass angeblich noch 60 Prozent der Tunnel intakt sind. Dort kann die Hamas auch Teile von ihren Finanzen so sichern. Zudem verfügt die Hamas über ein regelrechtes Firmenimperium ausserhalb von Gaza, darunter vor allem in der Türkei. Dort können sie immer noch Millionen abschöpfen. Insofern würde es wirklich um eine ordentliche Nachkriegsordnung gehen, um dann wahrscheinlich sukzessive einen Ersatz zu schaffen, der auch die palästinensische Bevölkerung mitnimmt. Aber das ist nicht in Sicht.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

So steht es um die Verhandlungen

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Schon seit längerem sollte über die zweite Phase von Trumps sogenanntem Friedensplan verhandelt werden. Die Menschen im Gazastreifen wollen sich jedoch nicht auf eine bestimmte Phase festlegen, wie Nahost-Korrespondent Thore Schröder erzählt. «Die Menschen, mit denen ich spreche, wollen sich da gar nicht so festlegen, wann eigentlich die zweite Phase kommt, obwohl das vorher ja sehr deutlich niedergeschrieben wurde. Es soll jetzt wahrscheinlich in den nächsten Tagen zumindest Ankündigungen geben. Der sogenannte Friedensrat Board of Peace soll benannt werden, oder jedenfalls soll geklärt werden, welche Nationen da teilnehmen.» Zudem gebe es auch das palästinensische Technokraten-Komitee, also Palästinenser aus Gaza, die sich um die Belange der Menschen kümmern sollen, sagt Schröder.

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Echo der Zeit, 11.1.2025, 18 Uhr ; 

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