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Legende: Audio Schoonschip – nachhaltig wohnen auf dem Wasser abspielen. Laufzeit 05:05 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 23.07.2019.
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Innovativ leben in Amsterdam «Schoonschip» – nachhaltig und sozial auf dem Wasser wohnen

Mit einem möglichst geringen ökologischen Fussabdruck leben: In Amsterdam ist solch ein Quartier Wirklichkeit geworden.

Ein Richtfest mit heranfahrenden Hausbooten gibt es nicht alle Tage. Doch genau dafür haben sich die rund hundert Bewohnerinnen und Bewohner des nigelnagelneuen Amsterdamer Viertels «Schoonschip» entschieden.

Schliesslich ist es das erste Mal, dass in Europa ein schwimmendes Quartier entsteht, das nicht nur äusserst sozial, sondern zu hundert Prozent nachhaltig und kreislaufwirtschaftlich organisiert ist.

Legende: Video Die etwas anderen Hausboote abspielen. Laufzeit 01:01 Minuten.
Aus News-Clip vom 06.06.2019.

Nicht nur Bekannte und Nachbarinnen kommen vorbei. Auch Marieke van Doorninck, die in der Stadtregierung für Nachhaltigkeit zuständig ist, macht den Bewohnern ihre Aufwartung. Die Pioniere von «Schoonschip» hätten enorme Ausdauer und ein langes Durchhaltevermögen gehabt, lobt die Exekutivfrau: «Sie mussten sehr oft Dinge neu erfinden.»

Der Stadt kommt das innovative Viertel sehr entgegen. Denn das Wiederverwenden von allerlei (Grund-)Stoffen wird stark propagiert; bis 2050 will Amsterdam vollständig auf Kreislaufwirtschaft umgestellt haben. Entsprechend haben die Beamten im Rathaus jeweils tatkräftig mitgeholfen, um eine einvernehmliche Lösung für die umweltfreundlichen Anliegen der Pioniere von «Schoonschip» zu finden.

Familie steht auf einem Steg.
Legende: SRF

An einem der fünf langen Stege stehen Martijn und Natalie mit ihren Söhnen und schauen zu, wie ihr schwimmendes Holzhaus vertäut wird. Zehn Jahre habe er auf diesen Moment gewartet, erzählt der 44-jährige Journalist. Er strahlt vor Glück und kann es noch immer kaum glauben, dass es ihm und seinen Freunden trotz vieler Hürden geglückt ist, dieses emissionsarme Viertel auf die Beine zustellen.

Tatsächlich besteht «Schoonschip», dessen Name sowohl «sauberes Schiff», als auch «reinen Tisch machen» bedeutet, aus insgesamt 46 Haushalten auf 30 Wohnbooten. Sauber sind diese auf einem Kanal im Amsterdamer Stadtteil Noord schwimmenden Schiffe tatsächlich.

500 Sonnenkollektoren als «Kraftwerk»

Für deren Bau wurden ausschliesslich nachhaltige oder wiederverwertbare Materialien wie Holz oder Flüssigkork verwendet. Wärmepumpen sind für die Heizung im Winter und die Kühlung im Sommer verantwortlich. Auf den Dächern grünt und blüht es – neben vielen Sonnenkollektoren. Insgesamt bilden 500 Module zusammen das «Kraftwerk» von «Schoonschip».

Die Sonnenenergie wird in Batterien in den Bäuchen der miteinander verbundenen Schiffe aufbewahrt oder ans Netz verkauft und zu einem günstigeren Zeitpunkt zurückerworben. Den optimalen Zeitpunkt für solche Transaktionen errechnet ein eigens für dieses Projekt geschriebenes Softwareprogramm.

Dünger aus Toilettenwasser

Dieses sogenannte «Smart Grit» sei in den Niederlanden (noch) verboten, erklärt Städtebauer Sascha Glasl, der den Masterplan für das ganze Quartier erstellt hat: «Wir haben vom Ministerium in Den Haag einen Experimentierstatus bekommen, damit wir das jetzt erproben können.»

