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Im Dschungel von Moria Überleben im griechischen Flüchtlingscamp

Warteschlangen, Gewalt, Verzweiflung. Die Zustände im überfüllten Lager auf Lesbos werden sich so schnell nicht ändern.

Legende: Audio Unzumutbare Zustände in Flüchtlingslager auf Lesbos abspielen. Laufzeit 06:57 Minuten.
06:57 min, aus Echo der Zeit vom 12.10.2018.

«Wirklich schlimm! Eine Katastrophe!» So beschreibt Ali, ein 19-jähriger Afghane, die Situation im Camp. Der junge Mann im weissen T-Shirt trägt einen Rucksack mit seinen Wertsachen: «Ich habe einen Laptop. Wenn ich ihn im Zelt lassen würde, wäre er in Nullkommanix weg. Also habe ich ihn immer dabei, sogar wenn ich auf die Toilette gehe.»

Junger Mann mit weissem T-Shirt, der vor einem kaputten Zelt steht.
Legende: Der 19-jährige Ali lebt bereits seit zwei Monaten um Flüchtlingscamp von Moria. SRF/Rodothea Seralidou

Ali lebte im Iran, er ist von seiner streng religiösen Familie geflohen und über die Türkei nach Lesbos gekommen. Seit zwei Monaten haust der junge Afghane in einem Zelt in Moria. Lange halte er das Leben hier nicht mehr aus, sagt er: «Das Frühstück ist um 7.30 Uhr. Viele stellen sich schon nachts an und schlafen in der Schlange.»

Hätte ich gewusst, wie es hier auf Lesbos ist, ich wäre nicht gekommen.
Autor: Anonym

Dabei komme es immer wieder zu Auseinandersetzungen, zu lebensgefährlichen Messerstechereien. «Ich stehe darum nicht mehr an. Esse kein Frühstück mehr und kein Abendessen, ich esse nur noch zu Mittag.» Er kann das, dank einer deutschen Hilfsorganisation, die den Flüchtlingen zusätzlich ein warmes Essen im Tag austeilt. Dort sei die Schlange nicht allzu gross, sagt Ali. Nur 30, 40 Leute, das sei ok.

Kinder spielen
Legende: Unwürdig und öde: Den Kindern bleibt nichts anderes übrig, als in ein paar Ecken des Camps zu spielen. Keystone

Warteschlangen. Überall, soweit das Auge reicht: Am Info-Stand, bei der Asylbehörde, vor der staatlichen Arztpraxis. Auch eine hochschwangere Frau wartet, eine Afghanin, Anfang 30. Sie brauche Windeln für eines ihrer vier Kinder: «In Afghanistan explodieren ständig Bomben, die Situation ist sehr gefährlich. Aber hätte ich gewusst, wie es hier ist, ich wäre nicht gekommen. Ich wünsche mir ein Zuhause für meine Kinder. Sicherheit. Das ist alles. Hier müssen wir aber ständig warten. Fünf Stunden, um den Doktor zu sehen, meine Kinder sind krank. Ich bin sehr unglücklich darüber. Ich weine ständig.»

Mehrer Menschen stehen vor einem Gebäude in einem Flüchtlingscamp an.
Legende: Mehr als 7000 Menschen leben im Camp Moria. Errichtet wurde es für gut 3000. SRF/Rodothea Seralidou

Dimitris Vafeas, Vize-Direktor des Camps, kennt diese Probleme. Doch, was will er tun: «Das Aufnahmezentrum ist für 3100 Menschen gemacht. Jetzt leben 7400 Menschen hier – und das auch nur, weil das Ministerium sich anstrengt, das Zentrum zu entlasten. Noch vor zwei Wochen waren es 9000. «Es kommen täglich neue Flüchtlinge hinzu, das macht es nicht leichter», so Vafeas.

Allein im September seien 1200 Flüchtlinge neu auf den griechischen Inseln angekommen. Ein Teufelskreis, sagt der Beamte: «Die Migration ist zur Industrie geworden. Es handelt sich um ein Produkt, das die Schlepper verkaufen. Die Leute kommen massenhaft, fliehen vor dem Krieg oder sind auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Und seit dem EU-Türkei-Abkommen müssen sie nun mal auf der Insel bleiben, bis ihr Asylantrag untersucht wurde.»

Das Aufnahmezentrum kann doch nicht wie ein Luftballon grösser und grösser werden.
Autor: Dimitris VafeasVize-Direktor Camp Moria

Die Lösung sei auf EU-Ebene zu suchen, sagt Camp-Vize-Direktor Vafeas. Die anderen Länder müssten auch Verantwortung übernehmen und Griechenland nicht alleine lassen. Aber – wenn die Flüchtlinge wegen des EU-Türkei-Abkommens länger bleiben müssen: Warum dann nicht gleich die Kapazität des Camps vergrössern? Dimitris Vafeas schüttelt den Kopf: «Das Aufnahmezentrum kann doch nicht wie ein Luftballon grösser und grösser werden. Das würden auch die Einheimischen nicht mehr hinnehmen. Am Ende wäre die ganze Insel ein einziges Flüchtlingscamp.»

