Sie soll unheimlich zerstörerisch sein und so schnell fliegen, dass sie nicht abgefangen werden kann: die russische Hyperschallrakete «Oreshnik». Sie kann mit konventionellen und auch mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden. Diese Nacht hat Russland zum zweiten Mal seit der Vollinvasion die Oreschnik abgefeuert: diesmal auf die westukrainische Stadt Lwiw, nur wenige dutzend Kilometer von der Grenze zum EU- und Nato-Land Polen entfernt.
Ein Angriff mit Symbolkraft
Wie beim ersten Einsatz richtete die angebliche Wunderwaffe nur wenig Schaden an, nach ukrainischen Angaben traf sie eine Werkstatt und war vermutlich mit Sprengstoff-Attrappen bestückt. Das zeigt, dass der Einsatz dieser enorm teuren und ungenauen Rakete nicht Zerstörung zum Ziel hatte, sondern ein Signal senden wollte: ein Signal der Stärke und der Einschüchterung, sowohl der Ukraine als auch ihrer westlichen Unterstützer.
Russland, so vermuten Experten, wollte in Erinnerung rufen, dass es eine nukleare Weltmacht ist – gerade weil es in letzter Zeit Rückschläge erlitten hat: in Venezuela, durch die Beschlagnahmung von Tankern der russischen Schattenflotte durch die USA, durch die westliche Einigkeit in Sachen Friedensplan für die Ukraine.
Der Kreml begründet sein Vorgehen mit dem angeblichen ukrainischen Angriff auf die Putin-Residenz. Doch dieser Angriff hat gemäss der Ukraine und auch gemäss westlichen Geheimdiensten nie stattgefunden. Der ukrainische Aussenminister schrieb deshalb: Putin setze eine Mittelstreckenrakete nahe der EU- und Nato-Grenzen als Reaktion auf eigene Halluzinationen ein. Das sei wirklich eine globale Bedrohung.
Die humanitäre Situation wiegt schwer
Schlimmer wohl als die Oreschnik waren für die Bevölkerung der Ukraine letzte Nacht die Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Wohnhäuser und die kritische Infrastruktur. Dabei starben in Kiew mindestens vier Menschen, darunter ein 56-jähriger Helfer. Er war Opfern zu Hilfe geeilt, als das bereits getroffene Wohnhaus ein zweites Mal beschossen wurde. Die Hälfte der Wohnblöcke in Kiew sind nach Behördenangaben ohne Heizung, viele ohne Wasser, und das mitten in einer Kältewelle. Im Südosten des Landes müssen mehr als eine Million Menschen seit dem Wochenende ohne Strom ausharren.
Das kommt einer humanitären Katastrophe gleich. Ukrainische Kommentatoren schreiben, Putin setze vermehrt darauf, die ukrainische Zivilbevölkerung zu terrorisieren, weil es seinen Truppen nicht gelinge, vorzurücken. Die Angriffe auf hilflose Zivilisten seien ein Zeichen der Schwäche Russlands. Denn die Front hat sich in den letzten Tagen und Wochen weitgehend stabilisiert.