Seit dem Ausbruch des Krieges am letzten Samstag durchqueren fast keine grossen Schiffe die Strasse von Hormus am Persischen Golf. Das iranische Militär hatte kurz nach Beginn des Angriffs der Vereinigten Staaten und Israels alle Schiffe aufgerufen, die Meerenge zu meiden, «sie sei derzeit unsicher».
Die Reedereien reagierten trotzdem rasch. Viele Schiffe in der Gegend machten eine Kehrtwende, ankerten oder wurden auf alternative Routen umgeleitet.
Es gibt zwar keine Hinweise darauf, dass Iran eine konsequente militärische Blockade der Wasserstrasse versucht. Gleichzeitig kam es aber zu mehreren Zwischenfällen im Golf, deren Ursprung noch nicht abschliessend geklärt ist: So brach laut verschiedenen Medienberichten auf dem Tanker Skylight vor der Küste Omans nach einem Treffer Feuer aus und offenbar wurden auch zwei weitere Tanker in der Region angegriffen und leicht getroffen. Laut Tankertrackers.com, einem Unternehmen, das weltweite Öllieferungen überwacht, befanden sich am Samstag noch 55 Öltanker in iranischen Gewässern – 18 mit Rohöl beladen und 37 leer.
Die schmale Wasserstrasse von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und dem offenen Indischen Ozean. Sie ist tief und breit genug für die grössten Rohöltanker der Welt und zählt zu den wichtigsten Öltransportrouten weltweit.
Knapp 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung durchqueren die Strasse. Den grössten Teil des Rohöls liefert Saudi-Arabien, grösster Abnehmer ist China:
Für Asien hat die Passage eine herausragende Bedeutung: 34 % der für China bestimmten Rohöl-Lieferungen und Kondensate laufen durch die Strasse von Hormus, ebenso 13 % jener für Indien, 12 % für Südkorea, 11 % für Japan und weitere 15 % für den restlichen asiatischen Markt. Das sind 85 % des durch die Meerenge transportierten Rohöls. Europa hingegen bezieht nur rund 5 % seiner Lieferungen über diese Route.
Betroffen sind auch LNG-Lieferungen (Flüssiggas). Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten LNG – vor allem aus Katar – durchquert Hormus.
Iranisches Öl fehlt sowieso
Der Iran selbst zählt zu den vier grössten Ölproduzenten innerhalb der Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec). Während Saudi-Arabien etwa 34 % des Opec-Outputs stellt, entfallen auf den Irak 15 % und sowohl auf die Vereinigten Arabischen Emirate als auch auf den Iran jeweils rund 12 %. Die 3.3 Millionen Barrel iranischer Tagesproduktion entsprechen knapp 3 % der globalen Förderung – ein abruptes Wegbrechen dieses Volumens dürfte die Preise unabhängig von der Sperrung der Meerenge beeinflussen.
Berichten zufolge wurde zudem eine Raffinerie im Iran angegriffen, was die Inlandsversorgung beeinträchtigt. Weitere Meldungen sprechen von Luftschlägen gegen die Insel Charg, wo zentrale Teile der iranischen Ölexport-Infrastruktur liegen.
Kaum Alternativen zu Hormus
Zwar existieren einige Pipelines, die die Strasse von Hormus umgehen, doch können sie die Bedeutung der Meerenge nicht vollständig kompensieren: Saudi-Arabien verfügt über eine Leitung von der Ost- zur Westküste des Landes mit einer Kapazität von 5 Millionen Barrel pro Tag; die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben eine Pipeline zum Golf von Oman, die täglich 1.5 Millionen Barrel transportieren kann. Irak nutzt eine kleinere Verbindung zwischen der Türkei und dem Mittelmeer. Dennoch bleibt die Strasse von Hormus strategisch unverzichtbar – nicht zuletzt, weil sich in der Region wichtige US-Militärstützpunkte befinden.
Preisschocks und Lieferkettenprobleme drohen
Aktuell sind die weltweiten Lager gut gefüllt, aber ein längerer Ausfall von fast einem Fünftel der weltweiten LNG- und der Ölversorgung könnte regelrechte Preisschocks auslösen – Öl bleibt der wichtigste Rohstoff des internationalen Handels. Zusätzlich drohen Beeinträchtigungen der globalen Lieferketten, sollten Containerschiffe behindert werden.