Eigenbesitz ist out

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Die kreislaufwirtschaftliche Ausrichtung der Stadt zieht immer grössere Kreise. Teilen, Wiederverwerten, Leasen oder Mieten auf Zeit wird in Amsterdam zu einer immer normaleren Sache. Zu den bekannten Secondhand-Shops gesellten sich in letzter Zeit spezialisierte Betriebe, die Waschmaschinen, Espresso-Maschinen und selbst Betten oder Teppiche im Monatsabo offerieren. Und Ikea bietet Studierenden für 20 Euro monatlich ein Bett, einen Schrank sowie ein Sofa an – zusammengebaut und frei Haus geliefert. Nach zwei Jahren renoviert der skandinavische Möbelmulti die Wohnutensilien, um sie erneut zu vermieten.

Die Amsterdamer Wasserwerke boten Hand für eine andere Pionierleistung. Dank dieser wird das «schwarze» Toilettenwasser des Viertels nun in einer nahegelegenen Bioraffinerie in Gas und Dünger umgewandelt.

30 Architekten für 30 Boote

Beim Betreten der fünf Stege fällt ins Auge, dass sich jedes Hausboot vom anderen unterscheidet. Nicht nur farblich, sondern in erster Linie im Design – es waren schliesslich auch 30 Architekten am Werk.

Sie mussten sich alle an die Auflagen von Städtebauer Glasl halten. Dazu gehörten unter anderem die optimale Isolation der Wände sowie dreifach verglaste Fenster, aber auch etwa die bauliche Beschränkung von maximal zwei Etagen über Wasser.

Legende: Video Ein Haus von nahem abspielen. Laufzeit 00:21 Minuten.
Aus News-Clip vom 06.06.2019.

Kein eintöniges Quartier

Selbstverständlich waren nur natürliche oder wiederverwertbare Baumaterialien zugelassen. Der am meisten verwendete Grundstoff ist Holz – in allen Farben und Schattierungen.

Eintönig ist das unübliche Viertel deswegen nicht geworden, im Gegenteil: Es gibt Wasserhäuser, die nautisch passend mit Bullaugen ausgestattet sind, andere verfügen über ganze Glasfronten. Und bei einer Wasservilla wurde gar ein Treibhaus angebaut.

Ein Dorf in der Stadt

Um herauszufinden, wie sich die rund 100 Menschen das zukünftige Zusammenleben vorstellen, hatte Glasl mehrere Workshops organisiert. «Ihr grösster Wunsch war, dass ‹Schoonschip› ein richtiges Dorf wird», hat Glasl herausgefunden. Deshalb die Beschränkung auf zwei Stockwerke.

Und um den dörflichen Charakter noch mehr zu unterstreichen, liess er an den fünf Längsstegen Querverbindungen anlegen. Auf diese Weise entstand eine Privatstrasse.

Keine Zeit für einen Schwatz

Das kann auch Nachteile haben. «Wir müssen an der nächsten Sitzung besprechen, wie wir mit unseren ständigen Treffen umgehen», sagt Marjan de Blok lachend. Die 41-Jährige hat vor über zehn Jahren die Initiative für dieses Viertel ergriffen.

In der langen Vorbereitungszeit sei die Gruppe zu einer engen Freundesclique zusammengewachsen. Aber jetzt, wo sie alle zusammenwohnten, hätten sie nicht immer Zeit für einen Kaffee: «Manchmal musst du schlicht zur Arbeit», sagt De Blok.

«Das macht doch alle glücklich»

Noch ist das Viertel nicht fertig. Es fehlt beispielsweise der geplante kollektive Raum, in dem dereinst Lesungen abgehalten und Kurse durchgeführt werden sollen.