Luftaufnahme des Camps
Legende: Die Kapazität vergrössern? Der Vize-Direktor schüttelt den Kopf: «Am Ende wäre die ganze Insel ein einziges Flüchtlingscamp.» Reuters

Die meisten Flüchtlinge in Moria aber wünschen sich bloss bessere Lebensverhältnisse. Weil Moria überfüllt ist, lebt die 60-jährige Zeinab mit ihren Schwiegertöchtern in einem kleinen Zelt, ausserhalb des offiziellen Camps, in einem Olivenhain, dem sogenannten Olive-Grove.

Die Migration ist zur Industrie geworden. Es handelt sich um ein Produkt, das die Schlepper verkaufen.
Autor: Dimitris VafeasVize-Direktor Camp Moria

Die Leute nennen es auch «den Dschungel». Rund 4000 Flüchtlinge leben hier, sie sind Wind und Wetter ausgesetzt. Wenn es regnet, regnet es ins Zelt hinein, sagt die Frau, die viel älter aussieht als sie ist: «Ich habe Arthrose, meine Schwiegertochter ist psychisch krank. Gestern Nacht hat der Wind unser Zelt weggefegt. Und wir fühlen uns auch unsicher, da wir keine Männer haben, die auf uns aufpassen. Wir sind Frauen, um uns herum sind arabische Männer, da haben wir in diesem kleinen Zelt Angst.»

Ältere Frau mit Kopftuch und einer Brille, die vor einem roten kleinen Zelt für das Foto posiert.
Legende: Zeinab aus Afghanistan. Auch für sie gibt es im Moment kein Weiterkommen. SRF/Rodothea Seralidou

Immer wieder soll es in Moria zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen kommen, sagen Menschenrechtsorganisationen, die auf Lesbos tätig sind. Vize-Campdirektor Vafeas kontert: Da werde vieles von den NGOs übertrieben. «Die Organisationen müssen ja jedes Jahr ihre Präsenz auf der Insel legitimieren. Wenn alles ok ist, dann haben sie auch keinen Grund mehr hier zu sein. Deshalb betonen sie gerade gegen Ende des Jahres, wie schlimm die Situation sei.»

Moria gebe alle Hinweise auf Vergewaltigungen an die zuständigen Behörden weiter. «Tatsächlich wurde bisher eine Vergewaltigung bewiesen, die Frau ist schon in eine andere Unterkunft gebracht worden.»

Vafeas räumt aber ein: Die 25 Polizei-Beamten, die pro Schicht im Camp im Einsatz seien, reichten nicht aus. Deshalb sollen bald mehr Polizisten kommen, auch, um das Sicherheitsgefühl der Camp-Bewohner zu stärken.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Edi Steinlin (Chäsli)
    Man kann es drehen und wenden wie man will, natürlich könnte Europa diese Leute aufnehmen, nur besteht dann die grosse Gefahr, dass für jeden der aufgenommen wird, zwei andere nachkommen. Europa kann die Probleme von Afrika nicht lösen, diese Menschen müssen zurück in ihre Heimatländer.
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  • Kommentar von Benjamin Perez (Adelante)
    Die Leute tun mir richtig leid. Freunde von mir, 3 Zahnärzte und Arzt und etliche Helfer sind in Athen und versorgen Leute. Wo führt das ganze hin?
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    1. Antwort von Benjamin Perez (Adelante)
      Nachtrag. Sie tun es dort ohne etwas zu verdienen und zahlen die Infrastruktur Lastwagenpraxis, Verbrauchsgüter etc. selber
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    2. Antwort von René Baron (René Baron)
      Jeder einzelne Steuerzahler und jede einzelne Steuerzahlerin finanzieren diese nicht nachhaltige, ineffiziente und rein emotional begründbare "Lösung" mit. Wenn man dann aber sieht, WER am lautesten protestiert - und damit auch nichts ändert - sind es oft gerade die, welche selber am Wenigsten in die Kasse einzahlen, ja im Gegenteil, vom Staat Geld beziehen, mit welchem man Flüchtlingen tatsächlich helfen könnte! Mitleid und Herrje-Geschrei allein lösen nun mal keine Probleme!
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  • Kommentar von L. Leuenberger (L.L.)
    «Die Migration ist zur Industrie geworden. Es handelt sich um ein Produkt, das die Schlepper verkaufen. "..."Hätte ich gewusst, wie es hier auf Lesbos ist, ich wäre nicht gekommen."...Man hat den Menschen falsche Hoffnungen gemacht und aus ihnen sind unzufriedene und enttäusche Migranten geworden. Die fatale Willkommenskultur Brüssels hat viele Menschenleben auf dem Gewissen. Das Schleppertum gedeiht weiterhin, die unglaubwürdige Migrationspolitik Brüssels ist hoffnungslos gescheitert.
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