Auch darauf freut sich der Journalist Martijn. Doch im Moment schaut der Niederländer gedankenverloren auf das Wasser neben seinem soeben am Steg vertäuten neuen Haus. Sozial und nachhaltig mit anderen zusammen leben, dafür habe er sich in den letzten zehn Jahren eingesetzt: «Die Umwelt so wenig wie möglich belasten, lieb und nett sein zueinander, das macht doch alle glücklich.»

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8 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip  (W. Pip)
    Toll. Wäre auch ein Konzept bei uns. Ich habe es mal mit aktuell salonfähiger Logik nachgrerechnet: Würden wir nur unsere 5 grössten Seen mit Schwimmhäusern von sozialideologiekonformen 60m2 zubauen, könnten wir Wohnraum für sicher 20 Mio. zusätzliche Menschen schaffen! Fabelhaft! Emissionsmässig ist es ja kein Problem, dies ja Pro Kopf abnimmt... Nicht wahr?
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  • Kommentar von Mark De Guingois  (MDG)
    Ich finde sowas sehr schön und erfrischend. Allerdings stelle ich mich ein paar Fragen... Warum müssen solche Häuser auf dem Wasser gebaut werden? Wie sieht es bei Hochwasser aus, wenn es stürmt, oder wenn das Wasser anfängt unangenehm zu riechen. Kann man die Quartiere einfach umstellen (Nachbar austauschen)?
    Die Frage der jährlichen Kosten {im Vergleich zu einer üblichen Wohnung) für den Einwohnern wäre auch interessant (ist es jedem finanziell tragbar?)
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  • Kommentar von antigone kunz  (antigonekunz)
    Liebe SRF, dass freut micht schon sehr, dass Ihr immer wieder solche Berichte über 'Reallabore' für eine Zukunft des Miteinanders von Mensch und Mitwelt bringt. Wir brauchen ganz viele solche 'Biotope' und Inspirationen. Merci.
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    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      So einen ähnlichen Versuch gab es auch in der Nähe wo ich wohne, einfach mit kleine Häusern, viel Grün und Gemeinschaftsraum, alles vernetzt usw. Resultat nach ein paar Jahren: der absolute totale Krach. Die halbe Sieglung verkaufte ihre Haus und zog weg.
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    2. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      Darum braucht es viele, viele und an den unterschiedlichsten Orten und von den Erfahrungen den Anderen lernenden solche Reallabore. Grundlegender Wandel wächst von Unten nach Oben und von Innen nach Aussen. Inspirieren könnten wir uns auch an Klostergemeinschaft und an einem Benedikt von Nursia, den Beginenhöfen etc. etc. Gemeinschaft lässt sich nicht herstellen und ergibt sich organisch. Da wären dann die Pflanzen unsere Lehrmeisterinnen, Herr Müller.
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    3. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Die Pflanzenwelt ist alles andere als friedlich Frau Kunz. Viele Pflanzen sondern Säfte ab damit um sie herum nichts anderes wächst. Andere haben Stacheln und Dornen zur Abwehr und wieder andere lösen Insekten auf und absorbieren diese. Noch andere enthalte die stärksten psychoaktive Substanzen die wir kennen. Die Flora ist ein einzige riesiges Schlachtfeld um Ressourcen. Der schwächere verliert - totale Anarchie.
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    4. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      @müller: Ja, die Pflanzen sind ortsabhängig und müssen dort klar kommen wo sie sind. Leben wird nie ohne Konflikte von statten gehen. Leben und überleben hat nicht mit Nettigkeit zu tun, dennoch von den Pflanzen können wir lernen: hier sind wir, hier müssen wir handeln. Als komplexere Wesen sollten wir Konflikte, auch harte Auseinandersetzung wie auch enges Miteinander nicht scheuen. Kriegerische Lösungen sind waren und werden nie Lösungen sein. "Flora als 'Schlachtfeld' "ist etwas reduziert...
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    5. Antwort von antigone kunz  (antigonekunz)
      ....und Anarchie sollte als der absolute Wunsch nach Demokratie unter freien Menschen verstanden werden, Herr Müller. Dieser Begriff wird doch oft sehr beliebig eingesetzt....
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